Was können wir von Dietrich Bonhoeffer lernen?

Dem Rad in die Speichen greifen
Dietrich Bonhoeffer

epd-bild / Gütersloher Verlagshaus

Dietrich Bonhoeffer im Hof des Wehrmachts-Untersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel. Am 9. April 1945, wurde der evangelische Theologe Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer kämpfte gegen Hitler. Vor 75 Jahren wurde er ermordet. Heute lesen sogar Oppositionelle in der Gefängniszelle in China seine Schriften

Vorgelesen: Standpunkt "Dem Rad in die Speichen greifen"

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

So lauten die bekanntesten Worte, die von Dietrich Bonhoeffer überliefert sind. Mit ihnen endet das wichtigste geistliche Gedicht des 20. Jahrhunderts. Das Gedicht war das letzte Zeichen der Liebe zu seiner Braut Maria von Wedemeyer. Diese Liebe blieb ebenso Fragment wie das Leben des Berliner Theologen, das am 9. April 1945 durch einen Justizmord ein jähes Ende fand. Im Konzentrationslager Flossenbürg wurde Bonhoeffer nach einem standgerichtlichen Verfahren umgebracht. Mit 39 Jahren starb er als Opfer von Adolf Hitlers Rachsucht gegen die Verschwörer des 20. Juli. Er ahnte ­dieses Ende; aber für ihn war es zugleich ein Beginn.

Wolfgang Huber

Wolfgang Huber ist Professor für ­Theologie in Berlin, Heidelberg und ­Stellenbosch (­Südafrika). Er war ­Vorsitzender des ­Rates der EKD­- und Bischof der Kirche Berlin-­Brandenburg-schlesische Ober­lausitz sowie Mitglied im Deutschen ­Ethikrat. Als Theologe setzt er sich vor allem mit ethischen Fragen auseinander. 2019 erschien von ihm das Porträt "­Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit" (C.H. Beck).
Rolf Zöllner/epd-bildWolfgang Huber

In der Gewissheit, dass der gewaltsame Tod sein Leben nicht zunichtemachte, zeigte sich sein Gott­vertrauen. Bonhoeffer orientierte sich an Jesus – seiner Menschlichkeit, seinem Kreuzestod, seiner Aufer­stehung. Darin fand er einen festen Anker. Dass Bonhoeffers Tod ein Beginn war, bestätigte sich darüber hinaus in einer Weise, die er selbst nicht ahnen konnte. Denn sein Leben gewann ­eine Ausstrahlung, die über alles, was er hatte bewirken können, weit hinausgeht.

Weil er sich aus Glaubens­überzeugung und Gewissenspflicht dem Widerstand gegen Hitler anschloss, ­wurde er schon bald nach ­seinem Tod als Märtyrer gewürdigt. Die Briefe, Aufzeichnungen und Gedichte aus der Haft, die nach seinem Tod ver­öffentlicht wurden, entfalten bis ­heute eine weltweite Wirkung. In ­vielen ­Ländern der Erde – von ­Japan bis ­Brasilien, von Südafrika bis ­Polen – wird er als Vorbild ge­achtet. Sein Beispiel ermutigt zum Widerstand gegen ungerechte Regime, zum Eintreten für den ­Frieden, zur Zivilcourage im Ringen um den richtigen politischen Weg. In China lesen Angehörige der politischen ­Opposition in der Gefängniszelle seine Briefe aus der Haft; in vielen Kirchen der Welt ermutigt er zu neuen Formen der christlichen Existenz.

Auch er haderte mit seinem Schicksal

In seinem letzten Gedicht findet das Gottvertrauen in schwierigster Zeit einen ebenso starken wie behutsamen Ausdruck. Natürlich haderte er mit seinem Schicksal; in der Einsamkeit der Gefängniszelle war er oft der Verzweiflung nahe. Aber ­seine ­Glaubensgewissheit half ihm, vor Schwierigkeiten nicht zu kapitulieren, Enttäuschungen produktiv zu verarbeiten und der Todesangst zu trotzen.

Von Anfang an stand er in ­klarer Opposition zu Hitlers Herrschaft und beteiligte sich schließlich aktiv am politischen Widerstand. Mehrfach verließ er Deutschland, um sich ­neuen Erfahrungen auszusetzen. ­Italien, Spanien, die USA, Großbri­tannien waren Länder, in denen er sich ­längere Zeit aufhielt. Aber er kehrte immer wieder zurück, selbst als dies lebensgefährlich wurde.

Im Sommer 1939 fielen die ­Würfel. Er wurde in die USA eingeladen, wo man ihm anbot, auf Dauer zu bleiben. Doch über die Möglichkeit des Exils erschrak er zutiefst. Es kam ihm wie ein Verrat an seinen Freunden, an seiner Fa­milie und an den von ihm ausgebildeten Pfarrern vor. Wie sollte er nach dem Krieg am Wiederaufbau Deutschlands mitarbeiten, wenn er den Krieg nur aus der Ferne miterlebt hätte?

Flucht vor der Verantwortung kam nicht infrage

Er war entschlossen, den Kriegsdienst in Hitlers Wehrmacht zu verweigern – nicht weil er ein prinzipieller Pazifist war, sondern weil er die Beteiligung an einem ­offenkundig ungerechten Krieg ablehnte. Doch dann öffnete ihm sein ­Schwager Hans von Dohnanyi den Weg zu einer Tätigkeit im militärischen Geheimdienst der deutschen Wehrmacht. In dieser Funktion ­stellte er nicht nur seine internationalen Verbindungen in den Dienst der "Feindaufklärung". Viel wichtiger war, dass er seine Kontakte für die ­Widerstandsgruppe nutzte, die sich in ­seiner Berliner Dienststelle bildete. Ihr wuchs schnell eine Schlüsselrolle für die Zusammenarbeit zwischen dem militärischen und dem zivilen Widerstand gegen Hitler zu.

Offiziell war er Mitglied des mili­tärischen Geheimdiensts, im Ver­borgenen Angehöriger der Ver­schwörung gegen den "Führer". Das allein kann einen Menschen schon in Atem halten. Dennoch richtete sich Bonhoeffers Blick über die Forderungen des Tages hinaus. Die Flucht vor der Verantwortung kam für ihn nicht infrage. Nicht wie er sich ­"heroisch aus der Affäre ­ziehen", ­sondern wie "eine kommende Generation weiterleben" könne, war für ihn die entscheidende Frage. Wie sollte Deutschland nach dem er­hofften ­Ende der Naziherrschaft aussehen? Wie ließ sich erreichen, dass Menschen in ihrem Lebensrecht wie in ihrer Freiheit ­gleichermaßen geachtet wurden? ­Fragen dieser Art ließen ihm keine Ruhe.

Ein Wagnis für andere eingehen

Er motivierte andere, sich damit zu beschäftigen. Er selbst bearbeitete sie, solange er sich noch frei be­wegen konnte, in einem Manuskript, das grundlegenden Fragen der Ethik gewidmet war. Er schärfte vor allem die Verantwortung für fremdes wie für das eigene Leben ein. Lebte er in ­unserer Zeit, würde er auch den nachhaltigen Umgang mit der Natur hervorheben und darauf drängen, dass wir durch unsere Lebensge­staltung nicht den Lebensraum derer zer­stören, die nach uns kommen. Der Klimawandel ist eine Herausforderung, auf die man Bonhoeffers Einsichten praktisch anwenden kann.

Ebenso wichtig war ihm die ­Frage nach der künftigen Gestalt der ­Kirche. Sie bedrängte ihn besonders in der Einsamkeit der Gefängnis­zelle. Die Kirche verfehlte nach seiner Überzeugung ihren Auftrag, ­solange sie nur um sich selbst kreiste und in der Selbstverteidigung befangen blieb. Es kam darauf an, ein Wagnis für andere einzugehen. Vor allem das Schicksal von Jüdinnen und Juden stand Bonhoeffer bei einer solchen Forderung vor Augen. Der Glaube konnte nicht länger auf die fromme Innerlichkeit beschränkt bleiben oder auf das Weltbild vergangener Zeiten gestützt werden. Bonhoeffer verstand den Glauben als eine Haltung, die das Leben bestimmt. Eine solche Erneuerung des Glaubens und der Kirche gehörte zu den großen Hoffnungen, die zeit seines Lebens uneingelöst blieben.

Diese Hoffnung kann uns heute beflügeln. Sie begründet das Ein­treten für nachhaltige Entwicklung, für die Überwindung von Armut und die Bekämpfung des Hungers in der Welt. Eine "Kirche für andere" in Bonhoeffers Sinn steht auf der Seite von Menschen, die in ihrer Freiheit bedroht sind und um Leib und ­Leben fürchten müssen. Sie wendet sich ­denen zu, die vereinsamen und Angst vor der Zukunft haben. Sie hilft ­Menschen, zuversichtlich zu leben und getröstet zu sterben.

Den Opfern beistehen

Bonhoeffers Leben blieb Fragment. Doch es ist erstaunlich, wie viel in diesem Leben Raum hatte. Die Leidenschaft für die Musik, die Lust am Spiel, die Kunst der Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe gehörten genauso dazu wie das Wirken für Kirche und Theologie, für die Ermutigung junger Menschen und für die Ausbildung künftiger Pfarrer.

Der Politik so viel Platz in seinem kurzen Leben einzuräumen, hatte er nicht geplant. Es waren die Umstände der Zeit, die dazu nötigten. Er wollte den Staat an seine Aufgabe erinnern, für ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen. Er erkannte die ­Notwendigkeit, den Opfern unter dem Rad von Unfrieden und Ungerechtigkeit beizustehen. Er erlebte, dass es in bestimmten Situationen nicht reicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden. Dann gilt es, dem Rad selbst in die Speichen zu greifen.

Wir leben in anderen Zeiten. Doch Bonhoeffers Vorbild kann uns helfen, die Zeichen unserer Zeit wahr­zunehmen, bevor es zu spät ist: Wenn die demokratischen Institu­tionen der Lächerlichkeit preisge­geben werden, ist Widerstand angesagt, nicht ­Kumpanei. Wenn die Möglichkeiten einer freien Gesellschaft genutzt werden, um gegen Minderheiten ­Stimmung zu machen, ist Parteinahme nötig, nicht Gleichgültigkeit. Wenn Antisemitismus um sich greift, gilt auch heute Bonhoeffers berühmter Satz: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen."

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Lesermeinungen

Bischof Huber schreibt:
Ebenso wichtig war ihm die Frage nach der künftigen Gestalt der Kirche. [. . .]
Die Kirche verfehlte nach seiner Überzeugung ihren Auftrag, solange sie nur um sich selbst kreiste und in der Selbstverteidigung befangen blieb.
Inwieweit der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD mit dafür verantwortlich ist, dass auch die heutige evangelische Kirche um sich selbst kreist, weil Ökonomen z.B. von der Wirtschaftsberatung McKinsey den Kurs bestimmen, kann man seriös nicht in einem Satz beantworten. „Die Kirche der Freiheit“ von 2006 hat er an führender Position mit zu verantworten.

Mit großer Irritierung habe ich lesen müssen, das Sie (bzw W. Huber) in dem kleinen Artikel über Bonhoeffer die letzte Strophe seines Geichts von den "guten Mächten" immer noch falsch zitieren, wnen Sie schreiben (lasssne): "Gott ist mit uns alle Tage...". So ist es zwar ursprünglich leider inden ersten Ausgane Ausgaben überliefert, aber seit das Original in Bonheofers Handschrift (Faksimile überall einsichtbar) vor ca. 30 Jahren aufgetaucht ist, heißt es nun richtig: "Gott ist bei uns alle Tagr...". Das ist ein wesentlicher und nicht njur beiläufiger Unterschied? Was ist so wesentlich? "Mit" würde pausbäckig bedeuten: Gott wird für die eigene Zwecke vereinahmt ( wie es z.B. im 1. Weltkrieg auf den Koppelschlössern der deutschen und französischen Soldaten gleichermaßen stand: "Gott mit uns" . "Mit" wem wohl also zog Gott in den Krieg, mit den Fanzsosen oder den Deutschen?), Got im Gnazen also "Erfüllungsgehilfe" meiner geheimen Wünsche. Das gerade hat Bomnhoeffer vehement abgelehnt udn als "religiöse" Vereinnahmung Goittes bezeichnet. "Bei" hei0t aber. Gott ist "bei" mir im Gelingen wie auch kim Nicht-Gelingen., Gott ist "bei" mir, auch wenn er meinemn geheimen Wünschen widerspricht, zu meinen Wünschen Nein sagt. In der Sprache Bonheoffers, "Mit" ist religiöse Inbesitznahme Gottes "Bei" lässt den nicht-religiösne Gott seine Freiheit, auf seine unvorhersehbare Weise"bei" mir zu sein, ohne "mit" mit meine eigenmächtige Wege zu gehen.
Fazi: Es ist sehr schade, mehr noch: theologisch höchst gefährlich und gedankenlos,, wenn Sie oder gar W. huber, was noch viel schlimmer wäre, diesen alten Fehler, der längst durch Bonhoeffers eigenes Votum korrigiert istg, immer wieder neu zum Schaden theologischer Redlichkeit und vor allem des konkreten Glaubens weiter kolportieren würden.
Axel Denecke

Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihre Aprilausgabe lese ich am 75. Jahrestag Schwester Elisabeth Rivets, die am Karfreitag, dem 30.3.45 im KZ Ravensbrück ihr Leben für eine mitinhaftierte Mutter hingab. Umso herzlicheren Dank für Wolfgang Hubers intellektuell und geistlich herausragender Würdigung Bonhoeffers, dessen 75. Jahrestag seines Martyriums diesen Gründonnerstag anstehen wird – mitten in der Covid-19-Pandemie. Warum, Gott, dieses weltweite Leid? Bonhoeffers Antwort lautet, ähnlich wie Paul Gerhardt 300 Jahre zuvor in seinem Adventslied „Wie soll ich Dich empfangen“: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“
Gott, der die Liebe ist, hat uns in der Geburt und im Kreuzestod Jesu offenbart, dass er im Leid bei uns ist und uns tröstet, ja sogar im Tod himmlische Vollendung schenkt. Dieses Mitleid(en) unseres Schöpfergottes ist die personale Antwort auf die Frage, weshalb ein Gott bedingungsloser Liebe das Leid zulassen könne. Gott antwortet auf unser "Warum?" nicht theoretisch, sondern trocknet höchstpersönlich an unserem Jakobsbrunnen, an unserem Lazarusgrab, am Ölberg unsere Tränen.
Nur diese, aus eigener Leiderfahrung geborene Antwort auf das gen Himmel schreiende „Warum?“ vermag Trost zu spenden. Hoffentlich lesen viele Zeitgenossen Wolfgang Hubers aktuelles Buch über Bonhoeffer – Seelenspeise zur rechten Zeit.
Mit freundlichen Grüßen
Pfarrer Felix Evers