Und nach der Coronakrise? Mehr Hilfe für Alleinerziehende!

"Mütter können nicht weg laufen"
Mütter können nicht weg laufen"

kieferpix / iStockphoto

Mütter können nicht weg laufen"

In der Coronakrise haben wir die Alten im Blick. Aber was ist mit den alleinerziehenden Müttern? Ein Kölner Pfarrer hilft - und fordert für die Zeit nach der Pandemie ein Grundeinkommen.

chrismon: Wer braucht in diesen Corona-Tagen besonders viel Hilfe – die isolierten Alten, oder?

Hans Mörtter: Von wegen. Wir sind als Kirche fokussiert auf die "armen Alten", wir rufen die gerade alle an. Und es stellt sich raus: Viele sind viel fitter und mobiler, als wir denken. Und großenteils super vernetzt in der Nachbarschaft. Sie werden überhäuft mit Hilfsangeboten, wir haben mehr junge Leute, die einkaufen wollen, als bedürftige Alte. Toll! Nein, bei mir standen allein gestern sechs junge Mütter in der Kirche, die nicht wissen, wie sie jetzt das Essen für ihre Kinder bezahlen sollen...

Hans Mörtter

Hans Mörtter, 64, ist Pfarrer an der Lutherkirche in Köln
epd

Was ist da los?

Das sind alleinerziehende Mütter mit zwei, drei Kleinkindern, die Kita hat zu. Bei einer Mutter war das Jugendamt da und sagte, auf keinen Fall raus auf den Spielplatz. Die brauchte Spielzeug. Ich habe ihr Jackson-Kreide gegeben, damit kann man ganz toll malen, sowas hab ich immer da. Und eine Kinderbibel. Am meisten fehlt Malzeug. Das ist richtig teuer.

Aber essen müssen die Kinder doch auch zu Nicht-Corona-Zeiten.

Die essen sonst in der Kita. Und deshalb sind Essenskosten im Hartz-IV-Plan nicht vorgesehen. Das muss politisch geregelt werden, der Rat der Stadt Köln muss sich kümmern. Es gibt schon eine Regelung, dass Familien 178 Euro Kinderbeitrag kriegen, weil sie jetzt nicht die Kita in Anspruch nehmen. Das gilt aber nicht für Hartz-IV-Familien. Wir machen da jetzt politisch Druck – aber das dauert. Hunger haben die Kinder aber schon heute.

Und wieviel geben Sie?

Naja. Manche Kirchengemeinden geben einen Aldi-Gutschein für zehn Euro, aber was machst du mit zehn Euro? Ich habe einer Frau, die wirklich sehr in Not war, 250 Euro in die Hand gedrückt, und die fing wie jeck an zu weinen. Und wenn sie sich davon außer Essen auch noch ein neues Kopfkissen kauft, weil das alte durch war – egal. Kontrolliere ich nicht. Würde ist, dass die Mütter das selber entscheiden können.

Warum kommen die Mütter ausgerechnet in diese Kirche?

Ich mach seit 15 Jahren eine Weihnachtswunsch-Aktion. Da können Kinder sich wünschen, was sie wollen – daher wissen viele Mütter, dass ich sie nicht hängen lasse.

Kommt das Geld aus der Kirchensteuer?

Nein! Aus der Kirchensteuer bekommt meine Gemeinde 38.000 Euro im Jahr, davon bezahle ich Briefmarken, Toner für den Drucker und den Webmaster.  Alles was ich mache, finanziere ich ausschließlich aus Spenden. Ich habe hier Leute, die spenden fünf Euro, andere 500. Hier spricht sich das rum, und wenn es drauf ankommt, sind Leute solidarisch. Notfalls hau ich auf die Pauke.

Nach der Corona-Krise – was muss sich ändern?

Hartz IV ist unwürdig. Jede Mutter in diesem Land muss ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen. Damit sie sich auch mal ein Kleid kaufen kann, das ist selbst im Second-Hand-Laden ganz schön teuer! Und die Jugendämter müssen allen jungen Schwangeren das Rückgrat stärken, ihnen ins Leben helfen, in die Ausbildung.

Und was haben sie noch über alleinerziehende Mütter gelernt in den letzten Tagen?

Dass Mütter, übrigens Mütter auf der ganzen Welt, da sind, wenn die Katastrophe eintritt. Männer sind weg. Mütter können nicht weglaufen.

Spendeninfo

Pfarrer Mörrter freut sich über Spenden:

Spendenkonto:
Evangelische Gemeinde Köln
IBAN: DE493705019800077020 12
Stichwort: Lk-Corona

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