Interview mit Riad Satouff "Der Araber von morgen"

"Mein Vater bewunderte Gaddafi"
Buch - Der Araber von morgen

Riad Sattouf/Penguin Verlag

Tschüs, Papa! Riad Sattouf ist der blonde Teenager, der seinen Vater im Nahen Osten zurück­lässt und mit dem Rest der Familie in die Bretagne zieht

Buch - Der Araber von morgen

Der Franzose Riad Sattouf zeichnet für Menschen, 
die sonst keine Comics lesen. "Der Araber von ­morgen", die Geschichte seiner Kindheit, ist eine 
der erfolgreichsten Comicreihen der Gegenwart.

chrismon: Sie sind Sohn eines Syrers und einer Französin. Welcher Religion gehören Sie an?

Riad Sattouf: Als ich jünger war, bin ich oft gefragt ­worden, ob ich muslimisch sei wie mein Vater oder christlich wie meine Mutter. Ich habe nie an Gott geglaubt, obwohl ich es oft versucht habe. Aber ich war immer besessen von ­Menschen, die Bücher machen, vor allem von Comiczeichnern. Ich bin ein riesiger Fan von Antoine de Saint-Exupéry und Hergé, der "Tim und Struppi" gezeichnet hat. Ihre Illustrationen stehen auf meinem Schreibtisch, ich ­habe Originalausgaben von Saint-Exupéry. Früher ­habe ich mich auf jeden neuen Band von Hergé gestürzt. ­Ihre Bilder sind für mich das, was für religiöse Menschen ­
Reliquien sind. Ich frage mich oft, was Saint-Exupéry ­denken würde oder auch Joseph Kessel.

Riad Sattouf

Riad Sattouf, ­geboren 1978 in Paris, ist Zeichner und 
Filmemacher. Er wuchs in Libyen und Syrien auf und kehrte mit 13 Jahren nach Frankreich zurück. Dort studierte er ­Animation und wurde bald zu einem der ­bekanntesten Comic-­Künstler. "Der Araber von morgen", Band 1–4, ist im Knaus­Verlag, München, ­erschienen.
Grangier/Corbis/GettyImagesRiad Sattouf

Stephanie von Selchow

Stephanie von Selchow ist freie Journalistin in Frankfurt am Main. Sie schreibt am liebsten über Menschen und Bücher und Menschen, die Bücher schreiben. Außerdem leitet sie die Schulbibliothek der Europäischen Schule Frankfurt, in der Kinder Bücher in 17 Sprachen finden. 
Rui Camilo

Wer war das?

Ein französischer Journalist und Abenteurer. Wenn man religiös ist, denkt man doch auch oft an seine geistlichen Führer. Literatur ist für mich wie Religion, Büchermachen ist meine Identität, meine Art von Spiritualität.

Also ganz ohne Spiritualität geht es nicht?

Spiritualität gehört zum Menschen. Man kann sie nicht verleugnen. Wenn man es versucht, kommt sie als ­Mons­ter zurück. Das erleben viele kommunistische Systeme, die die Religion unterdrückt und bekämpft haben. Dann taucht sie irgendwann als Zerrbild wieder auf.

"Modernität und Tradition stritten sich in meinem Vater"

Welches Verhältnis hatte Ihr Vater zur Religion?

Mein Vater kam aus einer sehr armen bäuerlichen Familie in Syrien. Er war der jüngste Sohn und der Einzige, der zur Schule gehen durfte, weil seine Geschwister schon alle auf dem Feld arbeiteten. Er war ein so guter Schüler, dass er ein Stipendium an der Sorbonne bekam und es bis zum Doktor der Geschichte an der Sorbonne gebracht hat. Er wollte aber nicht in Europa arbeiten, sondern nach Syrien zurückgehen. Er wollte ein moderner Araber sein. Frei von Religion, von Aberglauben, von den USA, von der UdSSR. Er hat eine junge Französin geheiratet. Dann ist er erst mit ihr nach Libyen, dann nach Syrien gezogen.

Wie modern war er wirklich?

Er wollte modern sein, dachte aber gleichzeitig sehr ­traditionell, glaubte an Heilige und an Magie. Modernität und Tradition stritten sich in ihm. Er wollte Fortschrittlichkeit mit Religiosität zusammenbringen. Aber je älter er wurde, desto mehr Raum nahm die Religion ein. Er war ein Traditionalist, kein Fundamentalist. Aber er ­wurde immer strenger und bigotter. Das gibt es in christlichen Familien ja auch: eine Rückkehr zur Religion, zur Kirche in späteren Jahren, wenn sie auch meist nicht so heftig ausfällt wie bei meinem Vater.

Welche Auswirkungen hatte die Entwicklung Ihres ­Vaters auf Ihre französische Mutter, Sie und Ihre beiden jüngeren Brüder?

Das erzähle ich in meiner Autobiografie "Der Araber von morgen", aber ich will nicht spoilern. Wenn Sie wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht, lesen Sie selbst . . .

 Riads Mutter liegt im Kranken haus. Die drei Söhne machen  sich Sorgen. Riad betet sogar: für seine Mutter – und dafür, dass er in Frankreich bleiben kannRias Sattouf/Penguin Verlag

Warum haben Sie von 2004 bis 2014 für "Charlie Hebdo" gearbeitet, ein Satiremagazin, das Mohammed immer mal wieder karikiert hat?

"Charlie Hebdo" ist eine sehr wichtige Zeitschrift für ­Comiczeichner in Frankreich. Dort arbeiten die Besten. Zum Beispiel Cabu. Meine Generation von Zeichnern hat viel von ihm gelernt. Als ich ein Kind war, hatte er ein Fern­-
sehprogramm und brachte uns Zeichnen bei. Jeder wollte zu "Charlie Hebdo" und Cabu sehen. Er war eine Legende.

Was haben Sie für "Charlie Hebdo" gezeichnet?

Eine Comicserie, die "La vie secrète des jeunes" heißt. Sie ist dem echten Leben abgeschaut und zeigt, wie Jugendliche sich in der Öffentlichkeit so verhalten und unterhalten, zum Beispiel in der U-Bahn. Aber 2014 habe ich damit aufgehört.

Warum?

Die Serie erschien jede Woche, und nach zehn Jahren war ich müde davon. Ich habe dann für "L’Obs" gearbeitet, ein aktuelles Nachrichtenmagazin. Die Serie, die da erschien, hieß "Les Cahiers d’Esther". Sie ist jetzt auch in mehreren Bänden unter dem Titel "Esthers Tagebücher" auf Deutsch erschienen. Da erzählt ein zehnjähriges Mädchen, wie sie die Welt sieht.

Am 7. Januar 2015 wurde die Redaktion von "Charlie ­Hebdo" von islamistisch motivierten Terroristen er­mordet. Was hat das für Sie verändert?

Es war absolut schrecklich. Ganz Frankreich stand ­unter Schock. Aber die beste Antwort ist, weiter Bücher zu ­machen. Nach dem Anschlag sind Karikaturisten sehr im Ansehen gestiegen. Für mich ist es wichtig, mich sehr genau und ehrlich zu erinnern. Ich zeichne Comics für Menschen, die gemeinhin keine Comics lesen. Meine erste Leserin war meine französische Großmutter. Sie ­mochte Comics nicht, fand, das seien keine richtigen Bücher, höchs­tens was für Kinder. Also wollte ich Comics machen, die ihr gefallen könnten.

"Ich wollte erzählen, wie es ist, in so einer Diktatur zu leben"

Warum haben Sie Ihre Autobiografie "Der Araber von morgen" genannt?

Das hat mein Vater als Kind immer zu mir gesagt, wenn ich nicht in die Schule gehen, sondern lieber zu Hause ­spielen wollte. Er sagte: Der "Araber von morgen" geht in die Schule und lernt. Im Gegensatz zum Araber von gestern, der als ungebildet galt, ein Analphabet war. Der "Araber von morgen" sollte ein moderner, liberaler Mann sein. Das war der Traum meines Vaters für mich. Ich bin übrigens sehr stolz auf diesen Titel.

Warum?

In Frankreich war arabe, Araber, lange ein Schimpfwort. Aber meine Bücher haben dazu beigetragen, dass das jetzt anders ist: Man kann in Frankreich wieder arabe sagen.

Warum haben Sie eine Autobiografie geschrieben und gezeichnet?

Ich mag Autobiografien eigentlich nicht. Ich finde, die Autoren sind immer zu nett mit sich und ihrer Familie. Ich wollte unbedingt ein ehrliches, aufrichtiges Buch machen, nichts beschönigen. Das Buch erzählt vor allem die Geschichte meines Vaters, der ein sehr rechter Araber war, aber auch gebildet. Es erzählt, wie es ist, mit so einem Vater aufzuwachsen. Er war ein Rassist, er bewunderte Gaddafi und Pinochet und fand Saddam Hussein toll. Er träumte davon, eines Tages reich zu werden. Es war ­eine Art Abenteuer, mit einem sehr rechten Vater in einem ultra­nationalen Land wie Syrien aufzuwachsen, bis ich dreizehn war. Dann gingen wir nach Frankreich.

Was war Syrien für ein Land, als Ihre Familie Anfang der 1980er Jahre dorthin zog?

Nicht so sehr ein muslimisches als vielmehr ein sowjetisches Land, ein Verbündeter der UdSSR. Das Schul­­sys­tem war wie in den kommunistischen Ländern.

Ihre erste Lehrerin trug ein Kopftuch und hat die Kinder mit einem Stock geschlagen.

Ja, ich wollte erzählen, wie es ist, in so einer Diktatur zu leben. Wo Gemeinschaften nah beieinander leben, ohne miteinander zu reden. Wo Frauen den Männern absolut untergeordnet sind. In Europa werden der Nationalismus und die extreme Rechte ja jetzt wieder stärker. Ich habe in einem sehr rechten Land gelebt und wollte zeigen, wie das war. Ohne zu urteilen. Als kleines Kind urteilt man ja auch noch nicht. Man nimmt die Welt, in die man gestellt wird, erst mal als gegeben hin.

 Rausgeworfen aus dem Mietshaus, mit der ganzen Familie! Das, meint der Vater, könne ihm bei den Arabern nicht passierenRias Sattouf/Penguin Verlag

Welche Wirkung hat das auf die Lesenden?

Ich hoffe, eine starke Wirkung. Man kann die Diktatur beim Lesen genauso ungefiltert erleben wie ich als Kind. Und selbst seine Schlüsse daraus ziehen. Ich liebe Europa und die Europäer.

Warum?

Die Franzosen sind ihrem Land gegenüber oft sehr ­kritisch. Aber ich finde, Frankreich ist der beste Ort auf Erden. Es ist ein multikulturelles Land, es ist ein ­reiches Land, man darf alles publizieren – das ist eines der ­wenigen ­Länder auf der Welt, wo das möglich ist. Meine Auto­biografie ist in 25 Sprachen übersetzt worden. Am ­meisten Erfolg habe ich in Frankreich und Deutschland. Beides sind multi­kulturelle Länder, und ich finde, wir müssen stolz darauf sein.

"Das patriarchale System ist das Hauptproblem der Menschheit"

Vermissen Sie etwas aus der arabischen Welt Ihrer ­Kindheit?

Trotz der Gewalt in unserem Dorf war Syrien ein wunder­schönes Land. Das erste Alphabet wurde 40 Kilometer entfernt von meinem Dorf erfunden. Das ist ein be­sonderer Ort. Es gibt ja diese Orte in der Natur, die eine Art Kraft ausstrahlen. In meinem Dorf lagen auch auf Schritt und Tritt antike Scherben. Die Geschichte lebt dort, mitten unter den Leuten. Ich war als Kind einmal in Palmyra. Dort grasten Schafe zwischen den Steinen, da fand also das ganz normale Leben statt. Das vermisse ich vielleicht am meisten. Diese Verbindung mit der Geschichte der Menschheit.

Was betrachten Sie als die größte Herausforderung in unserer Welt?

Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Ich bin uneingeschränkt dafür. Aber leider ist das Ungleichgewicht überall präsent. Nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Afrika, in Indien, auch in Amerika und Europa. ­Japan ist ein echtes Macho-Land. Die Frauen sollen sich um die Kinder kümmern, die Männer arbeiten. Es geht dort nur sehr langsam weiter. Wenn Frauen arbeiten, ­werden sie nicht so gut bezahlt. Das patriarchale System ist das Hauptproblem der Menschheit. Manchmal wünsche ich mir die Menschen wie in einem Science-Fiction-Film, wo Männer und Frauen genau das Gleiche anhaben und es keinen Unterschied zwischen ihnen gibt.

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