Warum dürfen die Ehemänner von Jesidinnen nicht nachziehen?

Was ist daran so schwer, Frau Ministerin?
Interview - Nachgefragt

Felix Kästle/picture alliance/dpa

Jesidinnen schreiben während der Eröffnung der Ausstellung "Kinder des Lichts - 1000 Stimmen für Jesiden" im Bildungsturm in Konstanz ihre Wünsche auf schwarze Tafeln

Interview - Nachgefragt

Baden-Württemberg nahm 1100 traumatisierte Jesidinnen auf. Nun wollen 18 Ehemänner nachkommen. Das ist aber gar nicht so einfach.

Warum sind die Männer nicht gleich mit aufgenommen worden?

Theresa Schopper: Das Sonderkontingent war ein humanitäres Aufnahmeprogramm für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder. Diese Frauen waren doppelt traumatisiert: von Männern der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) vergewaltigt und zu Sexsklavinnen erniedrigt – und dann nicht mehr zu Hause von ihren eigenen Männern und Familien aufgenommen. Damals galt eine Frau nach jesidischem Glauben als entweiht, wenn sie – freiwillig oder nicht – mit einem muslimischen Mann geschlafen hat. Inzwischen hat der Hohe Rat der Jesiden seine Position geändert. Jetzt werden die Frauen, die die Gefangenschaft des IS durchleben mussten, nicht mehr verstoßen.

Theresa Schopper

Theresa Schopper, geboren 1961, ist seit Oktober 2018 Staatsministerin im Staatsministerium in Baden-Württemberg. Zuvor war sie dort Staatssekretärin und von 2003 bis 2013 Landesvorsitzende von Bündnis90/Die Grünen in Bayern.
PrivatTheresa Schopper

Karl-Heinz Behr

Karl-Heinz Behr ist Fachjournalist und Diplompädagoge
PrivatKarl-Heinz Behr

Nun wollen dennoch 18 Männer zu ihren Frauen nach Deutschland ziehen. Warum dürfen sie nicht?

Wir waren überrascht, dass da überhaupt noch Männer aufgetaucht sind. Das Innenministerium prüft jeden Einzelfall, wir unterliegen rechtlich beim Familiennachzug den allgemeinen Kriterien. Dafür war das Sonderkontingent ja nicht vorgesehen. Die Männer müssen Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachweisen, die Familien brauchen eigenen Wohnraum, und sie müssen wirtschaftlich eigenständig sein. Das ist für die meisten der Betroffenen sehr schwierig. Außerdem müssen auch bei Nachzugswilligen humanitäre Gründe vorliegen. Auch ein paar Kinder sind ja Gott sei Dank aufgetaucht. Da ist der Nachzug einfacher.

Was passiert mit den Frauen, wenn das Projekt bald nach sechs Jahren ausläuft?

Es gibt keinen "Tag X", an dem etwas passiert. Wir haben die Frauen bei uns aufgenommen und kümmern uns um sie. Wie bei anderen Flüchtlingen ist eine Niederlassungserlaubnis nach fünf Jahren möglich, aber auch an Voraussetzungen geknüpft. Gut integrierte Kinder haben in Deutschland ihre Freunde gefunden und sind in Vereinen aktiv. Viele Frauen können sich eine Rückkehr ins Sindschar-Gebiet vorstellen, das jedoch noch vermint ist und politisch unsicher. Um die 20 Personen sind bereits gegangen. Aber wir schicken niemanden zurück.

Kann Baden-Württembergs Sonderkontingent ein Modell sein, um weiteren traumatisierten Geflüchteten zu helfen?

Auf Bundesebene gibt es Bemühungen, parteiübergreifend etwa 300 jesidische Frauen mit Kindern nach Deutschland zu holen – Frauen, die mit "IS"-Kämpfern zwangsverheiratet waren und jetzt in Lagern in Syrien sitzen. Der Hohe Rat der Jesiden würde sie wieder in die Gemeinschaft aufnehmen, aber ohne ihre Kinder.

Woran scheitert die Aufnahme?

Wir hören immer wieder, es gebe Sicherheitsbedenken aufgrund der aktuellen Situation in Syrien. Wir bieten unsere Expertise und unsere Bereitschaft an, weitere Frauen und Kinder aufzunehmen. Mehr können wir nicht tun.

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