Klaus Florian Vogt über Horn und Stimme und den Campingbus

"Bei kleinen Krisen hilft Singen"
Bei kleinen Krisen hilft Singen

Dirk von Nayhauß

Der Tenor Klaus Florian Vogt

Bei kleinen Krisen hilft Singen

Und bei großen Krisen helfen Freunde, sagt Klaus Florian Vogt, bekannt geworden als Heldentenor.

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Klaus Florian Vogt: Auf der Bühne, wenn ich singe. Aber ich muss auf­passen, dass ich nicht in einen Euphorie-Fluss gerate und davon­segle, da kann schon eine gelungene Probe reichen. Auf der Bühne gefeiert zu werden, ist etwas Wunderbares, ­danach wird man süchtig. Trotzdem bin ich ein ­Team­worker, ich mag unheimlich gern, wenn alle an einem Strang ziehen. Das macht für mich das Leben aus: mit anderen etwas gemeinsam tun – ob auf der Bühne oder mit meiner Familie.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nein, eine Vorstellung nicht. Ich bin evangelisch erzogen, ich bin getauft, konfirmiert, habe kirchlich geheiratet, aber ich gehe höchst selten in die Kirche. Und doch ist da eine Verbundenheit, besonders in diesen lebendigen Momenten. Wenn ich singe, kommt öfters eine Schaltung zustande: Toll, dass ich das darf. Vielleicht leitet und beschützt uns irgendjemand oder irgendwas. Ich denke da besonders an diesen beruflichen Schwenk: Ich sang auf einem Familienfest mit meiner heutigen Frau, ich war damals Hornist. Meine spätere Schwiegermutter hörte mich und sagte: "Mensch, der hat eine schöne Stimme." Das war die Initialzündung. Ich denke, in diesem Moment war Gott irgendwie dabei. Bei mir hat was geklingelt, ich wäre selber nicht drauf gekommen.

Klaus Florian Vogt

Klaus Florian Vogt, ­geboren 1970, ist ­Tenor. Bekannt ist er vor allem als Wagner-­Sänger. 1988 bis 1997 war er Hornist beim ­Philharmonischen Staatsorchester ­Hamburg, parallel ­studierte er Gesang. Der Durchbruch als ­Heldentenor gelang ihm 2002 als ­Lohengrin. Heute gastiert er an Opernhäusern in New York, Tokio, ­Mailand, ­Salzburg, ­Paris, ­London. Im Mai ist er in Berlin und ­Dresden zu sehen, im Sommer bei den ­Bayreuther Fest­spielen. Klaus ­Florian Vogt und seine Frau Silvia leben in Dithmarschen, sie haben vier Söhne.
Dirk von NayhaußKlaus Florian Vogt

Muss man den Tod fürchten?

Würde ich heute sterben, ich müsste keine Angst haben, ich bin für mein Leben unheimlich dankbar und zu­frieden damit, es wäre in Ordnung. Manches würde ich anders machen. Wenn ich ungerecht war zum Beispiel in meinem Urteil über andere. Andererseits gehört das zum Menschsein und zum Leben dazu. Es führt nicht weiter, ewig mit den eigenen Fehlern zu hadern, man muss sie akzeptieren, wegstecken, weitergehen.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe, die wirklich glücklich macht, ist eine be­dingungslose. Dass man sich so zeigen kann, wie man wirklich ist – ohne sich verstellen zu müssen. Diese Liebe erfahre ich in meiner Familie.

Wer oder was hilft in der Krise?

Interpretiert man eine schlechte Stimmung als kleine Krise, hilft es mir, wenn ich mich bewege: Fahrrad ­fah­ren, laufen, Ski fahren. Und natürlich hilft Singen, das kann ich nur jedem empfehlen, im Singen verfliegt vieles. Ist die Krise größer, braucht man Menschen. Als junger Mann war ich eher verschlossen, ich habe mein Inneres nicht nach außen getragen, damals habe ich alles mit mir selbst ausgemacht. Aber durch die Sichtweise des Gegenübers, die völlig anders sein kann als die eigene, öffnen sich neue Türen. Mir hilft es immer, Nichtmusiker-Freunde um Rat zu fragen. Heute fällt es mir leichter, zu reden.  

"Man darf das Leben nicht vergessen"

Wo ist Heimat?

Heimat ist ein Seelenzustand, das sind Luft, Licht, Wasser, norddeutscher Humor. Gerüche sind unheimlich wichtig, dieses Gemisch aus Salzwasser und Watt – da möchte ich alle Fenster aufmachen! Ich bin mindestens 200 Tage im Jahr unterwegs. In Europa schlafe ich meistens in meinem Campingbus, 18 Quadratmeter mit Küche, Dusche, Fernseher, kleiner Bibliothek. Darin fühle ich mich nicht so einsam wie in einem fremden Hotelzimmer, ich nehme ein Stück meines lieb gewordenen Lebens mit.

Wer ist Ihre Heldin?

Meine Frau. Sie ist Sopranistin, der Familie und mir zuliebe hat sie das Singen sehr zurückgesteckt, das finde ich heldenhaft. Sie hätte sagen können: "Nein, ich mache auch weiter." Ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. Ich weiß nicht, ob wir dann noch zusammen wären. Ein Kollege hat etwas sehr Schönes gesagt: "Entweder ist man ein Sänger, oder man ist es nicht. Man kann das nicht einfach in den Schrank hängen." Und sie hat ja keinen Sänger geheiratet, sondern einen Hornisten mit einem abgesicherten Leben.

Wie viel Disziplin tut Ihnen gut?

Ein gewisses Maß ist wichtig, man darf sich aber nicht von ihr quälen lassen. Besser gar nicht erst anfangen, darüber nachzudenken, ob man dies oder das essen darf. Trinke ich etwas? Ach nein, übermorgen muss ich singen. Bei aller ­Disziplin – man darf das Leben nicht vergessen.

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