Arnd Brummer über Tradition und Fortschritt

Von gestern oder top?
Nicht alles Alte ist schlecht und alles Neue gut - und anders herum.

Nichts spielt in der Werbung für Produkte eine größere Rolle als Innovation. Gepriesen wird gegenüber Verbrauchern, dass "wir unser Gerät XY radikal erneuert" haben. Ob Staubsauger oder Föhn, Fernseher oder Telefon: Nur modernste Sachen sind wirklich gut! Diese Art von Reklame nützen auch die Anbieter von "Marken", die zugleich stets auf deren "traditionellen Wert" hinweisen.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Der Spagat zwischen Tradition und Erneuerung ist der Wesenskern menschlicher Kultur. In Religionen, Staaten, Verbänden oder Vereinen wird seit jeher darüber gestritten, was "so bleiben muss, weil es bei uns üblich ist", oder was als "überholt" gilt und in die Tonne geworfen werden soll. Die Protagonisten beider Lager lassen es dabei oft nicht bei sachlichen Argumenten, sondern dreschen heftig aufeinander ein. "Ihr seid alle von gestern!", brüllen die Fortschrittler. Und ihre Widersacher schimpfen: "Ihr zerstört unsere Kultur!"

Wer alte Probleme beseitigen will, schafft häufig neue

Ob Politik, Kultur oder Wirtschaft: Ich habe mich in beiden Lagern nie zu Hause gefühlt. Gleichzeitig habe ich stets versucht, den Kern der Botschaften zu verstehen und sie von ihrer absolutistischen Schale zu lösen. Diese Einstellung hat mir da wie dort den Vorwurf eingehandelt: "Du verstehst nicht, wie wichtig unsere Haltung ist! Du verkennst den Ernst der Lage!" Tue ich nicht. Der wahre Ernst steckt in der Realität. Wer alte Probleme beseitigen will, schafft häufig neue. Und wer einfach so weitermachen will, schleppt alte Fehler in die Zukunft.
Ich erkenne die klimagefährdende Wirkung unserer Lebensweise. Und wenn ich in den Radionachrichten höre, dass der Energieverbrauch durch die Internetnutzung dazu in nicht geringem Maße beiträgt, beschließe ich, wieder mit dem Auto zum Einkaufen im Laden zu fahren, statt die "Top­geräte" online zu bestellen und mir per Lkw liefern zu lassen. Ob Auto oder Internet – beides ist Sünde! Man muss täglich entscheiden, was man falsch machen darf.

Die biblischen Texte verzichten darauf, traditionelle oder fortschrittliche Verhaltensmuster als absolut wahr zu verkaufen. Die Darstellung, dass alle Menschen Sünder seien, ist nicht abwertend. Sie warnt lediglich davor, sich ständig anderen moralisch, intellektuell oder kulturell überlegen zu fühlen. Und dies gilt auch für den Besitz "radikal erneuer­ter" Produkte.

Traditioneller Topf - neuer Herd

Also glotze ich weiter in meinen zehn Jahre alten Fernseher, lese auf Papier gedruckte Zeitungen und ­koche meine Nudeln im von der Patentante geerbten Topf. Bei Letzterem ermahne ich mich aber gleich wieder, nicht überheblich zu sein, nur weil das Gefäß wie auch der "Spätzle-Schwob" genannte Presser aus einer traditionsreichen, weltweit bekannten schwäbi­schen Fabrik stammt. Wobei ich zugeben muss, dass mir der neue Herd mit seiner Abschaltautomatik mehrfach geholfen hat, aus den Teigwaren keinen überkochten Brei zu machen.
Wenn das heute Abend wieder ­gelingt, werde ich versuchen, zwei ­liebenswürdige Norddeutsche ganz real mit der Qualität schwäbisch-
alemannischer Küche zu konfrontieren. Und wenn es ihnen nicht schmeckt,
habe ich noch tierische Alternativen aus Nord- und Ostsee im Kühlschrank, die ich mit meiner Topmikrowelle schnell nachreichen kann.

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