Traurig mit Augenzwinkern

Tate Images/Marian Goodman Gallery, 'The Life and Death of St Bruno'

Traurig mit Augenzwinkern

Kunstwerk: Tacitas Dean, Leben und Sterben des heiligen Bruno

Traurig mit Augenzwinkern
Achtung, genau hinschauen! Hier führt die Künstlerin Tacita Dean Regie, und sie hat ihren Spaß dabei

Sie ist keine Künstlerin fürs Happy End. Das mag bei diesem Bild von Tacita ­Dean offensichtlich sein, ist aber auch in Bezug auf das Medium zu verstehen. Das Foto "The Life and Death of St Bruno" von 2001 zeigt eine Beisetzung, wie der Titel vermuten lässt, die des heiligen Bruno. Der Kenner­blick weist die drei Mönche als Angehörige des Kartäuserordens aus, eine ziemlich abgeschottet und zurückgezogen lebende Sorte von Mönchen. Daher wäre ein Schnappschuss von der Beisetzung eines ­­Kartäusers, offenbar aus leicht erhöhter Position geknipst (über die Hecke oder die Kloster­mauern?), eine kleine voyeuristische Sensation an sich.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Dass es sich allerdings um ein inszeniertes Bild handelt, lässt sich auch ohne detektivische Grundausbildung schnell heraus­finden. Der heilige Bruno, Gründer des Kartäuserordens, der hier angeblich beigesetzt wird, starb bereits 1101. Einen Fotoapparat gab es zu Brunos Zeiten ebenso wenig wie den sagen-umwobenen Kräuterlikör, Chartreuse genannt, den die Kartäuser seit dem 17. Jahrhundert mischen und dessen Rezeptur bis heute geheim ist. Vielleicht bezeichnend, dass der Likör lebt, wenn man das so ­sagen darf, ­während Bruno tendenziell in der ­Kategorie "vergessene Berühmtheit" Unterschlupf findet.

Ein fast Unsichtbarer hält am linken Bildrand die  Schaufel

Genau darum geht es Tacita Dean in ihren Werken: um Dinge, Geschichten oder Personen, die ins Vergessen abdriften, die plötzlich nicht mehr da sind – aber auch wieder auftauchen können. Das menschliche Verhältnis zum Verschwinden fasziniert die gebürtige Engländerin. Hier ist es ein Begräbnis, mit dem auch die Erinnerung an den toten Mönch Schaufel für Schaufel überdeckt werden wird. Darauf lässt der Erdhaufen (Sinnbild für die Zeit?) schließen. Ein fast Unsichtbarer hält am linken Bildrand schon die Hand am Stiel einer Schaufel bereit. Hier wird mit einem Leben abgeschlossen. Das Foto ist eines von zwanzig Bildern aus Tacita Deans Reihe "Russian Ending", allesamt Postkarten, die die Künst­lerin in Form von Fotogravuren bearbeitet hat.

Deans Motive passen zu ihrer Neigung zu einem Pessimismus, der doch ein Fünkchen Hoffnung zurückbehält: Es sind Bilder von Naturkatastrophen, zerstörten Land­schaften, Schiffsunglücken oder eben von einer Beerdigung, die sie gesammelt und als Film-Story­board aneinandergereiht hat. Mit ­weißer Kreide sind auf dieses Bild Regieanweisungen gekritzelt, die etwa auf den Ort oder die Kamera­führung verweisen. Was hätte das für ein Film werden sollen? Kein fröhlicher, legt der Titel der Reihe nahe.

Man hofft, dass keiner ver­sehentlich mit in die Grube stolpert

Zu Stummfilmzeiten verpassten europäische Filmproduzenten ihren Streifen oft zwei unterschiedliche Enden – je nach Publikum. Filme für die Amerikaner bekamen ein Happy End, Filme für die Russen ein Russian Ending, also den traurigen Ausgang. Wobei man das mit dem Traurigen vielleicht nicht nur wörtlich nehmen sollte. Tacita Dean selbst ist eine überaus lebensfrohe Persönlichkeit.

Um der augenzwinkernden Hoffnung auf die Spur zu kommen, muss man die meisten Bilder eine ganze Weile lang ansehen. Es hat etwas Rührendes, wie sich die lichten Haarkränze der Mönche in Richtung Rosenkranz des feierlich ausstaffierten Leichnams beugen. Man trauert mit ihnen und hofft gleichzeitig, dass keiner im nächsten Moment ver­sehentlich mit in die Grube stolpert.
Und was heißt das für den heiligen Bruno? Dass er von den Toten aufersteht, werden wir vielleicht nicht mehr erleben. Aber Kunst kann eben auch wie eine Lawine sein, die ­bereits Verschüttetes wieder an die Ober­fläche spült. Tacita Dean setzt einem vor über 900 Jahren in aller Abgeschiedenheit Verscharrten ein Andenken. Und das ist ja wohl doch: ein Happy End.

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