Jung und Politikerin

Die Jüngste unter den Abgeordneten
Hulda Kalhorn

Thomas Mandt

Hulda Kalhorn, 19, will Brücken schlagen in der Greifswalder Bürgerschaft. Nur nicht zur AfD

Hulda Kalhorn (geb. 2000) ist seit Mai für die Wählergemeinschaft Alternative Liste mit 19 Jahren die jüngste Bürgerschaftsabgeordnete des Greifswalder Stadtparlaments.

Ihre Mitschüler gehen zum Studium weg, sie bleibt erst mal da – um in der Stadt was zu bewegen.

Hulda Kalhorn, Jahrgang 2000:

Nach meiner ersten Bürgerschaftssitzung tätschelte eine Abgeordnete meine Wange 
und sagte: "Ach, du kleines Mäuschen." Ich gehe davon aus, dass sie es nett meinte, 
aber es hat auch was Bevormundendes, vielleicht sogar Herabwürdigendes. Ich bin 19 Jahre alt, also erwachsen. Aber in der Greifswalder Bürgerschaft bin ich die jüngste Abgeordnete, daher ist mein Alter dauernd Thema.

Man traut mir wegen meines Alters weniger zu

Vor der Wahl hatte die Lokalzeitung ein großes Interview mit mir als jüngster Kandidatin und mit dem ältesten Kandidaten gemacht, einem 80-Jährigen von einer konservativen Wählergemeinschaft. Hinterher bedankte er sich bei mir, er war überrascht, wie viele Über­schneidungen es zwischen uns gab. Wir fanden es beide wichtig, dass Jugendliche sich für ihre Wünsche starkmachen und dass man miteinander ins Gespräch kommt, auch wenn man unterschiedliche Positionen vertritt. Aber in ­Kommentaren hinterher im Internet fragten Leute, wer mir denn all die Antworten vorgeschrieben habe. Ich habe schon den Eindruck, dass man mir wegen meines Alters ­weniger zutraut. Und ich habe den Ehrgeiz, ­
zu beweisen, dass das ein Irrtum ist.

Die Alternative Liste, für die ich in der Bürgerschaft sitze, ist eine Wählergemeinschaft, die sich von den ­Grünen abgespalten hat. Wir hatten entschieden, alle ­vorderen Listenplätze an Frauen, und zwar nach Alter, zu vergeben. Wir erreichten 2,4 Prozent, und damit ­einen Sitz, bei Kommunalwahlen gibt es ja keine Fünf-­Prozent-Hürde. Als jüngste Frau bekam ich diesen einen Sitz.

Bisher war alles sehr aufregend

Ein Freund hatte mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für die Bürgerschaft zu kandidieren. Ich sagte Ja. Weil ich mich seit rund drei Jahren sehr für Lokalpolitik ­interessiere, ich habe auch den Greifswalder Kinder- und Jugendbeirat mit ins Leben gerufen. Aber ich weiß von ­vielen Gleichaltrigen, dass sie fast nichts über die Bürgerschaft wissen, wie die funktioniert, was dort diskutiert wird und dass man einfach mal hingehen, zuhören und auch Fragen stellen kann. Deshalb würde ich gern einen Blog ein­richten, der informiert, was die aktuellen ­Themen sind und wie Bürger mitwirken können. Ich finde es ­enorm wichtig, dass Leute das Gefühl haben, selbst etwas be­wegen und mitbestimmen zu können. Auch damit populistische Parteien wie die AfD nicht weiter Zulauf haben.

Bisher war alles sehr aufregend, ich weiß aber, dass es auf Dauer auch anstrengend wird und nervig. Dass es viel Arbeit kosten wird, ich rechne mit bestimmt vier, fünf Stunden die Woche. Gerade arbeite ich mich in das ­Thema Bebauungspläne ein: Wer wird da wie beteiligt, wie ­können Bürger und Bürgerinnen mitwirken . . . Das ist total kompliziert, aber wichtig, weil in Greifswald ­gerade viele neue Baugebiete entstehen und Mietpreise und ­Gentrifizierung hier wie überall in Deutschland ein Thema sind. Zum Glück gibt es in unserer Wählergemeinschaft Leute, die sich schon seit Jahren mit Kommunal­politik beschäftigen, die können mir viel erklären.

Ich möchte Brücken schlagen zwischen den Fronten

Ich möchte auch gern die eine oder andere Brücke ­schlagen. Denn die Greifswalder Bürgerschaft ist stark in ein 
konservatives und ein progressives Lager gespalten. Da
sitzen viele Abgeordnete schon seit Jahrzehnten, und bei einigen hat sich viel Frust angestaut, die Fronten sind verhärtet. Ich glaube, ich kann unvoreingenommener an das Ganze herangehen. Aber zur AfD will ich keine Brücke schlagen. Die lokale CDU hatte schon in der vergangenen Legislaturperiode eine Zählgemeinschaft, also eine taktische Zusammenarbeit mit der AfD gebildet, um möglichst viele Plätze in den Ausschüssen zu bekommen. Sie haben auch häufig gemeinsam abgestimmt. Das werde ich genau beobachten.

Viele von meinen Mitschülern gehen jetzt weg, ins Ausland oder in größere Städte, um zu studieren. Ich werde zunächst in Greifswald bleiben. Wie lange hängt auch davon ab, für was ich mich beruflich entscheide, ob und wo ich ­studiere. Erst einmal mache ich einen Bundesfrei­willigendienst und arbeite für eine Stiftung, die Paten­schaften ­zwischen Kindern vermittelt. Und eben für die Bürgerschaft, das ist ein wichtiger Teil meines neuen ­Lebens. Das ist ja auch eine Art von Ausbildung – ich bin ein neugieriger Mensch und freue mich darauf, herauszufinden, wie alles funktioniert. Und ich hoffe natürlich, dass ich auch etwas bewegen kann.

Protokoll: Anke Lübbert

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