Arnd Brummer über Herkunft, DNA-Analyse und echte Verbindungen

Kelten und Wurzeln
Eine DNA-Analyse kann viel über die Herkunft sagen. Für Zugehörigkeit zählen andere Dinge.

Zum wiederholten Mal habe ich eine Mail mit der Aufforderung erhalten, meinen Stammbaum zu erforschen und mittels einer DNA-Analyse herauszufinden, woher meine Vorfahren stammen. Mehr als 15 Millionen Menschen, lässt der Anbieter mich wissen, hätten seine Dienste bereits genutzt. Das Programm ist selbstverständlich nicht kostenlos. Schließlich fordert die weltweite Vernetzung ihren Preis. Doch für Neueinsteiger, lese ich auf der Website, gebe es ein Top-Sonderangebot.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Für den DNA-Test muss ich nur in ein kleines Glasröhrchen spucken. ­In meinem Speichel stecken Zellen aus meiner Mundschleimhaut, die meinen 
persönlichen Gencode anzeigen. So könnte ich möglicherweise in aller Welt Verwandte entdecken und erkennen, aus welcher Gegend meine Vorfahren kamen. Klingt spannend.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass diese Art von Wissen sich deutlich von meinem Verständnis von Zugehörigkeit unterscheidet. Für mich sind nicht biologische Nachweise über meine Herkunft von Bedeutung, ­
sondern erlebte Beziehungen und Verbindungen. Schon in meiner Schulzeit fühlte ich mich als "Kelte". Martialische Germanen und stolze Römer, wie sie mir im Latein- und Geschichtsunterricht präsentiert ­wurden, ­stießen mich ab. Die Songs der hochpopulären Dubliners, vor allem "Foggy Dew", ­gaben mir hin­gegen ein Heimat­gefühl.

Meine Verwandten kenne und ­ehre ich. Und mit manchen von ihnen bin ich freundschaftlich verbunden. 
Mein Verhältnis zu ihnen bestimmt jedoch nicht die genetische Gemeinsamkeit, sondern Liebe, Humor und gute ­Gespräche. Wenn wir zusammen­treffen, reden wir selbstverständlich auch über Väter und Mütter, Opas und Omas, Onkel und Tanten. Die temperamentvolle Großmutter, der eher stille Großvater – wie haben sie uns beeinflusst oder gar geprägt?

Doch diese Themen diskutiere ich auch mit Freundinnen und Freunden, die ich als erwachsener Mensch – ­manche erst vor kurzer Zeit – kennengelernt habe. Wir sind, ganz im Sinne Jesu, Brüder und Schwestern, auch wenn manche von ihnen zu Kirche und Religion kein inniges Verhältnis ­haben. 
­Diese Geschwister haben mir und ­meiner Familie in schwierigen Lebens­phasen beigestanden und geholfen.

Echte Nähe hat keine biologischen Gründe

Natürlich reden wir auch über Herkunft und Traditionen. Aus Schlesien geflüchtete Vorfahren, Hugenotten oder fränkische Katholiken haben sich an neuen Wohnorten eingefügt und die dort üblichen Lebensarten übernommen. Sie wurden sparsame Schwaben, fröhliche Rheinländer oder 
strebsame Hanseaten. Und das ging ja auch meinen keltischen Ur­ahnen so, als sie von den germanischen Stämmen 
überrollt wurden.

Echte Nähe hat keine biologischen Gründe. Eine Bekannte aus Ägypten mag mir in Sachen DNA-Analyse fern sein. Menschlich verbindet mich mit ihr weit mehr als mit manchem Vetter 
zweiten Grades. Doch gerade ­diese Frau hat uns neulich bei einem ­Gläschen Wein erzählt, dass sie das eingangs zitierte Sonderangebot genutzt habe. Und zu ihrer Über­raschung erfuhr sie, dass sie mehr griechische als ägyptische Wurzeln habe. "Das hat mir erklärt, warum ich als bekennende Muslima so gern Wein trinke!" Na denn prost!

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