War Jesu Mutter Maria eine Jungfrau?

Die Jungfrau Maria
Wo kommt das her? Die Jungfrau Maria

Stiftung Bibel + Orient

Der ibisköpfige Götterbote Thot kündet der Pharaonin die Geburt eines Stammhalters an. Juden ersetzen Thot durch den Erzengel Gabriel. Maria trat an die Stelle der Pharaonin

Wo kommt das her? Die Jungfrau Maria

Der Evangelist Lukas komponierte die Geschichte von der Verkündigung Mariens nach einer alten biblischen Verheißung. Und nach einem altägyptischen Mythos.

Gott sendet den Engel Gabriel. Der verkündet der Jungfrau Maria, dass sie ein Kind vom Heiligen Geist empfangen werde, den Sohn des Höchsten auf dem Throne Davids. Der Evangelist Lukas (Kap. 1) erdichtete diese Geschichte nach einem Vers aus dem Jesajabuch (7,14) im Alten Testament: "Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn ge­bären, den wird sie nennen Immanuel."

Thomas Staubli

Thomas Staubli, 56, erforscht ­biblische ­Bild­symbolik an 
der ­Universität ­Fribourg.
Sophie StiegerThomas Staubli, Mitbegründung, Aufbau und Leitung des BIBEL+ORIENT Museums der Universität Fribourg

Dessen ursprüngliche hebräische Fassung spricht von einer jungen Frau. Die griechische Bibelübersetzung Septuaginta, die Lukas las, machte daraus eine Jungfrau. Der Vers war Teil eines Orakels anlässlich einer Geburt: Eine junge Frau aus dem Harem des König Ahas soll einen Sohn gebären – wohl den späteren ­König Hiskia. Ahas und Hiskia lebten im achten Jahrhundert vor Christus.

Lukas deutet das Prophetenwort um auf die Geburt Jesu

Lukas deutet den Vers um und bezieht ihn auf die Geburt des Gottessohnes Jesus. Er hat dabei einen noch viel ­älteren Mythos im Kopf. Im alten Ägypten galt der Pharao als Gott. Wenn er beschloss, einen Thron­folger zu zeugen, wählte er dafür eine junge Frau aus. Ein Bote – auch er ein Gott – übermittelte dies der Auserwählten. Sie war damit Pharaonin. Beim Evangelisten Lukas übernimmt der Engel Gabriel die Rolle des Boten. Und ­Maria, eine niedrige Magd, wird erhöht und kommt zu Ehren.

Bibelzitat

"Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben." (Lukas 1,26-33)

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Lesermeinungen

Dank an den User Hermann für die Folge der Lutheran Satire. Eine Reihe, die man nicht genug preisen kann. Weniger zu preisen ist hier die Online-Redaktion von Chrismon, die hier glücklich auf dem Niveau von Chick-Traktatheften gelandet ist. Nur halt, dass man den Chick-Heften noch zubilligen muss, wenigstens christlich zu sein.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Peter Esser

Bei allem gebotenen Respekt vor der anregenden Beschäftigung mit der Ähnlichkeit von ägyptischen Mythen und Berichten in Evangelien: Wo ist der Beleg, dass der Bericht von Lukas "erdichtet" ist? Und müsste man nicht außerdem erwähnen, dass der Bericht von Matthäus (1, 18-23) in der Frage der Jungfräulichkeit und des Empfangens vom Heiligen Geist ganz eindeutig ist? Und dass die Jungfrauengeburt von Anfang an Inhalt der Glaubensbekenntnisse war?
Grundsätzlich ist das hier berechtigte Debatte, denn unser Glaube hat nur einen Sinn, wenn sein Inhalt wahr ist. Aber unsere Fähigkeit, uns das Beschriebene vorzustellen, ist für dessen Wahrheit kein entscheidender Maßstab. Am deutlichsten wird das ja bei der Auferstehung, und ich habe nie verstanden, wieso jemand, der an die Auferstehung glaubt, mit der Jungfrauengeburt ein Problem haben müsste. Aber vielleicht steht ja dieses Problem Pate für jenes, und Rudolf Bultmann hätte mit der Empfängnis ins Kerygma eine bequeme Lösung parat. Aber ob diese Lösung zum ewigen Leben führt?

Sehr geehrter Herr Harald Stollmeier, Sie schreiben: "....ich habe nie verstanden, wieso jemand, der an die Auferstehung glaubt, mit der Jungfrauengeburt ein Problem haben müsste." Wieso? Muss jemand, der sich einen Bären aufbinden lässt, sich alle Bären aufbinden lassen? Ich glaube nicht.

Weiter merken Sie an: "unser Glaube hat nur einen Sinn, wenn sein Inhalt wahr ist." Wenn ein Inhalt wahr ist, muss man nicht an ihn glauben. Oder glauben Sie daran, dass eins und zwei drei ergibt? Der Glaube hat nur dann einen Sinn, dient also einem Zweck, wenn sein Inhalt gerade nicht wahr ist.

Sie fragen: "Aber ob diese Lösung zum ewigen Leben führt?" Der Glaube an die Auferstehung in Tateinheit mit dem Glauben an die Jungfrauengeburt führt mit Sicherheit zum ewigen Leben. Wer von beiden Glaubensinhalten Abstand nimmt, kann das ewige Leben in den Wind schreiben. Wer nur einem der beiden Glaubensinhalte frönt, der hat eine ungesicherte Zukunftsperspektive. Aber dafür gibt es ja die Theologie, dass ganz viel zu diesem reizvollen Thema diskutiert werden kann.

Ich hoffe, ich habe es nicht am gebotenen Respekt vor dem sehr anregenden Artikel und den nicht minder anregenden Leserkommentaren fehlen lassen.

Mit ergebenstem Gruß

Friedrich Feger

Sehr geehrte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Chrismon!
Wie spannend kann es sein, eine dogmatische Aussage wie die, Maria sei vom Heiligen Geist schwanger geworden, auf ihre Entstehungsgeschichte hin zu untersuchen! Selten genug wird bei der Auslegung biblischer Texte klar gesagt, dass man sie keinesfalls als historische Dokumente oder gar wissenschaftlich und wörtlich gemeinte Aussagen lesen darf. Viel zu selten wird erklärt, dass die meisten biblischen Aussagen Glaubensaussagen sind, die man einst phantasievoll in Geschichten, Episoden, Zitate gekleidet hat. Die problematische, jedenfalls interpretationswürdige Behauptung, Jesus sei Gottes Sohn gewesen, als gynäkologischen Sonderfall zu erklären, führt in die Irre. Danke für den kurzen Artikel in Chrismon plus, wo Thomas Staubli deutlich macht, wie mit Rückgriff auf alte und uralte Vorstellungen eine Geschichte erzählt wird, die die Größe und Bedeutung Jesu unterstreichen soll. Wörtlich darf der heutige Leser diese Geschichte nicht nehmen: weder war die schwangere Maria gynäkologisch Jungfrau, noch hat ihr Sohn genetisch das Y-Chromosom von Gott geerbt. Das darf der mündige Christ ruhig wissen, und er wird deshalb an der Bedeutung, die Jesus für ihn hat, nicht zweifeln müssen.
Übrigens hat schon im Dezember 2011 Burkhard Weitz in Chrismon einen ähnlich mutigen Artikel zum selben Thema geschrieben: Götter zeugen Söhne – soll man das auch vom biblischen Gott sagen? Bitte nicht. Wenn man Jesus zum Sohn Gottes erklärt, dann bitte nicht im biologischen Sinn! Ein Wohltat, gelegentlich in Chrismon Beiträge zu finden, die dogmatische, biblische Aussagen kritisch hinterfragen.
Michael Kraatz