Überlebende des Zwangslagers Theresienstadt

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Michaela Vidláková

Christina Stohn

Durch Zufall hat Michaela Vidláková, 83, als Kind das Zwangslager Theresienstadt überlebt

Aber sie muss noch immer erzählen. Von ihrer Kindheit im Lager. Von den Toten.

Michaela Vidláková, Jahrgang 1936:

Irgendwann wurde es mir zu viel: "Ich möchte das Wort ‚Theresienstadt‘ nie wieder hören", sagte ich zu meinen Eltern. Der Krieg war da schon Jahrzehnte vorbei. Ich hatte durchaus verstanden, dass sie das Erinnern als ihre Lebensaufgabe ­sahen, denn schon im Lager hatte es geheißen: Die Überlebenden sind verpflichtet, Zeugnis abzulegen. Aber ich wollte mit meinen Eltern über andere Sachen reden. Und ich wollte keinen Kontakt zu Deutschen. Aber meine Eltern überzeugten mich nach vielen Jahren, dass da jetzt eine neue Generation ist, die keine Schuld für die Vergangenheit hat. Und nachdem meine Eltern gestorben waren, habe ich ihr Lebenswerk fortgeführt. Es ist zu meiner Verpflichtung geworden. Es erfüllt mich.

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an meine Spielkameraden in Prag. Als die Deutschen die Tschecho­slowakei besetzten, durfte ich als jüdisches Kind nicht mehr mit ihnen spielen. Sie durften nicht mal antworten, wenn ich ihnen "Hallo" sagte. Sie taten so, als sei ich nicht da! 

 Michaela Vidláková mit 5 Jahrenprivat
1941 mussten wir unsere Wohnung für einen SS-Mann räumen. Wir bekamen ein Zimmer in einer "jüdischen Sammelwohnung". Nur ein Mal war ich dort froh: ­Am Abend bevor wir nach Theresienstadt mussten. Meine Eltern gaben mir einen Bleistift und sagten, dass ich auf die Wände zeichnen darf, damit sie Ruhe zum Packen haben.

"Ich bekam Typhus, Scharlach Masern, alles auf einmal"

Eigentlich sollten wir von Theresienstadt gleich weiter­transportiert werden in ein Vernichtungslager. Aber mein Vati konnte gut mit Holz umgehen, solche Leute wurden gebraucht in Theresienstadt, diesem Vorzimmer des Todes. Das schützte auch meine Mutti und mich.

Dann bekam ich Typhus, Scharlach und Masern, alles auf einmal. Später auch noch Gelbsucht und eine Herzmuskelentzündung. Es gab keine Medikamente für mich. Ich blieb ein Jahr im Lagerkrankenhaus. Dort lernte ich einen Waisenjungen aus Deutschland kennen, ich wollte, dass er mein Bruder wird. Wir brachten uns gegenseitig Deutsch und Tschechisch bei. Als ich entlassen wurde, musste er noch im Krankenhaus bleiben – ich habe ihn nie wiedergesehen. Damals stand der Kontrollbesuch vom Internationalen Roten Kreuz an, und vorher deportierte man viele Kranke und Alte. Leider habe ich mittlerweile seinen Namen vergessen. Ausgerechnet den Namen!

Zu der Schlange im Lager, in der ich immer für Suppe mit etwas Kartoffeln anstand, kamen oft alte, halb ver­hungerte Menschen. Sie fragten mich ganz bescheiden, ob ich ihnen meine Suppe geben könnte. Sie sagten "Sie" zu mir – ich war sieben. Natürlich hätte ich meine Suppe gern selbst gegessen, aber diese Menschen erinnerten mich an meine Großeltern. Ich wusste nicht, dass man sie schon längst in Auschwitz ermordet hatte. Ich dachte, wenn ich diesen Menschen helfe, dann gibt vielleicht auch jemand meinen Großeltern etwas zu essen. Aber es standen da ­mehrere hungrige Menschen! Wie soll ein Kind ent­scheiden, wer die Suppe am meisten braucht? Die Enttäuschung in den Augen derjenigen, die leer ausgingen . . .

Der Zufall und das Gespür meines Vatis retteten uns vor Auschwitz. Er war schon im Transport, aber dann brauchte man für die Reparatur eines zerstörten Daches Freiwillige – er meldete sich. So überlebten wir.

"Erst an der Uni konnte ich jung und ein bisschen sorglos sein"

Nach dem Krieg, unter dem kommunistischen Regime, wuchs schon wieder der Antisemitismus. Wir wollten aus der Tschechoslowakei nach Israel fliehen. Aber der Fluchthelfer verriet uns, wir kamen ins Gefängnis. Ich war furchtbar verzweifelt. Ich hatte mich so auf das ­Leben in Israel gefreut! Wegen des Fluchtversuchs durfte ich nicht mehr aufs Gymnasium zurück. Ich ging ­arbeiten und machte doch Abitur, auf der Abendschule. Auch die ­Zulassung zu meinem naturwissenschaftlichen Studium musste ich mir hart erkämpfen – ich gehörte zu einer ­unerwünschten Gruppe. Erst an der Uni konnte ich wieder jung und entlastet sein. So ein bisschen sorglos!

 Michaela Vidláková mit ihren Eltern Irma und Georg Lauscherprivat
In meinem Alter wäre ein Leben ohne Verpflichtung bequemer, mit Konzerten und Ausstellungen. Aber das kann ich nicht. Natürlich tut es mir weh, wenn ich erzähle, wie meine Oma wohl den Weg zur Gaskammer ging. Aber ich rede weiter, weil es meine Pflicht ist. Die Jugendlichen sind sehr interessiert. Oft sagen mir Lehrer: "Bei mir im Unterricht sind die nie so ruhig!" Ich sage den jungen Menschen, dass man gegen das Böse kämpfen muss, solange es noch schwach ist.

Protokoll: Lena Christin Ohm

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Lesermeinungen

Wenn sich chrismon mit Geschichte beschäftigt dann weitgehend ausschließlich mit dem Dritten Reich. Mir ist unbegreiflich wie Sie es schaffen nach drölfzigtausend Artikeln Theresienstadt als Zwangslager zu bezeichnen. Es war ein Konzentrationslager und bitte nutzen Sie den in der Wissenschaft eingeführten Begriff. Ein weiterer Tiefpunkt im ansonsten schon niedrigem Niveau ihrer Zeitschrift.

Wieviele Artikel in chrismon beschäftigen sich mit Geschichte? Wieviele davon mit dem tausendjährigen Reich? Und selbst wenn es "weitgehend ausschließlich" viele wären, was wäre daran schlimm? Manche verwechseln heute noch oder heute schon wieder 1000 Jahre mit 12 Jahren und die mit der Länge eines Vogelschisses.

Theresienstadt diente in verschiedener Weise - also wohl drölfzigtausendfach - der Politik des Deutschen Reiches. Als Gestapo-Gefängnis, als Sammel- Durchgangs- und auch Konzentrationslager, als propagandistisches Vorzeigelager. Es gab Ghettostrukturen. Die Bezeichnung als Zwangslager enthält keinen Fehler.

Fritz Kurz