Evangelikale, Pfingstchristen und die Zukunft der Kirche

"Ein Jesus oder dein Jesus?"
Serie: Protestanten - Thomas Schirrmacher

Matthias Jung

Serie: Protestanten - Thomas Schirrmacher

Für Thomas Schirrmacher ist es "sein" Jesus, das wusste er schon als Kind. Ein Interview mit einem der wichtigsten deutschen Evangelikalen.

Viele Evangelikalen erzählen von ihrem Bekehrungserlebnis, von einem Moment in ihrem Leben, in dem sie sich für Jesus Christus entschieden haben. Sie auch?

Thomas Schirrmacher: Beim Global Christian Forum gehören immer Faith Stories dazu. Da ist mir mal passiert, dass alle meine 14 Vor­redner, auch die orthodoxen und katholischen, schicke Bekehrungsgeschichten erzählten. Und ich hab mich schlapp gelacht, denn ich als einziger Evangelikaler hatte keine.

Thomas Schirrmacher

Thomas ­Schirrmacher, 59, ist Stellvertretender Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), die 600 Millionen Evangelikale vertritt. Er ist Präsident der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und leitet das Internationale Institut für Religionsfreiheit. Er ist Theologe und Religionswissenschaftler, lehrt unter anderem an der Oxford University und trifft sich mit Würdenträgern fast aller Kirchen und Religionen
Matthias JungThomas Schirrmacher

Sie hatten nie einen Moment der Bekehrung?

Doch, 1966, da war ich sechs. Im Diakonissenmutterhaus in Lachen habe ich einen Teddy­bär verloren. Da hat mich eine Diakonisse ­gefragt: "Einen Teddy oder deinen Teddy? Das ist ein Unterschied, ob einer oder meiner. Es ist eben auch ein Unterschied, ob ein Jesus für deinen Glauben da ist oder dein Jesus." Da habe ich mich entschieden: Er ist mein Jesus.

Das haben Sie mit sechs Jahren verstanden?

Ich wusste ja nicht, wofür ich mich sonst ­hätte entscheiden können. Ich habe das immer als meine Faith Story erzählt. Hauptsache, man hat was. Später habe ich das im Studium ­natürlich alles gründlich durchdacht.

"Ab 1853 hat die Allianz dafür gekämpft, dass Schweden katholisch werden dürfen"

Warum ist ein Bekehrungserlebnis wichtig?

Glaube ist etwas, wofür ich mich persönlich entscheide und was ich auch begründen kann.

Wie definieren Sie evangelikal?

Das sind die in der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) organisierten Christen. Sie ­bekennen den dreieinigen Gott. Zusätzlich betonen sie den persönlichen Glauben an ­Jesus Christus. Seit ihrer Gründung 1846 tritt die Allianz auch für Religionsfreiheit ein – auch für nicht christliche Religionen. Ab 1853 hat die Allianz dafür gekämpft, dass Schweden katholisch werden dürfen – Katholiken ­waren damals theologisch das Schreckensbild schlechthin. Die Evangelikalen haben auch gegen Sklaverei gekämpft. Für Evangelikale ist die Bibel die Verfassung der Kirche und oberste Richterin in Fragen der Lehre und des Glaubens. Jeder Gläubige muss die Bibel selber lesen und sich ein Urteil bilden. So hat die evangelikale Bewegung eine Tendenz zum Fundamentalismus. Andererseits ist sie extrem demokratisch, weil jeder mitreden kann.

Die meisten Leute würden sagen: Evange­likale Gottesdienste sind die lauten mit ­Popmusik, Lichtshow und Beamer.

Auch, aber nicht nur. Es ist nicht identitäts­stiftend. Zu uns gehören auch Gruppierungen wie der Gnadauer Verband, deren Gottesdienste heute nicht viel anders sind als früher. Und die 44 Prozent Evangelikale und Pietisten in der Württembergischen Synode. Die feiern ganz normale Gottesdienste. Ich selbst mag die klassische Liturgie sehr. Zur Pfingstgemeinde muss ich Ohrenschützer mitnehmen.

"Wenn über Religion diskutiert wird, bekennen die meisten Evangelikalen selbstverständlich, was sie selbst glauben"

Ist die Mission typisch evangelikal?

Ja. 2011 einigten sich Vatikan, Weltkirchenrat und Evangelische Allianz darauf, dass das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt wesentlich zur Kirche dazugehört. Spätes­tens seitdem ist die Mission nicht mehr genuin evangelikal, sondern allgemein christlich. Jeder Gläubige soll die Erlösung durch ­Jesus Christus bezeugen, heißt es in dem Dokument, das die Kirchen unterschrieben haben. Ob sie das wirklich so sehen, sei dahingestellt. Im Gegenzug haben die Evangelikalen akzeptiert, dass zur Mission der Dialog gehört. Jesus hat uns mitgegeben, dass wir anderen vergeben und sie akzeptieren und schützen sollen. Das ist auch für die Mission verbindlich.

Was heißt das: Zeugnis geben?

Darüber sprechen, warum ich glaube, warum ich Christ bin. Die meisten Evangelikalen würden nervös werden, wenn sie auf einer Bahnfahrt irgendwelchen Leuten im Zug von ihrem Glauben erzählen müssten. Aber wenn im Abteil über etwas diskutiert wird, was nur entfernt mit Religion zu tun hat, dann finden es die meisten Evangelikalen selbstverständlich, dass sie bekennen, was sie selbst glauben.

Waren Sie schon mal auf Missionstour?

Ich bin in Gießen aufgewachsen, 75 000 Einwohner. Wir haben damals einen "Feldzug für Christus" gemacht – mit Unterstützung der Landeskirche, aus heutiger Sicht ein schauderhafter Name. Da standen auf dem Zirkusplatz an der Ringallee riesige Zelte, oft länger als einen Monat. Jeden Abend kamen bis zu 6000 Leute aus allen Gemeinden. Und der evangelikale Pfarrer der zentralen Johanneskirche eröffnete die Evangelisation. Das war die Zeit von Billy Graham, der neu hinzugewonnene Leute an die Kirchengemeinde zurückver­mittelte, aus der sie ursprünglich kamen.

"An der Speakers’ Corner in London erwarte ich, dass immer auch evangelikale Christen dort auf Kisten stehen und sprechen"

Wen haben Sie damit erreicht?

Es war immer die Spezialität der evange­likalen Gemeinden, junge Leute zu gewinnen. Auch die Bewegung der Jesus People war ein gewaltiger evangelikaler Hype. Die Leute, die damals gewonnen wurden, sind geblieben. Auch die Muslime, die heute konvertieren, sind fast ausschließlich junge Leute.

Sollen Christen unter muslimischen Flüchtlingen missionieren?

Es sollte selbstverständlich sein, dass Kirchengemeinden, die mit muslimischen Flücht­lingen arbeiten, nicht hinterm Berg halten, wer sie sind und was sie antreibt.

Was ist mit Straßenpredigern, die sich wie in Speakers’ Corner ein Podest in der Innenstadt aufstellen und rufen, man solle Jesus in sein Leben aufnehmen – ist das Mission?

An der Speakers’ Corner in London erwarte ich, dass immer auch evangelikale Christen dort auf Kisten stehen und sprechen. Die anglikanische Kirche hat sogar jemanden dafür angestellt. Hemmungen hätte ich, wenn diese Form des Auftretens kulturell nicht akzeptiert wäre und das Gegenteil bewirkte.

Also Ablehnung provoziert.

Ja, wenn das als Spinnerei gilt. Noch in den 1970er und 80er Jahren haben einige fromme Straßenprediger in Nullkommanix tausend Leute um sich gehabt. Warum soll das nur in der Kirche stattfinden? Aber bei uns in der Bonner Innenstadt predigen auf der Straße fast ausnahmslos bestimmte russlanddeutsche Gemeinden. Da stehen dann 15 Mädchen mit Dutt und singen: Jesus liebt dich. Das finden die Leute skurril, sie machen dumme ­Kommentare, stehen bleibt keiner.

"Viele Evangelikale sind immer noch unpolitisch. Und unpolitische Leute sind oft an­fällig für allerlei Unsinn"

Ist es ein Vorurteil, dass viele Evangelikale politisch konservativ sind?

Das ist kein Vorurteil. Das Kernproblem ist aber eher, dass viele Evangelikale immer noch unpolitisch sind. Unpolitische Leute ­leben ja trotzdem in einer Demokratie und müssen sich politisch verhalten. Sie sind oft an­fällig für allerlei Unsinn. Zur Evangelischen Allianz gehören aber auch die Micha-­Initiative und das Nachhaltigkeitszentrum der WEA bei den Vereinten Nationen in Bonn. Sie setzen sich für globale Gerechtigkeit ein und machen Front gegen alles Konservative in der Politik.

Zwischen Evangelikalen und Rechtspopulisten gibt es Schnittmengen. Beide machen aus ihrer Abneigung gegen den Islam keinen Hehl und engagieren sich gegen Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehen.

Ja, da gibt es gewisse inhaltliche Überschneidungen. Aber nennen Sie mir einen Top-­Evangelikalen, der bei der AfD engagiert ist.

Joachim Kuhs, Vizevorsitzender der Christen in der AfD.

Der in der Evangelischen Allianz keine Rolle spielt. Aber ja, wenn die AfD irgendwo mit zehn Prozent der Stimmen rechnen kann, werden dort mit Sicherheit auch zehn Prozent der Evangelikalen AfD wählen. Die Frage ist aber: Sind es 20 oder 30 Prozent? Dafür fehlt mir jeder Beleg. Die AfD punktet ja gerade im Osten Deutschlands, wo weder besonders viele aktive Christen noch Evangelikale leben.

"Jetzt haben wir so einen korrupten Genossen im Weißen Haus, und die Evangelikalen lassen ihn gewähren"

In Brasilien und in den USA neigen die Evangelikalen zu Rechtspopulismus.

Da wird es kompliziert. In den USA wird die Nationale Evangelische Allianz, also der ­organisierte Evangelikalismus, eher als links bezeichnet. Und die Funktionäre, die aus den USA zu unseren weltweiten Treffen ­kommen, waren bei der letzten Wahl eher im ­Hillary-Clinton-Lager.

In den USA wählen die Evangelikalen Trump.

81 Prozent der weißen Evangelikalen haben für ihn gestimmt. Aber wir haben auch Mil­lionen schwarze und lateinamerikanische Evangelikale. Und auch 60 Prozent der ­weißen Katholiken haben Trump gewählt. In den USA gilt Obama als evangelikal. Beim National Prayer Breakfast sprach er oberevangelikal – ich habe es mehrfach erlebt: "Ich und mein Jesus." Ich weiß ja nicht, ob das ernst gemeint war. Aber einige deutsche Bundestagsab­geordnete dachten eher, er sei Pfingstler.

Trump ist offen sexistisch.

Und korrupt. Die Evangelikalen waren immer bekannt für ihren Kampf gegen die Korrup­tion. Jetzt haben wir da so einen korrupten Genossen, der zwischen den Golddukaten vom Weißen Haus und seiner persönlichen Tasche nicht unterscheiden kann, und sie lassen ihn gewähren. Ich erkenne Franklin Graham, den Sohn von Billy Graham, nicht wieder. Als Bill Clinton etwas mit seiner Praktikantin hatte, hat er einen Riesenfeldzug gegen ihn unternommen: So ein unmoralischer Mann könne nicht Präsident sein! Nun haben sie einen der unmoralischsten Menschen als Präsidenten, und Franklin Graham schweigt. Billy Graham war ein Vorreiter gegen Rassismus. Wenn ich mit seinem Sohn rede, denke ich, ich rede mit jemandem aus den 50er Jahren.

Warum hat er sich so gedreht?

Meines Erachtens hängt das damit zu­sammen, dass der Gründungstraum der USA als God’s own country so virulent ist wie eh und je. Und nach Ansicht der Konservativen aus ­allen Konfessionen hat der Oberste Gerichtshof mehrfach gegen den Willen des Volkes Entscheidungen getroffen, die unmoralisch sind, etwa in Sachen Abtreibung. Der einzige, der das ändern kann, ist der Präsident, weil er die Obersten Richter beruft. Diese Konservativen hätten einen Pakt mit dem Teufel persönlich gemacht, wenn er ihnen versprochen hätte, dass er die Richter austauscht.

"In Deutschland wird nicht stark genug mitgewichtet, dass auch das Leben des Kindes mit auf dem Spiel steht"

Dürfen Christinnen abtreiben?

Für mich ist das Kind im Mutterleib ein Mensch. Ich würde nicht sagen, dass deswegen Abtreibung immer falsch ist, es muss abge­wogen werden. Die Position, dass selbst bei Gefahr für die Mutter Abtreibung verboten sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. In Deutschland wird dagegen nicht stark genug mitgewichtet, dass auch das Leben des Kindes mit auf dem Spiel steht. Droht der Mutter körperlicher Schaden, ist es einfacher zu entscheiden. Wenn es um psychische Schäden der Mutter geht, wird es meines Erachtens schwieriger, diese gegen das Leben des Kindes aufzuwägen.

Wir urteilen Evangelikale über homosexuelle Mitchristen?

Wir, die Weltweite Evan­gelische Allianz, haben Hunderte Millionen Christen davon überzeugt, dass Homosexualität nichts mit dem Strafrecht zu tun hat. In Uganda ist ein Gesetz, das Homo­sexualität unter Todesstrafe stellt, auch dank unserer Intervention nie verabschiedet ­worden. Aber wir haben keine Hierarchie. Auch ich kann nichts von oben diktieren und kann nur versuchen, Mitchristen zu überzeugen. In einer der lutherischen Kirchen in Äthiopien etwa sind wir jetzt an dem Punkt angekommen zu sagen: Homosexualität ist zwar Sünde, aber es wird nicht mehr geleugnet, dass es eine homosexuelle Veranlagung gibt.

"Wenn ich das in Asien oder Afrika auch nur diskutieren würde, wäre ich meinen Job los"

Und wenn ein homosexuelles Paar aus Liebe füreinander Verantwortung nimmt?

Liebe und Verantwortung füreinander sind immer zentral, begrüßenswert, ja zu unterstützen. Das Streitthema ist ausschließlich die praktizierte Sexualität. Das eine ist, einander zu lieben und füreinander einzustehen, das andere, dem auch sexuell Ausdruck zu ver­leihen. Eine wirkliche Antwort, wie man beidem gerecht wird, haben meines Erachtens weder der Vatikan noch die Evangelikalen. Aber darüber denken die wenigsten kontrovers nach. Ich bin da sicher die Ausnahme.

Darf die Kirche homosexuellen Paaren den Segen geben?

Die große Mehrheit der Evangelikalen würde das deutlich ablehnen.

Würden Sie ihnen den Segen geben?

Wenn ich das in Asien oder Afrika auch nur diskutieren würde, wäre ich meinen Job los. Aber ich glaube, dass auch wir Evangelikalen nicht um die Frage herumkommen werden, ob wir alle staatlich geschlossenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Ehen weltweit pauschal aus der Kirche ausschließen wollen, einschließlich unserer eigenen Kinder. Ich kenne kaum eine evangelikale Familie, die ihre eigenen Kinder verstoßen würde, nur weil sie homosexuell sind.

Wie kann man hier Umdenken bewirken?

Für die Evangelikalen muss es immer eine nachvollziehbare Erklärung für die einschlägi­gen Bibeltexte geben. Die ­Autorität der Bibel steht außer Frage.

"Was wir heute unter einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verstehen, hat es in biblischen Zeiten so nicht gegeben"

Wie könnte so eine Erklärung aussehen?

Was im Alten und im Neuen Tes­ta­ment beschrieben wird, ist eine Sexualität, die heute auch jeder Homosexuelle in einer Partnerschaft ablehnen würde. Sie ist verbunden mit Abhängigkeitsverhältnissen, Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch von Minder­jährigen, religiösem Machtmissbrauch. Was wir heute unter einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft verstehen, hat es damals so nicht gegeben. Heute kommt ein verheirateter Homosexueller in der Bild-Zeitung auf die ­Titelseite, weil er fremdgegangen ist. Darauf wäre vor 50 Jahren selbst die Bild-Zeitung nicht gekommen.

Wer entscheidet, welche Deutung stimmt?

Gewissermaßen jeder. Das Chris­ten­tum ist ­eine Demokratie, und jeder darf mitreden. Seit dem Pietismus ist der Hausbibelkreis ein ­Schlager des frommen Protestanten. Da muss kein ­Pfarrer dabei sein. Sprich: Jeder macht seine Bibel auf und gibt seinen Senf dazu. Das hat enorme Vorteile, aber auch Nachteile. Natürlich darf die Geschichte der Kirchen und der Theologie nicht ausgeblendet werden, und am Ende wird daraus ein gemeinsames Bekenntnis.

 "Viele Evangelikale sind unpolitisch – und oft anfällig für allerlei Unsinn"Matthias Jung

"Evolution? Na klar. Die ganzen schöpfungstheologischen Texte sind poetische Texte"

Warum können Evangelikale als Gruppe geschlossen sagen, unser politisches Programm richtet sich gegen Abtreibung und Homosexualität?

Weil man wie die katholische Kirche an historischen Positionen der Kirchen festhält, Änderungen erfolgen bei Religionen nicht wie auf einem Parteitag, sondern nur im weltweiten Konsens, ein mühsamer Prozess.

Wie geht die Evolutionstheorie mit der Bibel zusammen?

Eine exegetisch-hermeneutische Frage: Beschreibt die Schöpfungsgeschichte eine sichtbare Realität, oder ist sie ein poetischer Text?

Und?

Die ganzen schöpfungstheologischen Texte sind poetische Texte. Den einzigen Hinweis, dass in der Schöpfungsgeschichte eine reale Siebentagewoche gemeint ist, könnten die Zehn Gebote geben: Sechs Tage sollst du ar­beiten, und am siebten sollst du ruhen, wie Gott auch die Welt an sechs Tagen erschuf und er am siebten ruhte. Würde man alle Evangelikalen in Deutschland befragen, würden die meisten wahrscheinlich sagen, dass das poetische Texte sind. Die Deutsche Evangelische Allianz hat aber keine offizielle Position dazu.

"Aus dem theologischen Wahrheitsanspruch den Anspruch abzuleiten, andere zu zwingen, ist Fundamentalismus"

Evangelikale stehen für die Freiheit, die ­eigene Religion zu wechseln. Der salafis­tische Prediger Pierre Vogel ist als Evangelikaler gestartet und zum Islam konvertiert. Ist er jetzt ein evangelikaler Muslim?

Ja. Alle Religionsgemeinschaften bilden verhältnismäßig ähnliche Flügel aus. Unterschiedlich ist der Prozentsatz. Wir haben im Christentum das Glück, dass der gewaltbereite Flügel im Moment verhältnismäßig klein ist. Vor 100 Jahren während des Ersten Weltkriegs und während des Kolonialismus war das andersherum.

Was ist für Sie Fundamentalismus?

Aus dem theologischen Wahrheitsanspruch ­einen politischen Anspruch abzuleiten oder den Anspruch, andere zu zwingen oder bestrafen zu dürfen, wenn sie anders denken. Iraner sind schon sehr lange Schiiten. Aber schockierend ist, dass jeder gezwungen wird, so zu leben, so zu denken, oder bestraft wird. Auch in den USA erleben wir, dass aus diesem Wahrheitsanspruch ein unmittelbarer politischer Anspruch abgeleitet wird. Und wenn in einigen russland-deutschen Gemeinden aus der Bibel herausgelesen wird, dass man die Kinder schlagen muss, wäre das für mich dasselbe. Aus dem Wahrheitsanspruch wird abgeleitet, Gewalt ausüben zu dürfen, für die man sonst keine Berechtigung hätte.

"Bei der Kindererziehung finden Sie leider heute noch Handbücher, wo es heißt: Das Schlagen sollte der Vater übernehmen"

Wie verbreitet ist, was Sie als Fundamen­talismus definieren, unter Evangelikalen?

Je nach Land. In Deutschland leiten Funda­mentalisten kaum einen politischen Anspruch daraus ab, sondern beschränken sich vor allem auf Dinge im privaten Bereich. ­Deshalb ist das schwer einzuschätzen. Beim sogenannten Züchtigen von Kindern ­würde ich das auf irgendwo zwischen zehn und zwanzig Prozent schätzen.

Oder die Frau schlagen . . .

Nein, das nicht. Das Handbuch Evangelikalismus sagt, dass Frauen in Sachen Sexualität seit frühesten Zeiten gleichberechtigt sind. Seit den 50er Jahren geht es in den evangelikalen Handbüchern zur innerehelichen Sexualität immer darum, wie beide zu ihrem Recht – das heißt zur sexuellen Befriedigung – kommen. Bei den Evangelikalen wurde die Vaterrolle immer stark über die Verantwortung definiert. Dazu gehörte, das Beste auch für seine Frau zu ­wollen. Bei der Kindererziehung dagegen ­finden Sie aber leider heute noch Handbücher, wo es heißt: Das Schlagen sollte der Vater übernehmen, er hat die eigentliche Autorität.

Was tun Sie dagegen?

Zunächst ist das eine Frage der Bibelaus­legung. Da steht: Züchtige mit der Rute.

In Sprüche 13,24 zum Beispiel: "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn beizeiten."

Dazu schrieb ich: Das Schwert ist Symbol für den Staat, das bedeutet aber nicht, dass der Staat Leute zu töten hat. Gleiches gilt für das Symbol der Rute, die für Erziehung steht.

"In vielen Erdteilen wächst das Christentum nur wegen der evangelikalen Bewegung"

Was trägt der Evangelikalismus zur Zukunft des Protestantismus bei?

Wenn wir international mit Vertretern verschiedener christlicher Gruppen zusammen­kommen, gibt es jedes Jahr nur zwei Gruppen, die größer geworden sind: die von Afrikanern selbst gegründeten unabhängigen Kirchen und die Evangelikalen samt den Pfingstlern. In vielen Erdteilen wächst das Christentum nur wegen der evangelikalen Bewegung. ­Sat-7 ist beispielsweise ein Fernsehsender, der auch von den nicht evangelischen ­Kirchen in der Region verantwortet wird. Er hat einen ungeheuren Missionseffekt und trägt sehr zum Wachstum evange­likaler Gemeinden bei, gerade in muslimischen ­Ländern. Die Konvertiten landen nicht in den historischen Kirchen. Was soll die armenisch orthodoxe Kirche auch mit Türkischsprechenden an­fangen? Sie landen bei uns Evangelikalen.

Aber es kann doch nicht nur um das numerische Wachstum gehen!

Die Weltweite Evangelische Allianz hat diese Form der Erweckungen immer ernst ge­nommen und versucht, diese teils wild ­wachsenden Missionskirchen einzufangen und zum Kern des Christentums zurück­zuführen.

Indem sie Fragen stellt, die sich andere nicht mehr stellen – etwa nach Sünde und Sühne?

Ja, auch nach Versöhnung. Fragen, die zur DNA des Christentums gehören.

"­Sie machen einen Glaubenskurs und irgendwann haben die sich bekehrt – das ist für mich Mission"

Fordern Evangelikale Bekennermut ein?

Ja, und das führt etwa im Iran auch zu Untergrundkirchen. Alle Experten sagen mir: Im Iran versammeln sich die Evangelikalen und Pfingstler in Untergrundkirchen. Nur weil man das verdrängt hat, wundert man sich jetzt in Deutschland, warum so viele Iraner hierherkommen und Christen werden wollen. Was wir hier an Taufen erleben, sind ja nur die wenigen, die es rüber geschafft haben. Ein iranischstämmiger Pfingstpastor in Hamburg . . .

. . . der die Massentaufen veranstaltet . . .

. . . ist selbst bekehrt, und er evangelisiert auf Iranisch. Und dann kriegen wir wieder zu ­hören: Was macht ihr da? Dann kann ich nur sagen: Das ist die Realität.

Die Nordkirche veranstaltet nun auch ­Massentaufen in der Elbe.

Die Rheinische Kirche aber entscheidet: Wir dürfen nicht missionieren. Da frage ich einen der Autoren dieses Beschlusses: "Wie viele Muslime haben Sie denn letztes Jahr mit Ihrer Kirchengemeinde getauft?" Er sagt: "14." Ich frage: "Warum wendet sich dann Ihre Kirche gegen die Mission?" Da sagt er: "Wir haben die ja nicht bekehrt; die sind von selber gekommen." Da sage ich: "Wenn die an der Kirchentür klingeln und wollen Christen werden, ­machen Sie mit denen einen Glaubenskurs. Und irgendwann haben die sich bekehrt – und dann können Sie doch nicht sagen: Das war ich nicht." Das ist für mich Mission.

Infobox

Das Wort evangelikal kommt aus dem Englischen. "Evangelical" heißt eigentlich ­"evangelisch". Gemeint sind jene Evangelischen (oder auch Protestanten), die sich streng auf Bibel und Evangelium beziehen, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus beanspruchen und eine persönliche Entscheidung für ein auch nach außen sichtbares Christentum getroffen haben. Evangelikale Christen können lutherisch, reformiert, mennonitisch oder baptis­tisch sein. Sogar einige Katholiken bezeichnen sich als evangelikal.

Historisch erwuchs der Evangelikalismus aus pietistischen Kreisen und aus der ­Erweckungsbewegung. 1846 organisierten sich Vertreter aus verschiedenen protes­tantischen Kirchen zur Weltweiten Evangelischen Allianz, die sich seither als Sprachrohr der Evangelikalen versteht. In Deutschland breitete sich der Evangelikalismus ­ab den 1950er Jahren vor allem durch "Crusades" (Deutsch: "Kreuzzüge") des US-amerikanischen Predigers Billy Graham aus. Evangelikale finden sich in Pfingstgemeinden, anderen Freikirchen und in "Landeskirchlichen Gemeinschaften". Die Öffentlichkeit nimmt vor allem evangelikale Stimmen gegen Abtreibung und Homosexualität wahr.

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