Uni-Karriere ist nicht alles: der Harvard-Professor Henri Nouwen

Der Professor in der Arche
Die Entscheidung - Henri Nouwen

Marco Wagner

Die Entscheidung - Henri Nouwen

Harvard-Professor Henri Nouwen gab seine Karriere auf, um Schwerstbehinderte zu pflegen - und fand sich selbst

"Henri, hier verbringst du also deine Zeit?" Der Kollege, der seinen Freund besuchte, war entsetzt. Henri Nouwen hatte seine Professur an der Har­vard-Universität gekündigt und war im Alter von 54 Jahren nach Kanada in eine christliche Lebensgemeinschaft gezogen, wo er einen schwerstbehinderten jungen Mann betreute. "Hast du die Universität, an der du so viele Einsichten und Anregungen gegeben hast, nur verlassen, um deine Zeit und Kraft für Adam zu verwenden?"

Thomas Bastar

Thomas Bastar ist ehemaliger chrismon-Redakteur und arbeitet heute als freier Journalist und Autor in Hamburg; u.a. auch für chrismon und die Stiftung Kiba.
Privat

Tatsächlich hatte der Priester und Theologe eine großartige Karriere auf­gegeben. 1932 in einer katholischen Familie in den Niederlanden geboren, hatte Henri Nouwen nach dem Stu­dium der Theologie und Psychologie seine Ausbildung an einem psychia­trischen Institut in den USA vollendet.

In Amerika wurde er schnell als spiritueller Autor berühmt. "Schöpferische Seelsorge", "Mit offenen Händen" oder "Feuer, das von innen brennt" heißen einige Titel, immer geht es um Nähe, um gute Beziehungen – zu anderen Menschen, zu sich selbst, zu Gott. Als Nouwen 1983 schließlich als Professor für Pastoraltheologie nach Harvard ging, war er vermutlich der bekannteste Theologe in den USA.

Auf der Suche nach Zugehörigkeit

Aber etwas fehlte. "Henri fragte ­sich sein ganzes Leben lang, ob er geliebt war", erinnerte sich sein Bruder Laurent. Auch der Jesuit Bill Clarke, der
Nouwen in der Arche-Gemeinschaft für Menschen mit und ohne Be-
hinderungen kennenlernte, erkannte die fundamentale Schwäche seines Priesterkollegen: "Henri war einfach immer schon auf der Suche danach, wer er wirklich ist und wohin er gehört." Viele Stellenwechsel, häufige Reisen, zwei halbjährige Sabbatzeiten in einem Trappistenkloster, et­liche Monate in einem missionarischen Dienst in Lateinamerika – nirgendwo fand Nouwen das, was er suchte.

Die Wende kam erst, als Jean ­Vanier, der die Arche-Gemeinschaften gegründet hatte, ihn in ­seine Gemeinschaft nach Trosly bei Paris einlud. Anschließend ging ­Nouwen als Hausgeistlicher in die Arche Daybreak bei Toronto – und schien sein Zuhause gefunden zu ­haben. Zu seinen Aufgaben gehörte es, dem schwerstbehinderten Adam ­Arnett beim Aufstehen, Waschen und Frühstücken zu helfen. Zuerst fühlte sich der Theologe überfordert, aber "Adam wurde mein Lehrer". Als Nouwen ihn einmal ungeduldig zur Eile antrieb, reagierte Adam mit einem epileptischen Anfall. "Während ich mich mit Gedanken darüber plagte, wie ich produktiv sein könnte, verkündete mir Adam, dass ‚Sein wichtiger ist als Tun‘. Während ich mich damit beschäftigte, was man über mich sprach oder schrieb, sagte mir Adam ruhig, dass ,Gottes Liebe wichtiger ist als das Lob der Menschen‘."

Der spirituelle Lehrer musste in Therapie

Doch die Sicherheit der Gemeinschaft öffnete Nouwen auch für die ihm selbst bis dahin verborgene Seite seiner Seele: sein übergroßes Bedürfnis nach Anerkennung. Er hatte sich in Frankreich mit dem jungen Arche-Assistenten Nathan Ball befreundet, dem er nach Kanada gefolgt war und von dessen Wohlwollen er sich abhängig machte. Der Freund fühlte sich überfordert, kündigte die Beziehung auf. Nouwen fiel in ein tiefes Loch: "Es war eine Phase, in der mich große innere Unruhe und tiefe Angst erfasst hatten. Ich fragte mich, ob ich mein Leben, so wie ich es neu begonnen hatte, werde durchhalten können." Es war ein veritabler Zusammenbruch. Der spirituelle Lehrer musste sich für sieben Monate in die Obhut einer therapeutischen Einrichtung begeben.

Er ging danach in die Arche zurück – aber behutsam: "Ich bewegte mich in meiner Gemeinschaft sozusagen auf Zehenspitzen." Nach und nach spürte er, dass er nicht mehr derselbe war, der die Gemeinschaft verzweifelt verlassen hatte. Auch die Freundschaft mit Nathan lebte wieder auf. Acht ­Jahre später starb Henri Nouwen 64-jährig an einem Herzinfarkt.

Infobox

Henri Nouwen: "Der sein Herz ausbreitet"

Ein Mann, der ganz und gar präsent ist und der absolut ehrlich ist, der sein Herz vor den anderen ausbreitet und sich nicht mit abstrakten Theorien abgibt, sagt Anselm Grün über den theologischen Autor Henri Nouwen.

Dessen Bücher sind unter anderem im Herder Verlag erschienen, zum Beispiel "Die innere Stimme der Liebe". Auch über seine Erfahrung mit Adam Arnett hat Nouwen ein Buch geschrieben (vergriffen).

Mehr Infos unter www.nouwen.org

Leseempfehlung

Lauter grüne Gürtel fürs Land: Mit Hartnäckigkeit ­verschaffte Wangari Maathai Kenias Frauen mehr Selbstbewusstsein
Tausende Menschen rettete der Priester Hugh O’Flaherty vor den Nazis. Nach dem Krieg taufte er seinen größten Widersacher – einen SS-Offizier
Franz Jacobi erzürnt sich mit seinem Kaplan – und gründete einen Fußballverein

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.