Demokratie in der Krise

Wie ein Riss in einer hohen Mauer
Das Vertrauen in die Demokratie bröckelt. Wer verstehen will, warum das so ist, muss zehn Jahre zurückblicken.

Im Auftrag der "FAZ" hat das Institut für Demoskopie Allensbach kürzlich in einer Umfrage herausgefunden, dass nur noch 51 Prozent der Befragten das politische System als eine Stärke Deutschlands erachten. Man wundert sich, wo der Aufschrei bleibt. Denn was macht unser politisches System aus? Wir leben in einer repräsentativen Parteiendemokratie, in der die Staatsgewalt vom Volk, also von uns allen, ausgeht. Wir leben mit einer Gewaltenteilung, in der Gerichte Entscheidungen der Staatsgewalt kassieren können, wenn die Exekutive gegen Recht und Gesetz verstößt. Freie Medien kontrollieren Staat und Gesellschaft und decken Missstände auf. Sehr viele Menschen auf dieser Welt beneiden uns um dieses Maß Freiheit, das nur noch knapp mehr als die Hälfte der Menschen für eine Stärke hält.

Dass unsere Demokratie in Gefahr ist, wird schon zur traurigen Normalität. Umfragen wie die in der "FAZ" rufen die erwartbaren Reaktionen hervor: Nun seien wir alle gefragt, als Demokraten unsere freiheitliche Grundordnung in der Familie, im Freundes- und Kollegenkreis, in der Schule, im Sportverein, der Kirchengemeinde oder im Internet zu verteidigen. Oder, noch besser, uns gleich in Parteien zu engagieren. Das ist alles richtig und wichtig. Aber so ein Appell ist auch nur ein Krisensymptom. Die Frage, warum die Demokratie unter Druck gerät, ist damit nicht beantwortet.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Wer den Vertrauensverlust verstehen will, muss zehn Jahre zurückblicken. Damals war das globale Wirtschafts- und Bankensystem ins Wanken geraten. Ausgangspunkt war der Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes. Banken hatten Menschen Geld geliehen, die es nicht zurückzahlen konnten. Die faulen Kredite waren aber an Banken auf der ganzen Welt weiterverkauft worden. Panik brach aus. Die Bundesregierung sah sich sogar genötigt, für die Einlagen der Kunden bei ihren Banken zu garantieren. Das war 2008. In Folge der Verwerfungen auf den Finanzmärkten rutschten später Griechenland und andere südeuropäische Staaten in eine Staatsschuldenkrise. Das führte zum Niedrigzinskurs der Europäischen Zentralbank – sie dauert bis heute an.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichte 2009 ein Wort zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, der Titel war klug gewählt: Wie ein Riss in einer hohen Mauer. Warum dieses biblische Bild? Die Autoren schrieben: "Im 30. Kapitel des Jesajabuches kleidet der Prophet seine Botschaft vom Verhängnis seines Volkes in das Bild eines Risses, der sich, zunächst kaum sichtbar, immer weiter in eine hohe Mauer frisst, bis der Mörtel rieselt, der die Steine hält, ja bis am Ende die ganze Mauer einstürzt." Dieses Bild war so stimmig wie eine Diagnose, die der Rat der EKD vor knapp zehn Jahren stellte: "Dass es nicht mehr weitergehen kann wie bisher, spüren viele."

Merkel verwaltete das Land, aber sie gestaltete es nicht

Das Problem ist: Es ist, trotz kleiner Korrekturen, doch alles so weitergegangen mit unserem Wirtschaftssystem. Und das, obwohl damals vor aller Augen der neoliberale Glaubenssatz zerborsten war – nämlich, dass der Markt schon alles zum Vorteil aller richten wird. Die Marktgläubigkeit, die unter Ronald Reagans Präsidentschaft ihren weltweiten Siegeszug angetreten hatte, war lange eine prägende, für viele Menschen sogar sinnstiftende Erzählung. Aber sie hatte Risse bekommen. Menschen fielen vom Glauben ab – aber eine neue Erzählung, etwas, woran man glauben kann, gibt es bis heute nicht.

Die Aufräumarbeiten der Krise von 2008/2009 verantwortete Angela Merkel, die meist von einer Großen Koalition gestützt wurde. Lange erntete die Kanzlerin Lob für ihre pragmatische Politik. Aber heute wird klar, dass ihr Stil immer nur von Reaktion geprägt war, fast nie von proaktivem Handeln. Oft bestand Konsens, welche Probleme gerade akut zu lösen seien – aber nie ließ sie sich auf Debatten ein, wie es danach weitergehen sollte. Merkel verwaltete das Land, aber sie gestaltete es nicht.

Wo Argumente gefragt waren, fügten wir uns in vermeintlich alternativlose Sachzwänge

Die niedrigen Zinsen nach der Krise blieben und führten dazu, dass Kleinsparer schleichend enteignet wurden. Vermögende konnten dagegen auf die Aktienmärkte ausweichen, die – befeuert durch das billige Zentralbankgeld – boomten. Viel Geld floss auf der Suche nach Rendite auch in Immobilien, die immer teurer wurden. Diese Entwicklung belastet Mieter und begünstigt Eigentümer. Die Merkel-Jahre haben zu einer ökonomischen Spaltung geführt: Die reichsten zehn Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens (56 Prozent) die ärmere Hälfte hat dagegen nur einen Anteil von 1,3 Prozent.

Wie keine andere Partei wurde und wird die SPD von dieser Entwicklung zerrieben. Mit der Einführung von "Hartz IV" und den Finanzmarktliberalisierungen unter der Führung von SPD-Finanzministern hat sie auch einen großen Eigenanteil daran. Verzweifelt arbeiten sich die Sozialdemokraten an Merkel ab, deren große Stärke es war, stets so sehr im Vagen zu bleiben, dass konkrete Forderungen nach höheren Mindestlöhnen oder Vermögenssteuern wie sozialistische Irrlichtereien wirkten. Je länger Merkel regierte, desto mehr verlernten wir zu streiten. Wo Argumente und eine Lust an der Debatte gefragt waren, fügten wir uns in vermeintlich alternativlose Sachzwänge.

Wir müssen lernen, wieder um die richtigen Antworten zu streiten

Nun hat die SPD sich für eine neue Spitze entschieden. Die Art und Weise, wie die künftigen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans jetzt in der Fernsehsendung "Anne Will" abgekanzelt wurden ("Olaf Scholz ist gedemütigt, was ist denn jetzt eigentlich gewonnen?"), legte ein trauriges Zeugnis davon ab, dass wir verlernt haben, überhaupt wieder eine Wahl zu haben. Denn nichts anderes hatten die Mitglieder der SPD ja: die Wahl zwischen einem Team, das den Kurs der Großen Koalition (schwarze Null, allenfalls verhaltener Klimaschutz) mittragen wollte – und, auf der anderen Seite, einem Team, das der SPD zu mehr Profil verhelfen will. Damit kann man scheitern, sicher. Aber das ist Demokratie.

Es ist kein Zufall, dass die Partei, die das Wort "Alternative" im Namen trägt, wächst. Mit dramatischen Folgen. Die AfD wurde zum Sammelbecken des Hasses, der das Land überzieht, ohne auch nur ein einziges konkretes Problem zu lösen.

Jetzt, da das Ende der Ära Merkel nah ist, wird es höchste Zeit für die Frage, wie wir die großen Zukunftsprobleme anpacken wollen, die unübersehbar auf uns zukommen: Klimawandel, Altersarmut, zunehmende Ungleichheit. Wir müssen lernen, wieder um die richtigen Antworten zu streiten.

Dann wird auch wieder mehr als die Hälfte sagen, dass unser politisches System auch unsere Stärke ist.

 

 

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Lesermeinungen

Zitat Fr. Müller: "Hurra! Wir haben es gut getroffen! Trotz Merkel! Nur noch 51% sind uneingeschränkte Fans des hiesigen Herrschaftssystems? Das gehört verboten! " !!!

Ohne Fr. Merkel ginge es uns wesentlich besser? Sie soll dafür verantwortlich sein, dass die Demokratie an Ansehen verloren hat? Ein DE-Corbyn, ein DE-Johnson, ein DE-Trump wäre besser gewesen? Parteipolitik hat in diesem Forum nicht zu suchen. Gesellschaftliche Zusammenhänge aber sehr wohl. Was wäre, wenn sich die Wähler ohne eine populistische Bevormundung demokratisch für die Einschränkung der Demokratie entscheiden würden? Oder müßte dann diese "Demokratie" verboten werden? Pures Glatteis! Was haben wir gestern in GB gesehen? Dass der pure Populismus, der sich hemmungslos der Gosse und der platten Lüge bedient, demokratisch siegt. Das wirft dann auch die Frage auf, ob denn für demokratische Entscheidungen ein Mindestmaß an Wissen, an Fairness an Niveau unabdingbar ist. Schon diese Frage ist im Kern undemokratisch. Wo anfangen, wo aufhören!? Nur mit Enthusiasmus, mit Freude und mit Naivität lässt sich diese Frage kaum zufriedenstellend beantworten. Es sind doch wohl eher die gesellschaftlichen Veränderungen die Ursachen, die auch dazu führten, dass die Kirchen an Macht, Einfluss und Anerkennung verloren haben. Schöne wohlige Reden tun zwar gut, aber die Aufforderungen wie: Zitat: "Wir müssen lernen, wieder um die richtigen Antworten zu streiten!" gehen am Machbaren weit vorbei. Die Neoliberalen, die Liberalsozialen, die "Volks-, Menschen- und Gender-Versteher" haben es mit ihrem Freiheitsverständnis geschafft, eine egoistische Individualgesellschaft zu bauen, in der jeder seinen subjektiven Freiheitsbegriff haben darf und soll. Ein individuelles Gleichgewicht von Rechten und Pflichten? Bloß das nicht. Das wär ja ein Angriff auf meine Freiheiten, auf meine menschlichen Schwächen. Selbstverständlich alles auf Kosten der Gesellschaft! Die ihn und uns trägt! Auch für beide Kirchen wäre es eine Aufgabe, sich diesen Veränderungen mit Lösungen zu widmen. Aber da kommt nichts, kann vermutlich auch nichts kommen, weil alle Lösungsvorschläge sofort an den Grenzen der menschlichen Schwächen scheitern. Die eine Kirche ist vollauf mit sich selbst beschäftigt, die andere widmet sich der Weltverbesserung. Die eine martert sich Im Angesicht des eigenen Spiegels, die andere fordert von den Kanzeln nahezu Unmögliches.

Lieber Herr Ockenga, voller Empörung fragen Sie: "Was haben wir gestern in GB gesehen?". Einen haushohen Wahlsieg der Konservativen Partei. Was stört Sie daran? Die sind doch wirklich nicht von den bösen 68-ern unterwandert worden. Denen ist doch sehr klar, dass Rechte erst schön werden, wenn sie durch Pflichten ordentlich an die Kandare genommen werden. Bitte klären Sie mich auf!

Lisa Müller

Gibt es eine demokratische „Falschwählerei“? GB kann machen was es will. Stört mich nicht.

Zitat Fr. Müller: "Die sind doch wirklich nicht von den bösen 68-ern unterwandert worden".
AW Oc: Von den DE-68gern nicht, wohl aber von dem europäischen 68ger Zeitgeist, der die persönliche Freiheit über das Wohl des Staates stellt. Die neoliberale und liberalsoziale Denke ist zwar zutiefst menschenfreundlich, sie stellte aber bisher Immer die Rechte des Einzelnen über seine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft. Das ist ihr Erfolgsmodell. Sie meinen ja wohl, dass die demokratische GB-Wahl und deren Ergebnis rein sachlich so in Ordnung ist. Wir klagen hier über die AFD, deren Methoden und halsbrecherischen Lösungsvorschläge. Die neuen GB-Konservativen haben dort mit anderen Motiven eine ähnliche Funktion. Ist der pure Populismus, der “demokratisch“ siegt, weil er sich unter Ausnutzung der menschlichen Schwächen hemmungslos der Gosse und der platten Lüge bedient im Kern noch demokratisch/richtig? Es ist das grundsätzliche Problem der Demokratie, dass mit ihrem Vollzug fälschlich davon ausgegangen wird, das mit dem Grad der Zustimmung auch die Entscheidungen unumstritten gut und richtig sind. Wenn man aber die populistisch so Verirrten ins offene Messer laufen lässt, ist das verantwortungslos. Der „Braune Gruß“ aus 1933 beweist es.

Zitat Fr. Müller: „Denen ist doch sehr klar, dass Rechte erst schön werden, wenn sie durch Pflichten ordentlich an die Kandare genommen werden“. AW Oc: Wer nicht hören, verstehen und danach handeln will muß büssen? Glaubt man der Berichterstattung, dann war denen nur klar, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Befeuert wurde diese Entscheidung wohl auch noch durch einen Stolz auf die Vergangenheit, die so nicht zu wiederholen ist. „Ehrsucht und Stolz wachsen auf morschem Holz“. Die „Kandare-Pflichten“ müssen dann auch von den Wählern akzeptiert werden. Haben Sie schon mal erlebt, dass Wähler eine späte Einsicht haben und dann friedfertig die Folgen tragen?

Dann ist da noch das größte Problem, dass die Politik auch mit den Religionen teilt. Wahrsager und Richter gibt es so viele wie Politiker und Kardinäle, wie Ideologien und Religionen. Das Volk hängt allzu menschlich die Fahne nach dem Wind, der je nach Stimmung von jeder Seite kommen kann. Wie alle bisherigen vergangenen gesellschaftlichen und politischen System könnte auch die Demokratie an ihre, in diesem Fall, freiheitlichen Grenzen stoßen. Keiner weis was Besseres.

Das glaube ich nicht, dass "Das Bessere", was auch immer das sein soll, mit der bösen Menschheit ein Fang-mich-doch-Spiel spielen will und dabei immer gewonnen hat, sich also nicht hat fangen lassen. Wenn die Menschheit schon so verkorkst ist wie Sie, lieber Herr Ockenga, regelmäßig schreiben, wer will sich denn da noch fangen lassen? Die menschliche Schwäche fliegt hemmungslos auf die Gosse und platte Lüge rein, geht mal dem deutschen, mal dem europäischen 68er-Ungeist auf den Leim und hängt die Fahne nach dem Wind. Nicht zu vergessen das größte denkbare Verbrechen, "die Rechte des Einzelnen über seine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft" zu stellen. Das lässt sich in der Tat keine Herrschaft gefallen, weder die braune, noch die demokratische.

Insofern kann ich gerne Ihre Frage beantworten: "Haben Sie schon mal erlebt, dass Wähler eine späte Einsicht haben und dann friedfertig die Folgen tragen?". Das erlebe ich täglich. Die späte Einsicht ist identisch mit der frühen Einsicht, nämlich dass die Gewählten machen, was die Gewählten wollen. Der Wähler ärgert sich in schöner Regelmäßigkeit, wählt dann das nächste Mal die Anderen, um sich wieder zu ärgern oder wählt trotzdem die Gleichen, weil die angeblich wenigstens nicht so schlimm wie die Anderen seien. Der Nichtwähler ist wenigstens konsequent und beteiligt sich nicht an der Wahl. Der Wähler hält trotz seiner ebenso frühen wie späten Einsicht an dem Irrtum fest, dass die Wahl sein Mittel wäre, etwas in seinem Sinne zu bewirken. Zu seiner gefährlichen Einbildung gelangt er, weil von seiner Wahl ja tatsächlich abhängt, wer das Mandat oder Amt bekommt. Dumm nur, dass der Mandatsträger oder Amtsinhaber gewählt werden will, weil er eben durch die Wahl legitimiert ist, das Amt oder Mandat gemäß seinen Vorstellungen auszuüben.

Der Gewählte macht also nach der Wahl sehr wohl genau das, was er vor der Wahl gesagt hat: Er macht von seiner Macht Gebrauch. Und auch der Wähler macht, was er vor der Wahl und nach der Wahl zu machen hat: Gehorchen. Und weil gehorchen so hässlich klingt, kann man auch "friedfertig die Folgen tragen" schreiben.

Lisa Müller

Ihre Folgerung trifft nicht. ich bin es gewohnt zu horchen, aber von gehorchen war mir kein Sinn.

Zitat Oc: „Die „Kandare-Pflichten“ müssen dann auch von den Wählern akzeptiert werden. Haben Sie schon mal erlebt, dass Wähler eine späte Einsicht haben und dann friedfertig die Folgen tragen?“

Zitat Fr. Müller: „Gehorchen. Und weil gehorchen so hässlich klingt, kann man auch "friedfertig die Folgen tragen" schreiben.

Wenn ein Wähler nicht gehorcht, dann will er auch nicht friedfertig die Folgen tragen. Sie schrieben zuerst, dass Wähler für ihre Entscheidungen auch an die „Kandare“ genommen werden müssen. Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Wähler dazu bereit ist. Wenn das Pessimismus ist, dann muß es wohl so sein.

Weder der faschistische Staat noch der demokratische Rechtsstaat gibt sich damit zufrieden, dass ihre jeweiligen Untertanen - also die Volksgenossen bzw. die freien Bürger - lediglich auf ihn horchen. Sie müssen gehorchen, sonst landen sie im Knast. Ganz unabhängig davon, ob dem Untertan der Sinn nach Gehorchen steht oder nicht.

Wem der Sinn sowieso noch nie nach etwas anderem stand als danach, moralisch sauber bei allem mitzumachen, was erwartet wird, also fleißig seinen Beruf auszuüben, sein Gehalt ordentlich einzuteilen und am Wochenende ganz nach Gusto im Kirchenchor zu üben, bei erlaubten Demos mitzulatschen oder sich aufs Ohr zu legen, der kann sich einbilden, er würde nur horchen und nicht gehorchen.

Lisa Müller

Ich möchte Herrn Husmann für seinen erfreulich klaren Beitrag danken. Nur noch 51% sind uneingeschränkte Fans des hiesigen Herrschaftsystems? Das gehört verboten! Die Demokratie ist und bleibt die demokratischste aller Herrschaftsformen. Deshalb sind 99% Zustimmung gefragt, mindestens!

Das letzte Mal, dass ich ein solches flammendes Plädoyer gelesen habe für die demokratische Weise, Herrschaft abzusichern, liegt sogar mehr als 10 Jahre zurück. Zugegeben, damals gab es noch keine AfD. Dafür war deren großes Vorbild, der berühmte Vogelschiss, mit seinen Folgen wie Bombennächten im Luftschutzkeller oder Ruinenlandschaften in den Nachkriegsstädten, uns als Kindheitserinnerungen noch geläufig. Es gab ein richtiges und ein falsches Deutschland. Im richtigen Deutschland wurde die korrekte Einstellung zur politischen Herrschaft im Sozialkundeunterricht gelehrt. Ein begeistertes Hurra zur Demokratie, wie im Artikel von Herrn Husmann, war selbstverständliche Pflicht. Und es reichte ein kleiner Spickzettel, um die erwarteten Stichworte parat zu haben: Freie Presse, unabhängige Gerichte, um die Macht kämpfende Parteien, das berühmte Staatsvolk, von dem alle Macht ausgeht, die mit Sicherheit nie mehr zum Volk zurückkommt.

Weil ein paar Sensibelchen unter unseren Lehrern dieses Hurra dann doch zu sehr an die 12 Jahre währende, verflossene Begeisterung für die gelungene Führung erinnerte, durfte auch Folgendes geschrieben werden: Die Demokratie ist eine ganz miese Herrschaftsform, aber alle anderen Herrschaftsformen sind noch mieser. Wer den Vergleich mit "Drüben" und "Damals" auf diese Weise erledigte, durfte auch damit Bestnoten einfahren. Hauptsache, es gab keinen Zweifel, dass man es mit dem eigenen System ganz hervorragend gut getroffen hatte.

Heutzutage sind solche stilistischen Umwege nicht mehr erforderlich, der direkte Kotau vor der Demokratie ist der Normalfall.

Und jetzt dieser Reinfall mit der Frau Dr. Merkel! Da kommt der anständige Demokrat seiner vornehmsten Pflicht nach, nämlich Herrschaft durch freie, gleiche, geheime, ökologische, nachhaltige und verantwortungsbewusste Wahl zu legitimieren. Und was dann? Bekommt er die nach außen und innen tatkräftige geistige und sonstige Führung, auf die er sowohl nach Ansicht der Braunen wie auch der Bunten einen Anspruch hat? Fehlanzeige! Er bekommt eine Verwaltungsfachangestellte, so die Klage von Herrn Husmann. Die Braunen sehen auch Grund zur Klage. Die Merkel habe durchaus regiert, aber falsch, da sie Ausländer wie Österreicher und Dunkelhäutige ins Land gelassen hat. Deswegen auch dort: Merkel muss weg!

Als langjährige begeisterte Leserin von chrismon möchte ich mich also nochmals bei Herrn Husmann für seinen beeindruckenden Beitrag bedanken.

Lisa Müller

Wahr ist, dass 1 Gewehr 1000 Menschen in Schach hält und Angst und Schrecken verbreitet. Wahr ist auch, dass eine "schöne" Lüge, gedeckt durch das Recht auf die Freiheit der persönlichen Meinung, nachhaltiger ist als 1000 Wahrheiten.

Leider führt auch das Recht der freien Meinungsäußerung dazu, das jeder Unsinn öffentlich wird und mangels verstehendem Allgemeinwissen immer leichter Zustimmung findet. Denn die simpelste Antwort ist immer eingängiger als eine komplexe Wahrheit. Der Schreier im lauter und verständlicher als der Ruhige oder gar Sprachlose. So wie eine Beleidigung nachhaltiger ist als ein Lob. Diese "Mechanik" des menschlichen Verhaltens wird durch die nahezu uneingeschränkte Freiheit in ihrer Wirkung mehrfach multipliziert. Ohne Zweifel, die Freiheit ist das höchste Gut. Sie trägt aber auch in sich den Stachel des Missbrauchs. Ähnliche Wirkungen hat das auch auf die Demokratie. Wie viele Proteste hat es schon gegeben, die von den Chaoten erobert und manipuliert wurden? Wie viele Straßen wurden deshalb nicht gebaut, die jetzt bitter fehlen? Wie viele Kriege wurden schon begründet mit Lügen, die das „demokratische“ Volk glaubte? viele Verschwörungstheorien gibt es besonders in den USA, die jeder Wahrheit Hohn sprechen? Die Quacksalber haben es leicht, wenn die schönen Lügen zur "genehmen privaten Wahrheit" werden.
In diese Kategorie fällt leider auch das Zitat: „Merkel verwaltete das Land, aber sie gestaltet es nicht“. Sie hat keine unumschränkte Macht, sie ist keine Despotin. Sie ist abhängig vom Parlament, den Koalitionspartnern und nicht zuletzt auch alle 4 Jahre vom Wähler. In einer Demokratie entscheidet immer noch kein-e- Einzelne-r- sondern das, was „mittags“ auf dem Tisch der Anderen steht. Aber es ist natürlich sehr bequem, einer einzelnen Person die Schuld zu geben, wenn man selbst der Mitentscheider sein sollte. Das Zitat: „Merkel verwaltet das Land, aber sie gestaltet es nicht“ erinnert doch stark an den Raucher und Süchtigen (nach Konsum und Wohlstand!), der seine Gesundheit, seine Privilegien in Gefahr sieht und jetzt vom Arzt oder Frau Merkel (oder einer Partei, einer Ideologie, ein Religion) fordert, dass er/sie umgehend für Abhilfe und Gesundheit sorgen, was aber vom System her und wegen den globalen Abhängigkeiten nahezu unmöglich ist. Es wird vehement die Mitbestimmung durch die Bürger gefordert und dann bemängelt, dass diese Bürger die Schnelligkeit der Entscheidungen (Planung von Stromtrassen!) entscheidend beeinflussen. China ist schneller! Warum eigentlich? Mit dem Preis für unsere Freiheiten bezahlen wir auch das, was ohne diese Freiheiten schneller (und risikoreicher!) möglich wäre. Auf einzelnen Personen voreilig rumzutrampeln ist erfreulicher als den Preis für die persönliche Freiheit zu bezahlen.