Lernen von der Diakonie: Trennung im Freundeskreis

"Man kann es nicht beiden recht machen"
"Man kann es nicht beiden recht machen"

Charlotte Sattler

Alessandro Gasperi, Psychologe, arbeitet bei der Diakonie Leipzig unter anderem mit Scheidungsfamilien

"Man kann es nicht beiden recht machen"

Es sind beides gute Freunde - und nun frisch getrennt. Ich möchte mit beiden befreundet bleiben. Geht das?

Es ist noch nicht lange her, dass Schluss war zwischen ihnen. Nun lädt der Mann mit neuer Freundin zum Glühwein ein. Ich komme mir wie eine Verräterin vor, wenn ich hingehe . . .

Alessandro Gasperi: Sie sind ­keine. Aber die Frau, mit der Sie auch befreundet sind, wird es womöglich so empfinden und verletzt ­darauf reagieren. Nach einer Trennung sind die Partner extrem empfindlich. Überlegen Sie sich, ob Sie das in Kauf nehmen wollen.

Aber wenn ich absage, ist der Mann wiederum enttäuscht.

Genau. Sie sitzen zwischen zwei Stühlen. Sie können es nicht beiden recht machen. Versuchen Sie das auch nicht. Überlegen Sie, wer von beiden Ihnen näher steht, vielleicht, weil Sie sich länger kennen. Und dieser Person gegenüber verhalten Sie sich loyal.

Ich möchte mich nicht entscheiden. Beide sind mir wichtig.

Mit zwei Menschen, die zerstritten sind, eng befreundet zu sein, ist fast unmöglich – das kennen viele schon vom Schulhof. Sie können mit keinem wirklich offen reden. Sie erleben und wissen Dinge, von denen der jeweils andere nichts erfahren soll oder will. Sie werden schnell und unfreiwillig zum Schiedsrichter. Sie zerreiben sich und verlieren womöglich beide.

Alessandro Gasperi

Alessandro Gasperi ist Psychologe und Systemischer Therapeut. Er arbeitet beim Diakonischen Werk Innere Mission Leipzig e.V. und macht dort auch Trennungsberatung.
Charlotte SattlerAlessandro Gasperi

Die Frau ist meine Sandkastenfreundin. Also kein Glühwein . . .

Eher nicht. Sie können sie fragen: "Wie wäre es für dich, wenn ich hinginge?" Aber Vorsicht – viele antworten: "Kein Problem!", und sind doch gekränkt. Vielleicht sagt sie aber auch glaubhaft: "Ich finde es richtig. Fällt mir zwar schwer, aber ich will mich daran gewöhnen."

Immerhin kann ich ihr hinterher ja alles erzählen, vor allem von der neuen Freundin!

Verbringen Sie den Abend dort als Gast und nicht als Spionin. Seien Sie bereit, der neuen Frau offen zu begegnen, respektieren Sie die Partnerschaft. Berichten Sie der Freundin danach eher nüchtern: Was es zu essen gab, wer sonst da war. Schmücken Sie auch nicht negativ aus, damit sie sich besser fühlt, etwa: "Die beiden sehen gar nicht so verliebt aus."

Noch eins: Wenn ich ihm ab­sage, sollte ich erklären, wieso?

Ja. Etwa: "Ich schätze dich weiterhin, aber es würde X einfach zu wehtun, und ich muss zurzeit eher für sie da sein." Nach einer Trennung ist das Vertrauen oft erschüttert – bei beiden. Umso wichtiger, dass Sie ehrlich bleiben. 

Infobox

Die Diakonie hat Paar- und Familien­beratungsstellen in ganz Deutschland. Hier finden Sie die richtige für sich: hilfe.diakonie.de

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Lesermeinungen

Bei Trennungen und Scheidungen von befreundeten Paaren halten meine Frau und ich uns mit Parteinahmen und nicht erbetenen Ratschlägen heraus und machen dies auch gegenüber den Parteien deutlich. Ergebnis: Wir sind auch nach Jahren noch mit beiden befreundet und es läuft eine entspannte Freundschaft, teils mit neuen Partnern weiter.
Herzliche Grüße aus Luxemburg
Diederich Seckelmann