Jana Hensel übers Schreiben, was in Krisen hilft und: Weihnachten

"Krisen nicht 
allein aussitzen!"
Jana Hensel in Fragen an das Leben

Dirk von Nayhauß

Der Schriftstellerin Jana Hensel ist es wichtig, gleich auf den Grund einer Krise zu schauen - mit Hilfe!

Jana Hensel in Fragen an das Leben

Das kostet nur Kraft. Und die braucht man für andere Dinge, meint die Autorin Jana Hensel: das Familienpatchwork, die Arbeit, die Wechselfälle des Lebens.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Im literarischen Schreiben, da ist man völlig größen­wahnsinnig, man entwirft ganze Welten, man ist quasi Gott. Eine sehr einsame Tätigkeit, aber etwas Intensiveres habe ich noch nicht erlebt. Am Anfang ist es anstrengend, die Welt außen vorzuhalten. Dann tritt Ruhe ein. An "Keinland" habe ich zwei Jahre gearbeitet. Als ich fertig war, war es total schwierig, die Welt wieder hineinzulassen – weil sie eigentlich verschwunden ist.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich mag es nicht, dass wir Christen uns Vorstellungen von Gott machen. Das Jesusbild, wie er am Kreuz hängt, hat mich schon als Kind abgeschreckt. Ich finde Religionen, die sich keine Vorstellung von Gott machen, viel attraktiver, so wie im Judentum.

Jana Hensel

Jana Hensel, 1976 geboren, erlebte als 13-Jährige die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Bekannt wurde sie 2002 mit ihrem Buch "Zonenkinder", in dem sie ihre Erinnerungen an die DDR und den Zusammenbruch nach 1989 beschrieb. Als Journalistin und Autorin setzt sie sich bis heute mit den Auswirkungen der Friedlichen Revolution auf das Identitätsgefühl der Menschen in Ostdeutschland auseinander. 2010 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis. Bei der edition chrismon ist gerade "Der Weihnachtsmann und ich" erschienen (12 Euro, 112 Seiten). Jana Hensel hat einen Sohn und lebt in Berlin.
Dirk von NayhaußJana Hensel

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Zum Anhören:
Jana Hensel liest aus "Der Weihnachtsmann und ich"

Jedes Jahr nehme ich mir vor, mich in den Dezember­wochen nicht gestresst zu fühlen. Doch es gelingt mir nicht. Ich freue mich sehr auf Weihnachten, und ich bin sehr froh, wenn es vorbei ist. Die folgenden sieben Tage zwischen den Jahren sind mir die liebste Zeit. Niemand ist in der Stadt, niemand ruft an, niemand schickt Mails – großartig.

"Als Kind hatte ich große Angst vor dem Tod"

Muss man den Tod fürchten?

Als Kind hatte ich große Angst vor dem Tod. Das Wissen um die eigene Endlichkeit ist etwas, das jedem Menschen sehr viel Last auflegt, und mit dieser Last muss man umgehen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich mich ganz gut mit dem Gedanken angefreundet habe. Wir sind ja täglich mit dem Tod konfrontiert. Mein Vater ist ge­storben, ich treffe Tanten und Onkel, bei denen ich mich jedes Mal frage: Sehe ich sie wieder? Oder wenn ich höre, dass jemand Krebs hat, stelle ich mir vor, wie es für mich wäre, wie ich damit umgehen würde.

Wer oder was hilft in der Krise?

Therapeuten. Ich beschäftige mich nicht mehr allein mit Krisen. Das verlängert sie nur unnötig. Sie auszu­sitzen ist das Falscheste, was man machen kann. Ich sehe das an ­vielen Leuten. Die haben Angst, wirklich auf den Grund der Krise zu gucken. Und was passiert? Die Krisen ­kommen wieder. Und im Zweifelsfall ist man älter und hat noch ­weniger Kraft, sich ihnen zu stellen. Gegen Selbst­mitleid habe ich nichts – sofern es sich nicht auswächst. Und nachsichtig mit sich selbst sein, auch das hilft. Es fällt mir nicht mehr schwer, mir selbst gegenüber zuzugeben: "Es läuft gerade nicht. Kannst du jetzt nichts machen."

"Ich war 13, als die DDR verschwand: Ein eigenartiger Schock"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich habe überhaupt kein Problem zu sagen: "Es tut mir leid." Das ist mir sogar wichtig. Ich habe nur ein paar sehr enge Freunde, und da gucke ich, dass ich keinen verletze. Auch gegenüber meinem Sohn bin ich aufmerksam, ­gerade im Verhältnis zu Kindern muss man oft nach­justieren. In Familienkonstellationen wird man permanent schuldig. Man versucht, sich zu behaupten und verdrängt damit andere. Mutter und Vater stehen in ­Konkurrenz zueinander, die Kinder auch. Was dagegen hilft, weiß ich auch nicht. Sprechen ist natürlich gut, so viel wie möglich transparent machen. Man sollte sich ­immer wieder überprüfen: Wie spreche ich mit anderen? Bin ich klar, bin ich freundlich?

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Ich brauche keine alltägliche Liebe, ich brauche sie in ­Momenten, und dann gern intensiv und immer wieder überraschend. Seit vielen Jahren lebe ich nicht mehr in einer klassischen Familie, sondern in einer Patchwork-­Situation. Das ist eine andere Freiheit, und die finde ich gut.

Wo ist Heimat?

Das kann ich nicht beantworten. Ich suche sie immer ­wieder. Als die DDR verschwand, war ich 13. In kürzester Zeit war der Raum, in dem ich lebte, nicht mehr derselbe. Das war ein eigenartiger Schock, vor allem für ein Kind, weil es ein tiefes Gefühl von Vergeblichkeit lehrt. Und Sinn­losigkeit. Wenn man Zeuge wird, wie schnell und radikal Dingen ihr Sinn entzogen werden kann, ist es schwer, die Kraft wieder aufzubringen, in Dingen Sinn zu finden. Ich glaube, das habe ich bis heute nicht ganz geschafft.

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