Die Kerze: das Licht zu Ostern, zu Weihnachten und zur Taufe

Warum zünden Christen Kerzen an?
Warum zünden Christen Kerzen an?

Lisa Rienermann

Warum zünden Christen Kerzen an?

Sie brennen nichts nieder. Und sie leuchten 
das Dunkel aus.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Warum zünden Christen Kerzen an?"

Unter den vielen Menschen, die am 9. Oktober 1989 um den Leipziger Innen-
stadtring ziehen, sieht man auf den ­Videos im Internet einzelne mit Kerzen in der Hand. Hin und wieder zoomt die Kamera näher heran, und man erkennt, wie manche ihre Hände 
schützend vor die Flamme halten. ­Offenbar kommen sie gerade aus einer 
der vier Innenstadtkirchen, die am Abend von fünf bis sechs Uhr zu Friedensgebeten eingeladen haben. Warum sie ausgerechnet mit Kerzen durch die Stadt ziehen, die von jedem Lüftchen ausgepustet werden können?

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Man stelle sich nur einmal die Leipziger Montagsdemonstration an diesem Tag als Fackelumzug vor. Fackeln haben etwas Unheimliches. In ihrem Flackerschein lassen Fastnachtsvereine Hexen tanzen. Eindrucksvoll sind 
sie auch: Schützenvereine ziehen mit ihnen durchs Dorf. Vor allem aber wirken sie martialisch. Einst ehrten Studentenverbindungen emeritierte Professoren mit solch machtvollen Inszenierungen. Und in den 1930er Jahren – wie auch heute – demonstrieren Nazis vorzugsweise mit Fackel
umzügen, wenn sie beanspruchen, Straßenzüge und Städte zu beherr
schen. Auf Parteigänger wirken solche 
Inszenierungen weihevoll. Andersdenkenden sollen sie Angst einflößen.

Wie gut, dass die Leipziger genau das nicht wollten: machtvoll und überwältigend auftreten. Einen Fackel­umzug hätte damals die Staatsmacht als Provokation verstehen können. Fackeln knistern und flackern, Kerzen leuchten still. Der Docht domestiziert das Feuer. Auf ihm verdampft das geschmolzene Wachs und brennt gemächlich ab, lang und stet. Die 
Kerzenflamme ist hell, aber fragil. Kerzen taugen nicht als Brandbeschleuniger.

Osterritus - das Licht breitet sich über die ganze Kirche aus

Unter Felsvorsprüngen und in ­Höhlen in Europa fanden Archäologen steinerne Talglampen aus der jüngeren Altsteinzeit (etwa 40 000 bis 10 000 
vor Christus). Dochtlichter gehören heute zu Religionen in fast allen Weltgegenden. Hindus und Buddhisten entzünden traditionell Öllämpchen (Diyas), bei Juden und Christen haben sich Wachskerzen durchgesetzt. Der wohl älteste christliche Kerzenritus gehört in die Osternacht. Wenn der Priester das Evangelium von der Auferstehung Jesu von den Toten liest, entzündet er die Osterkerze in der dunklen Kirche. An ihr stecken die Gläubigen daraufhin ihre Kerzen an, das Licht breitet sich über die ganze Kirche aus.

"Ich bin das Licht der Welt", sagt ­Jesus Christus von sich selbst (Johannes 8,12). Der Vers liefert die ­Deutung für den Ritus: Er, der nur durch das Wort wirkt, dem jede Gewalt fern ist und der sich selbst für andere hingibt, erhellt das Dunkel. Gottesdienstkerzen bestehen aus ­Bienenwachs, nie aus tierischem Fett – ein Hinweis auf das Ende des Tier­opfers durch das Selbst­opfer Jesu.
In der Osternacht wird traditionell getauft. Der Apostel Paulus verglich das Unter- und Wiederauftauchen aus dem Wasser mit Jesu Tod und Auf­erstehung (Römer 6) – weshalb für ­jeden Getauften ein Licht im Dunkeln leuchten soll: die Taufkerze.

Lichterketten - ohnmächtige und doch eindrucksvolle Zeichen

Der Kerzenbrauch wurde für andere kirchliche Feste übernommen, vor allem für Weihnachten. Mit Kerzenweihen und Lichterprozessionen zu Mariä Lichtmess endete jahrhundertelang der Weihnachtsfestkreis. 
Kerzen im Advent läuten ihn heute ein. Als Symbol der Auferstehung ­Jesu deutet die Wachsflamme auf das ­ewige Leben – weshalb man Kerzen auch zum Totengedenken entzündet, 
vor allem zu Allerheiligen (katholisch) und am Ewigkeitssonntag (evangelisch). Als Lebenslicht gehört die Kerze seit einiger Zeit auch zu ­jeder Geburtstagsfeier – eine Art ­säkularisierte Taufkerze.

Wenn Christen einer totalitären Staatsmacht oder faschistischen Gewaltexzessen etwas entgegensetzen, dann tun sie das am besten mit Lichter-
ketten: Sie versammeln sich in langen Reihen schweigend oder singend mit brennenden Kerzen in der Hand – wie in den 1990er Jahren, als Nazis Asylbewerberheime anzündeten. Es sind ohnmächtige und doch eindrucksvolle Bekundungen der Überzeugung, dass das Leben Besseres zu bieten hat als Hass und Gewalt.

Infobox

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Lesermeinungen

Zur Eingangsfrage "Warum Christen ausgerechnet mit Kerzen durch die Stadt ziehen, die von jedem Lüftchen ausgepustet werden können?" möchte ich Ihnen einige ergänzende Anmerkungen aus der Sicht eines Zeitzeugen der Ereignisse um die Friedensgebete und die Montagsdemonstrationen in Leipzig und an anderen Orten der ehemaligen DDR mitteilen.
Die brennenden Kerzen hatten in diesem Zusammenhang über ihre Symbolik als Friedenszeichen eine weit darüber hinaus gehende Bedeutung und einen tieferen Sinn, weshalb sie zum äußeren Zeichen der Friedensbewegung geworden sind.
"Keine Gewalt" war die These der Friedensbewegung, worauf die Teilnehmer der Demonstrationen vorbereitet wurden und was mit dem Tragen der Kerzen umgesetzt werden sollte, denn die Träger der Kerzen müssen sich behutsam und besonnen bewegen, damit die Flamme nicht erlischt oder sie die Nachbarn gefährdet. Die Kerze wird in einer Hand getragen, die zweite Hand beschützt die Flamme - kein Platz für eine Faust! Der Träger der Kerze ist voll konzentriert und zur Passivität gezwungen. Aggressive Gedanken und Handlungen treten zurück. Eine Kerze ist schwach, empfindlich und leicht zu übersehen. Viele Kerzen sind ein leuchtendes Feld, das von Menschenhänden bewegt wird und die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Dieses friedliche Erscheinungsbild einer großen Menschengruppe und ihr passives, meist noch schweigendes Verhalten waren eine hohe moralische Herausforderung für die Träger der bewaffneten Staatmacht, die doch eigentlich aus Freunden, Nachbarn, Kollegen und Mitbürgern besteht, denen gegenüber keine Gewalt ausgeübt, ihnen aber auch kein Anlass dazu geboten werden sollte.
Letztlich war das wohl der tiefere Grund dafür, warum die Staatsmacht vor den Augen der Welt es nicht wagte, zum Äußersten zu greifen, und die Wiedervereinigung friedlich erreicht werden konnte.
Dr. Volker Höhne