Darf man Geiselnehmern in Libyen Lösegeld zahlen?

Lösegeld für Geiseln
Die EU hält Migranten fern. Und will nicht sehen, welches Unheil sie dabei anrichtet

Die libyschen Menschenhändler kennen keine Gnade. Sie entführen Migranten auf dem Weg nach Europa. Sie rufen die Angehörigen an und foltern ihre Geiseln, dass sie vor Schmerzen schreien. Dann fordern sie Lösegeld. Die Verwandten am Telefon sind verzweifelt.

Seit 2015 haben mehrfach Eritreer Pfarrer Hans Mörtter, 64, von der Lutherkirche in der Kölner Südstadt angesprochen: Ihre Verwandten seien in den Fängen libyscher Geiselnehmer. Ob Mörtter ihnen mit 4000 Euro für die Freilassung helfen könne. Mörtter hilft mit Spendengeld. Auch wenn "jeder Cent dieser Summe direkt ans Verbrechen" geht, wie der Pfarrer sagt.

Sich die Not des Einzelnen zu Herzen gehen lassen

Mörtter tut das einzig Richtige, was er in dieser Situation tun kann, Menschenleben retten. Zu allen Zeiten haben Christen sich die Not des Einzelnen zu Herzen gehen lassen und gehandelt.

Der Einwand dagegen scheint naheliegend: Erst die Lösegeldzahlungen aus dem Ausland machen das System der Geiselnehmer möglich. Das stimmt. Aber würde es irgendetwas an den katastrophalen Verhältnissen in Libyen ändern, wenn die Zahlungen ausblieben? 2017 filmte eine Reporterin des US-Senders CNN einen Sklavenmarkt außerhalb von Tripolis. Und schon 2011 berichtet CNN schier Unglaubliches. Ein ägyptischer Menschenrechtler hatte die Leichen von Flüchtlingen auf der Sinaiinsel gefunden, denen - offenbar von korrupten Ärzten - Organe entnommen worden waren. Wie es scheint, lagen im Sommer 2018 dem Europäischen Auswärtigen Dienst Informationen vor, dass auch in Libyen mit Organen gehandelt werde.

Die EU blendet die humanitäre Katastrophe aus

Libyen ist ein Bürgerkriegsland, zu großen Teilen von Warlords regiert. In welche Haftanstalten Flüchtlinge gelangen, die von der EU-finanzierten libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht werden, ob in Lager des Staates oder von kriminellen Milizen, weiß niemand so genau. Die Libyen-Politik der EU sei unmenschlich, klagte schon 2017 der damalige UN-Kommissar für Menschenrechte, Said Raad al-Hussein. Auch ihretwegen würden Menschen unter entsetzlichen Bedingungen in libyschen Haftzentren eingepfercht.

Die EU ist so versessen darauf, Migranten aus Afrika aufzuhalten, dass sie die humanitäre Katastrophe in Ländern wie Libyen ausblendet. Das ist ein Skandal. Gut, dass Leute wie Pfarrer Hans Mörtter das nicht hinnehmen wollen.

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Lesermeinungen

Dieser Artikel wirft einige Fragen auf :
Erstens, die Informationen über den Kölner Pfarrer und die angeblichen Geiselnahmen sind doch etwas spärlich. Es mag zynisch klingen, aber man hat bei Entführungsgeschichten aus dem Orient immer jene deutsche Archäologin vor Augen, die im Irak entführt worden war und bei der nach ihrer Freilassung ein großer Teil des vom Steuerzahler aufgebrachten Lösegeldes gefunden wurde ... Hat die Gemeinde wirklich mehrfach größere Zahlungen nur aufgrund von mündlichen Schreckensmeldungen geleistet ?
Zweitens, die Berichte von entnommenen Organen sind erst recht unglaubwürdig.Man braucht kein Transplantationsmediziner zu sein, um zu erkennen, daß Organe, die auf der Sinaihalbinsel oder in Libyen entnommen wurden, völlig ungeeignet sind für einen wie auch immer gearteten Organhandel . Zur Glaubwürdigkeit trägt es auch nicht bei,daß der Artikel auf eine parteiische Quelle wie Buzz Feed verlinkt und daß obendrein selbst der dort zitierte Auswärtige Dienst nur von Berichten vom Hörensagen spricht.
Das Ganze scheint mir in die Rubrik zu gehören von "Witness said ....witness heard"