Begrüßungsgeld: Die Queen-Platte

Die 
Musik mal im 
Original hören
Begrüßungsgeld: Die Queen-Platte

Sophie Kirchner

Schallplatte statt Kassette - für Christian Hoffmann,46, eine Offenbarung

 Der 9. November war ein Donnerstag. Im Radio sagten sie, die Mauer sei offen. In der Schule – ich war 16 – hat kaum jemand darüber geredet. Erst Freitagabend beim Fußballtraining hat einer erzählt, er sei schon durch Westberlin gefahren. Erst da hat man dann richtig begriffen, was eigentlich passiert ist. Ich habe mich mit zwei Kumpels in den Zug gesetzt und bin nach Berlin, Geld abgeholt und erst mal Käse gekauft. Denn der Käse im Osten schmeckte nicht so gut.

Gute Platten waren im Osten eine Rarität

Später ­waren wir fast jedes Wochenende in Berlin. World of ­Music war ein Musikgeschäft, da gab’s die Greatest Hits von 
Queen. Gute Platten waren ja Raritäten im Osten. Es gab schon Lizenzprägungen von amerikanischen oder westdeutschen Bands. An die ist man aber nie rangekommen. Wir haben Musik nur auf Kassetten gehört. Von den ­Platten auf die Kassetten überspielt und manchmal sogar noch mal kopiert, das war oft schauderhaft. Natürlich wünschten wir uns, die Musik mal im Original zu hören!

In Westberlin hat es anders gerochen in den ­Straßen. Einmal fehlte der Braunkohledunst aus den Ofen­heizungen, und dann ist ja jedes Geschäft parfümiert ­ge­wesen. Auch die Abgase rochen anders als die vom Trabi oder Wartburg. Das war schon mal ein Kontrast.

Ich hatte eine Freundin in Oldenburg, da bin ich bald hingefahren. Mir fiel auf, dass die Menschen da ­anders ­redeten, und damit meine ich nicht den Dialekt. Sie ­machten viel mehr Worte um viel weniger Fakten. ­Also wenig sagen – aber viel reden.

Ich fuhr nach Paris, Istanbul, Schweden...

Wir sind vor der Wende auch schon viel in Osteuropa gereist, aber jetzt waren plötzlich ganz andere Ziele möglich. 1991 bin ich mit dem Zug nach Paris und mit dem Fahrrad zurück. Ein Jahr später mit dem Zug durch Skandinavien, 1993 mit dem Rad nach Istanbul. 1994 war ich in Bulgarien, 1995 in Schweden . . . Seit 1996 bin ich Landwirt, dann war nicht mehr an drei bis vier Wochen Urlaub zu denken. Das ist ein Fulltime-Job.


Das Reisen war mir wichtig. Ansonsten bin ich immer noch recht kapitalismuskritisch und pazifistisch eingestellt. Deswegen habe ich auch Zivildienst gemacht und war in meiner Jugend viel in Berlin in den Hausbesetzerkneipen unterwegs.

Sophie Kirchner

Sophie Kirchner, ­geboren in Ostberlin, war fünf Jahre alt, ­als die Mauer fiel. Die ­Erwachsenen um sie herum, sagt sie, seien damals so glücklich, so euphorisch gewesen – ­das habe ihr Angst gemacht. Seit 2014 ist das Begrüßungsgeld ihr Thema, sie fotografiert Ostdeutsche und deren Käufe – und fragt danach, was sie ­erlebt haben.
Sophie Kirchner


Was ich aus der DDR vermisse? Manche Lebensmittel, zum Beispiel Joghurt. Da reichen die von heute nicht ran, weil sie alle chemische Zusätze haben. Die Mangelwirtschaft hatte auch was Gutes. Wir hatten im Osten eine sehr gute Recyclingquote von Glas und Flaschen oder Altpapier. Da gab es in jedem Dorf eine Annahmestelle. Als Kinder haben wir uns damit sogar ein bisschen Geld verdient: Ein, zwei Mal im Jahr sind wir mit dem Hand­wagen rum und haben geklingelt, ob wir Zeitungen abholen können.
 

Was würden Sie sich heute kaufen, wenn Ihnen der Staat 100 Euro schenken würde?

Wahrscheinlich Bücher.

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Wie hat Sophie Kirchner ihre Gesprächspartner gefunden? Wie geht es weiter? Sophie Kirchner erzählt
Hundert Mark Begrüßungsgeld, das bekamen Bürger und Bürgerinnen der DDR, wenn sie in die Bundesrepublik einreisten. 1989 kamen viele. Was haben sie sich davon gekauft? Wie war das damals – und wie ist es heute?

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