Hanna Lucassen über das Seenotrettungsschiff der Evangelischen Kirche

Helfen statt Zuschauen
Die EKD will gemeinsam mit anderen Organisationen ein eigenes Seenotrettungsschiff ins Mittelmeer schicken. Gut so, meint Hanna Lucassen.

Ja, sie macht es wirklich. Die evangelische Kirche wird ein Schiff ins Mittelmeer schicken, um Flüchtlinge in Seenot zu retten. Dafür will sie jetzt einen Verein gründen. Die Resolution auf dem Kirchentag hatte Erfolg.

Hanna Lucassen

Hanna Lucassen ist freie Journalistin in Frankfurt/Main. Sie kommt aus Flensburg, ist ausgebildete Krankenschwester, hat Soziologie studiert und bei einer Fachzeitschrift volontiert. Bei chrismon und chrismon plus ist sie zuständig für die Rubriken "Das Projekt" und "E-Mail aus". Bei der Fastenaktion "7 Wochen Ohne" arbeitet sie als Textredakteurin am Fastenkalender und dem Themenheft "Zutaten" mit.  
Lena UphoffPortrait Hanna Lucassen, Redaktion chrismon, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Hilfsorganisationen wie die Seebrücke jubeln. Kritiker sagen, das sei Aktionismus. Damit werde das Flüchtlingsproblem nicht gelöst. Und: Fahren nicht schon genug Retter auf dem Mittelmeer herum? Die dürfen ja eh nirgendwo anlegen.

Ein gesellschaftliches Schwergewicht wie die Kirche hat ein anderes Standing

Die Antwort: Es sind nur wenige unterwegs. Es gibt keine staatliche oder europäische Mission mehr. Und die etwa ein Dutzend privaten Rettungsschiffe wie Sea-Watch 3 oder Open Arms liegen mehrheitlich beschlagnahmt in den Häfen, ihren Mannschaften drohen Geldstrafen oder Gefängnis. Die libysche Küstenwache, die im Auftrag Europas die Geflüchteten an Land holt und dort in furchterregende Lager bringt, kann man wohl kaum als Retter bezeichnen.

Dass die Boote tagelang verzweifelt nach einem Hafen suchen müssen, stimmt leider. Aber das spricht eher für das Vorhaben. Ein gesellschaftliches Schwergewicht wie die Kirche hat ein anderes Standing als ein privater Hilfsverein, vor allem international. Italien oder Malta tun sich möglicherweise schwerer damit, einem solchen Schiff die Einreise zu verweigern. Vielleicht kann die EKD auch helfen, dass sich unterschiedliche politische Positionen annähern: Während sich in Deutschland 90 Städte und Kommunen als sogenannte "Sichere Häfen" bereit erklärten, Gerettete aufzunehmen - auch kurzfristig und auch über die vereinbarte Quote hinaus - lässt man die Menschen in Südeuropa nicht an Land.

Die EKD hilft zweifach

Kritiker argumentieren auch: Die Kirche mische sich damit politisch ein. Das sei nicht ihre Aufgabe. Die Antwort der EKD: "In den vergangenen Monaten wurde politisch alles daran gesetzt, die Rettung von Menschenleben zu verhindern und die zivile Seenotrettung zu kriminalisieren. Da darf Kirche nicht tatenlos zusehen."

Ja, die EKD schaut nicht mehr nur zu. Sie hilft zweifach: den in Seenot geratenen Menschen. Und auch denjenigen, die sich politisch gegen das Sterben im Mittelmeer einsetzen. Es ist gut, dass die Kirche die Helfer nicht alleine lässt.  

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Lesermeinungen

Ich bin seit langer Zeit mal wieder richtig stolz auf "meine" Kirche. Endlich mal nicht nur Reden und Absichtserklärungen, sondern Handeln, Handeln im Sinne meines Verständnisses vom Christsein, nämlich da wo ich Not erkenne! Wenn wir alle das, was da im Großen geschieht auch in unserem kleinen Alltag tun würden, sähe die Welt anders aus! Diese ewige Diskussion darüber, wie politisch die Kirche sein darf ist, nach meiner Meinung nur eine Alibidiskussion, um sich nicht einmischen und Flagge zeigen zu müssen.
"Weiter so" und ich habe wieder Hoffnung für die Kirche, in der ich mein Leben lang zu Hause war, die mir aber in den letzten Jahren immer fremder geworden ist!

SEEMANNSGARN
LOGBUCH 1: Captain Henry Bedford ist mit seinem Frachter "Promise" auf Kurs im Mittelmeer. Der Navigator sichtet ein mit Menschen überfülltes Schlauchboot. Bedford gibt Order zum Ausweichen, um eine Havarie zu vermeiden. Die "Promise" zieht weit südlich vorbei. Da meldet sich Bedford's christliches Gewissen. Außerdem ist er nach Seerecht verpflichtet zu helfen. Die Rettung wird glücklich vollzogen. Wie aus Insiderkreisen verlautet, will die Reederei den Captain von seinem Kommando entbinden.
LOGBUCH 2: Kapitän Heinrich Strohm ist mit seinem Kreuzfahrtschiff "Eukide" in eine besseren Lage. Da durch personellen Abgang zahlreiche Kojen und Kabinen frei geworden sind, nimmt er die gefährdeten Migranten unverzüglich unter dem Beifall seiner Crew auf. Was aber sagen die Passagiere und Anteilseigner dazu? Ihr Begeisterung hält sich noch in Grenzen. Hohe Dünung und schwere See sind zu erwarten. Wird der Kapitän sein Kommando behalten, wenn die Buchung des Kreuzfahrers einbricht?

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ergänze ich: Käptn Bedford-Strohm wird sicher an Bord bleiben, auch wenn mancher Unmutige abmustern mag. Sein Versprechen, auf die Politik einwirken zu wollen, damit die Ursachen der Flucht und Zuwanderung an ihren Wurzeln bekämpft werden, muss allerdings ebenso konsequent umgesetzt werden wie die humantäre Aktion zur Rettung der Gefährdeten. Das wachsende Verständnis für die Seenotrettung in Italien, Bayern und anderswo macht Hoffnung.

Mit ihrem hochmoralischem Angebot stehen die 90 Kommunen allerdings ziemlich allein da. So erklärte der Vorsitzende des Deutschen Städte- und Gemeindebundes ,Uwe Brandl (CSU) : " Ich habe grundsätzlich Probleme mit offen angekündigten Maßnahmen, welche Schlepper ermutigen,ihr schmutziges Geschäft auszubauen und neue Pull-Faktoren schaffen.Das vielleicht gut Gemeinte wird schnell als Anreiz verstanden."
Im Übrigen entscheidet über die Aufnahme von Flüchtlingen etc. der Bund, über die Verteilung das Land und bezahlen tut das Ganze nicht die Kommune, sondern - bundesweit - der Nettosteuerzahler. Wie lange macht der das noch mit ?