Arbeiten in Deutschland - nicht so einfach wie gedacht

Die Verwandten wollen mehr Geld
Anfänge - Die Verwandten wollen mehr Geld

Evelyn Dragan

Als Siebenjähriger arbeitete Fusein Frank auf Farmen in Niger. Heute, mit 35, lebt er in Frankfurt am Main

Anfänge - Die Verwandten wollen mehr Geld

Er unterstützt die Mutter in Ghana, schickt der Familie Geschenke, arbeitet viel. Jetzt will er etwas ändern
Deutschland spricht 2019

Fusein Frank, 35:

Jeden Samstag kaufe ich auf dem Flohmarkt Geschenke für meine Familie in Ghana, meist Kleidung für die Kinder. Oder ich schaue, ob ich einen gebrauchten Computer oder ein Handy für ein paar Euro finde. Ein Jahr lang sammle ich alles, dann schicke ich die Sachen für hundert Euro in einer großen Box nach Hause.

Aber wenn ich dann selbst ankomme, in Kumasi, höre ich von allen nur: Geld, Geld, Geld! Sie denken, du verdienst viel Geld in Europa. Wenn ich ihnen erkläre: Hey, Leute, es ist nicht so einfach, es ist nicht so, wie wir dachten!, dann sagen sie: Wenn es nicht so einfach ist – wieso bleibst du nicht hier? Manchmal sage ich dann: Weil ihr mich immer um Geld bittet.

Ich schicke meiner Mutter jeden Monat einhundert ­Euro. Sie kann essen, wann immer sie möchte. Jetzt wollen alle anderen auch, dass ich sie ernähre, meine Schwester und ihre Kinder, die Freunde meiner Familie. Das schaffe ich aber nicht! Ich nehme immer meinen gesamten Jahresurlaub für den Besuch in Ghana, fünf Wochen. Auch für die Flüge muss ich sparen. Und ich spare für die Schule, die ich in Ghana bauen will. Das Land habe ich schon, das Gebäude kostet mich vielleicht 40 000 Euro. Falls ich vorher sterbe, muss sie eben jemand anders fertigstellen.

Jeden Tag bin ich drei Stunden gerannt

Ich selbst konnte lange nicht zur Schule gehen. Mein Vater starb, als ich sieben war. Danach haben ­meine Onkel uns Kinder für ein paar Jahre nach Niger mitgenommen, wir mussten den ganzen Tag auf Farmen helfen. Meine zwei Brüder arbeiteten in einem anderen Dorf als ich. Weil ich nachts bei ihnen schlafen wollte, rannte ich abends immer, so schnell ich konnte, zu ihnen und jeden Morgen vor der Arbeit wieder zurück in das andere Dorf. Für die Strecke brauchte ich rund anderthalb Stunden. Jahrelang habe ich das so gemacht.
Wenn ich heute laufe, schwillt mein Bein schnell an. In der Wüste, auf dem Weg nach Libyen, haben Rebellen mir ein Gewehr ins Bein gerammt. Sie haben mich aber nicht erschossen. Ich hatte sie angefleht, mich zu verschonen, weil ich noch so jung war, erst 18.

Jedes stolze Kind in Afrika möchte seine Mutter lächeln sehen. Ohne gute Schulbildung kann man das nur ­schaffen, wenn man nach Europa geht, um Geld zu verdienen und es nach Hause zu schicken. Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis ich in Europa war. Zwei Wochen lang wanderten wir durch die Wüste, manche von uns starben, weil sie Wasser aus Trögen für Tiere tranken. Ich schaffte es nach Libyen und konnte als Gärtner arbeiten, um mir 1000 Euro für die Überfahrt zusammenzusparen. Weil wir zu viele Leute für ein Boot waren, wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich musste auf das zweite Boot warten. So ein Pech, dachte ich. Von der ersten Gruppe starben alle bis auf einen, als das Schlauchboot sank. 69. Das war 2002.

Ich putzte Hotelzimmer, wie ein Sklave

In Italien war ich Schweißer. Aber mit der Finanz­krise wurde es extrem hart, einen Job zu bekommen. 2015 ging ich deshalb nach Deutschland. Ich hatte ja bereits eine Aufenthaltserlaubnis, ich darf zum Arbeiten legal in ­Europa bleiben. Im ersten Jahr muss man die Arbeit machen, die Deutsche nicht machen wollen. Ich putzte Hotel­zimmer, acht bis zehn Stunden am Tag, für 500, 600 Euro im ­Monat. Man schuftet wie ein Sklave, nur um hierbleiben zu dürfen.

Heute arbeite ich in einem japanischen Restaurant in Frankfurt, verdiene 1400 Euro brutto. Ich wasche Teller, manchmal schneide ich die Zutaten. Wir Kollegen lachen viel, und ich kann dort etwas essen. Aber egal, wie viele tolle Menschen man trifft, man fühlt sich trotzdem immer wie ein Fremder. In Italien hatte ich gut Italienisch gelernt, aber Deutsch ist immer noch extrem schwer für mich.

Irgendwann möchte ich nach Ghana zurückgehen. Andererseits: Mein Leben ist viel besser als das meiner Freunde, die in Ghana geblieben sind. Manche sitzen im Gefängnis, andere nehmen Drogen oder dealen damit. Die, deren Väter Geld haben, sind Anwälte oder Ärzte. Aber meine Eltern hatten kein Geld.
Ich glaube, vor meinem nächsten Besuch in Ghana werde ich keine Geschenke mehr schicken. Wenn mich jemand nach Geld fragt, dann gebe ich ihm zwei oder fünf Euro. Dort ist das viel Geld. Manchen werde ich ­sagen ­müssen: Ich habe nichts. Sie werden es mir zwar nicht glauben – aber sie können mich ja auch nicht zwingen.

Protokoll: Dominique Bielmeier

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Lesermeinungen

Welch ein beeindruckendes und mutiges Porträt über den Ghanaer Fusein Frank auf der letzten Seite ihres Magazins.
''Hut ab!'' vor diesem Mann, der seine Heimat verlassen hat, auf der Suche nach einem besseren Leben. Und das Wenige was ihm bleibt noch nach Hause schickt.
Mit freundlichen Grüßen
aus Köln,
Francina Rachwalsky