Die Bibel zu Heimat und Volk

Volk, Nation, Heimat – 
was sagt die Bibel dazu?
Religion für Einsteiger - Volk, Nation, Heimat und Bibel

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Volk, Nation, Heimat und Bibel

Die Nationen, das sind für Juden und Christen die anderen: die Heiden. Sie selbst sind irgendwie fremd auf dieser Welt.
Deutschland spricht 2019

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Volk, Nation, Heimat – was sagt die Bibel dazu?"

"Wir sind das Volk", 
skandierten die Demonstranten 1989 
während der Montags­demonstrationen in Leipzig. Sie riefen der Staatsmacht zu: Sie seien nicht die Rowdys, als die sie denunziert würden, sondern ganz normale Bürgerinnen und Bürger des Staates. Gemeint war "das Volk" – im Gegensatz zu den Herrschenden.

"Wir sind das Volk", rufen Demonstranten auf Pegida-Umzügen seit 2015 in Dresden. Ihr Ruf richtete sich gegen die Regierung, die den Zuzug von Ausländern ermöglicht. Gemeint ist auch: Wir sind das Volk, wir gehören dazu – die anderen nicht.

Dass ein Volk eine festgefügte Gruppe sei, die ihre Reinheit bewahren und sich vor der Vermischung mit anderen Völkern hüten müsse, dieser Mythos findet sich bereits in der Bibel. Sie erzählt vom Volk Israel, 
den Nachfahren Abrahams, Isaaks und Jakobs. Das klingt, als hätten alle 
Juden dieselben Vorfahren.

Die rassistische Ideologie der biologischen Reinheit

Rassisten und Antisemiten im 19. Jahrhundert nahmen den Mythos von der gemeinsamen Abstammung wörtlich. Für sie war das Volk Israel eine ethnische Einheit mit übereinstimmendem biologischem Erbe und gemeinsamer, 
unveränderlicher Religion und Kultur.

Ein übles Missverständnis. Wer heute nach Israel fährt, durchschaut es sofort. Es gibt blonde und schwarzhaarige Juden, die einen mit heller, die anderen mit dunkler Hautfarbe, Orientalen, Schwarzafrikaner, weiße Mitteleuropäer. Israel ist eine multikulturelle Gesellschaft, die sich ständig wandelt. Die biblische Erzählung von der gemeinsamen Abstammung ist in Wirklichkeit ein Appell: Alle, die als Juden geboren sind, gehören dazu, so unterschiedlich sie auch aussehen mögen, so vielfältig ihre Kultur sein mag und egal ob sie religiös leben oder nicht. Juden sollen füreinander einstehen – wie eine Familie.

Die Nationen, das sind für Juden und Christen die Heiden

Nach christlich-biblischem Verständnis sind auch Christen ein ­
Volk. Sie sind keine "Nation" – das ­lateinische Wort für Volk leitet sich von "nascor" ab, "geboren werden" – sondern ein Gottesvolk: Menschen, die dieser Welt und ihren Herrschenden skeptisch gegenüberstehen. Die "Nationen", das sind für Juden und Christen die anderen, die "Heiden".

Für Christen erfüllen sich die Verheißungen der Bibel mit Jesus Chris­tus, der seinen Nächsten liebte, zu vergeben bereit war und sich selbst für andere hingab. Wer sich zu ihm bekennt, wird Nachkomme Abrahams. Er oder sie lässt sich taufen, bricht mit anderen das Brot und trinkt mit ihnen aus einem Kelch. In dieser Gemeinschaft sind nationale, soziale und 
Geschlechtergrenzen aufgehoben. "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Chris­tus Jesus", schreibt Paulus an die Galater (3,28).

"Macht alle Völker zu Jüngern", fordert der Auferstandene von seinen 
Jüngern (Matthäus 28,19 nach der Zürcher Bibelübersetzung). Die Na­tionen sollen keine Völker bleiben, sondern Jünger werden. Es ist die ­Vision einer geeinten Menschheit, in der kulturelle Differenzen über­wunden sind und unterschiedliches Aussehen keine Rolle mehr spielt.

Heimat ist, wo Menschen einander wie Geschwister annehmen

Für Christen verbindet sich die ­Heimat nicht mit einer Gegend. "Unsere Heimat ist im Himmel", schreibt der Apostel Paulus an die Philipper (3,20, Zürcher Bibel), "von dort erwarten wir den Herrn Jesus Christus." Erst nach der Wiederkunft Christi, erst wenn ­alle irdischen Gebrechen über­wunden sind, könne sich ein Christ auf der Erde heimisch fühlen. Aber solange Menschen einander nicht wie Geschwister behandeln, bleibt Christen die Welt fremd.

Ähnlich beschrieb der Philosoph Ernst Bloch sein Unbehagen an der Welt. Erst wenn die Menschheit ihre Bestimmung erreicht habe, so endet sein Buch "Das Prinzip Hoffnung", erst dann "entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." Die Utopie einer besseren Welt, so Bloch, ergebe sich aus der Erinnerung an ein angeblich besseres Früher, 
auch wenn es das so nie gab. Wie die Erzählung von der heilen, Geborgenheit schenkenden Familie, aus der nicht nur das Volk Israel, sondern eigentlich die ganze Menschheit stammt.

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Lesermeinungen

Den so kraftvollen und historisch bedeutsam gewordenen Ruf von 1989 "Wir sind das Volk!" interpretieren Sie leider zu flach. Mit dieser Parole bezeichneten sich die Demonstranten nicht einfach als "ganz normale Bürger", sondern sie widersprachen so kurz wie treffend und ironisch der stetigen penetranten Bezugnahme der Herrschenden auf "das Volk" etwa mit Volksarmee, Volksmarine, Volkspolizei, Volkskammer, Volksbildung, Volksdemokratie, Volkswahlen und Volkseigenen Betrieben. Sie erinnerten damit an jene Volkssouveränität, auf die sich die DDR jedenfalls in der Papierform und in den angemaßten Traditionen von 1789 und 1848 durchaus berief. Und noch auch waren die Demonstrationen von 1989 immer noch Teil eines Dialogangebots mit dem Regime, immer noch unter Bezugnahme auf dessen Begrifflichkeiten. Weil das Regime sich zu jeder Antwort unfähig zeigte, stürzte es.
Vor diesem geschichtlichen Hintergrund ist das Gebrüll heutiger Feinde von Recht, Freiheit und Dialog in Dresden und anderswo um so trostloser.

Schrankenlose Gemeinsamkeit, grenzenlose Verbundenheit in
Schillers „Hymnus an die Freude“ haben ihre Wurzel in der
Menschenliebe, die „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich
selbst“ im Hymnus „Seid umschlungen Millionen“ zur Vollendung
drängt.
Das ist eine lange Zeit, wenn man mit „Millionen“ an die gesamte
Menschheit denkt. Für das Individuum eine kurze, begrenzte Zeit,
wenn man an die Vervollkommnung des Menschen nach vielen
Wirren und Irrungen in seinem kurzen Leben denkt, das zu werden,
das er in seinem tiefsten Wesen sein soll und ist: Ebenbild Gottes,
seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst.