Wie es ist, den eigenen Neffen bei sich aufzunehmen

Großer Bruder Miguel
Pflegefamilie, die in der Familie bleibt

Tine Casper

Jens D. und seine heutige Frau Monique waren 27, als die Entscheidung anstand, ob sie Miguel aufnehmen sollen. Sie fühlten sich eigentlich noch nicht reif für die Familiengründung.

Pflegefamilie, die in der Familie bleibt

Pflegefamilie, die in der Familie bleibt: Miguel lebt bei seinem Onkel Jens D. und dessen Frau Monique. Seit alle wissen, wo man sich Hilfe holt, läuft das richtig gut

Dass sie verwandt sind, sieht man sofort: Jens D. und sein Neffe Miguel haben eine ähnliche ­Augenpartie, vom Opa den schiefen Wirbel am Hinterkopf, und, man ahnt es: Auch der Neffe wird mal die Geheimratsecken bekommen, die der Onkel hat. Kein Wunder, dass Außenstehende die beiden für Vater und Sohn halten. In gewisser Weise sind sie es ja auch: Jens D. hat seinen Neffen vor elf Jahren zu sich genommen. Als Pflege­vater. Weil seine Stiefschwester in einer Notlage war.

Familie D. wohnt in einem Reihenhaus in der Nähe des Bremer Rhododendronparks. Im Wohnzimmer stehen ein Buchen-Echtholztisch und eine Vitrine mit Kristallgläsern, Urlaubssouvenirs und Pokalen. Auf Leinwand gezogene Landschaftsbilder schmücken die Wände. Jens D. ist 38 
Jahre alt, trägt Hemd und Bundfaltenhose. Miguel ist 14 und hat einen Jogginganzug an. Sie haben es sich auf der Sofa­ecke gemütlich gemacht. Auf dem Couchtisch vor ihnen 
liegen Fotos bereit, Kinderfotos von Jens D., Kinderfotos von Miguel und Bilder von vielen gemeinsamen Erlebnissen. "Wir sind ein Team", sagt Jens D., und Miguel nickt heftig.

Sind Pflegeeltern und leibliche Eltern verwandt, müssen sie einen Weg finden

Auf der ganzen Welt ist es seit jeher üblich, dass sich Großeltern und andere Verwandte um ein Kind kümmern, wenn die Eltern ausfallen. Das kann ein Vorteil sein, ist aber nicht einfach. Pflegeeltern, die nicht verwandt sind, können auf Distanz gehen zu den leiblichen Eltern, auch zum Schutz des Pflegekindes. Sind die Pflegeeltern und die leiblichen Eltern verwandt, bleiben sie familiär ver­bunden und müssen einen gemeinsamen Weg finden. Wenn die leibliche Mutter die Schwester ist, können schnell andere Dinge eine Rolle spielen: die Geschwisterkonkurrenz, das Gefühl der Mutter, nicht bestanden zu haben oder wieder einmal dem Bruder unterlegen zu sein – gerade in einer Gesellschaft, in der Kinder seltener werden und für viele Eltern fast schon ein Statussymbol sind.

 Eine ganz normale Familie. Monique und Jens D., Miguel und seine kleine Schwester LucyTine Casper

Die wenigsten Pflegeeltern wissen, dass sie sich gezielte Hilfe holen können. Erste Anlaufstelle ist das Jugendamt. In manchen Bundesländern und Städten bietet die Be­hörde selbst psychologische Betreuung, Fortbildungskurse, Gruppengespräche an, andernorts hat das Amt die Hilfe an freie Träger wie Diakonie, Caritas oder in Bremen an die gemeinnützige GmbH "Pflegekinder in Bremen" (PiB) abgegeben. Etliche Träger fordern von den Eltern eine Art Grundqualifikation. Im Gegenzug steht ihnen finanzielle Unterstützung durch den Staat zu. "Hätten wir früher von diesen Möglichkeiten gewusst, hätten wir vielleicht einige Probleme vermeiden können", sagt Jens D. Besonders der Anfang wäre einfacher gewesen.

Elisabeth Hussendörfer

Elisabeth 
Hussendörfer beeindruckte, wie selbstverständlich es für Herrn D. ist, dass er Miguel aufgenommen hat. Sie hätte 
gerne auch mit Tanja gesprochen, 
die das aber 
nicht wollte.
PrivatElisabeth Hussendörfer

Tine Casper

Tine Casper, 
Foto­grafin, fand ­bemerkenswert, dass sich alle ­Erwachsenen so viele Gedanken um Miguel ­gemacht und ­seine Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt ­haben – trotz der nicht immer ­leichten Situation.
Caspar SesslerTine Casper

Damals, vor elf Jahren. Als seine Stiefschwester Tanja ihn anrief und sagte: "Sie nehmen mir den Jungen, du musst helfen." Miguel war zwei Jahre alt, der Vater hatte Tanja 
verlassen, als sie schwanger war. Sie lebte nun mit einem anderen Mann zusammen, der Miguel nicht guttat. Das Jugendamt intervenierte. Jens D. sprang gleich ins Auto, Tanja hatte ihm die Adresse von Miguels Tagesmutter genannt.

Zuvor war der Fall ­Kevin durch die Medien gegangen

Ob der Junge ihn erkennen würde? Ob Tanja ihm vielleicht mal ein Foto gezeigt hatte? Miguel ist sein Paten­kind, und als er noch ein Baby war, hatten sie öfter etwas zu dritt unternommen. Sie waren sogar einmal zusammen im Winterurlaub. Jens D. erinnert sich, wie ein Spazier­gänger damals zu ihm "prima Papa" sagte, weil er den ­Kinderwagen getragen hat, als der Spazierweg zu eng wurde. "Onkel", korrigierte er und stellte die vermeintliche Ehefrau als Schwester und das Kind als Neffen vor. Danach hatten sie wenig Kontakt.

"Da sind ein paar blöde Sachen gelaufen", hört er Tanja noch sagen, als sie sich nach zwei Jahren wiedersahen. Die Tagesmutter meinte, den einen oder anderen "Hinweis" habe sie nicht ignorieren können und beim Jugendamt gemeldet. Und Tanja sagte: Wegen "diesem Typen" stehe nun das Thema Kindeswohlgefährdung im Raum. Dabei sei doch geklärt, dass der sich nicht mehr blicken lassen brauche.

"Konkreter wurde sie nicht", sagt D. Er habe nicht nachgehakt, weil er nicht wollte, dass es wirkte, als mache er ihr Vorwürfe. Er wollte das Vertrauen nicht aufs Spiel ­setzen und tröstete sich mit dem Gedanken, dass bestimmt ­alles halb so wild war. Kein Jahr zuvor war der Fall ­Kevin durch die Medien gegangen: Ein zweieinhalbjähriger 
Junge, ebenfalls aus Bremen, war vom Ziehvater missbraucht worden, bis er starb. Das Jugendamt hatte um die Schwierigkeiten in der Familie gewusst – ein Skandal. Und möglicherweise eine Erklärung, warum man Tanja das Kind wegnehmen wollte, dachte D. Wahrscheinlich waren die Behörden jetzt sensibler.

 Dass sie verwandt sind, sieht man: Außenstehende halten sie oft für Vater und SohnTine Casper

Er sei ein "bodenständiger" Typ, sagt Jens D. Er spricht ruhig und souverän. Miguel rutscht auf dem Sofa hin und her, sagt wenig, spielt mit dem Smartphone. Jens D. nimmt ein Foto in die Hand: Miguel mit drei Jahren, blaue Augen, strohblonde Haare. Ein anderes Foto zeigt Jens als Kind: blaue Augen, strohblonde Haare. Andere Bilder zeigen die beiden beim Joggen. "Sport ist unser Ding", sagt Jens D. Miguel nickt. D. hat einen Lauftreff an Miguels Schule ins Leben gerufen. Er trainiert 40 Kinder, jede Woche geht’s vom Schulhof durch den Park und zurück. Erst hat nur Miguel mitgemacht, inzwischen trainiert er auch die Erstklässler.

Jens D. und seine heutige Frau Monique waren 27, als die Entscheidung anstand, ob sie Miguel aufnehmen ­sollen. Sie fühlten sich eigentlich noch nicht reif für die Familiengründung. Er hatte eine Lehre als Einzelhandels-
kaufmann gemacht und betreute 15 Supermärkte im Umkreis von hundert Kilometern, weil er sich über den Einsatz als "Springer" einen Karrieresprung erhoffte. Monique ist auch im Einzelhandel tätig und saß an der Kasse. Mal von sechs bis zwei, mal von drei bis zehn. D. weiß noch, wie sie über ihr Leben geredet haben, über ihre Träume, ob sie womöglich den richtigen Zeitpunkt für eine Familie verpassen würden. Und würden sie sich vielleicht eines Tages Vorwürfe machen, wenn sie Miguel nicht zu sich nehmen? Sie entschieden sich für ein Leben mit Miguel.

"Schlimms­tenfalls werden Machtkämpfe übers Kind ausgetragen"

In Deutschland regelt das Sozialgesetzbuch, dass Verwandte bis zum dritten Grad Kinder bei sich aufnehmen können, ohne dass eine Behörde zustimmen muss. Es reicht, dass die leiblichen Eltern einverstanden sind, dass das Kind bei den Großeltern, bei Tante oder Onkel lebt. Wenn es um Kindeswohlgefährdung geht, ist immer das Jugendamt involviert, sagt Ina Zibell. Sie ist Fachberaterin bei PiB. Jens und Monique D. mussten ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Danach waren die Behörden einverstanden, dass Miguel bei ihnen bleiben darf.

Etwa 70 000 Minderjährige wachsen in Deutschland nicht bei ihren Eltern, sondern bei Verwandten auf, sagt Thomas Gerling-Nörenberg. Er beruft sich auf ein Forschungsprojekt von 1995, aktuelle Schätzungen liegen nicht vor. Gerling-Nörenberg ist Paar- und Familien­therapeut in Münster und betreut seit über 20 Jahren erziehende Familienangehörige. Das Sorgerecht bleibe in der Regel bei den leiblichen Eltern, die auch die wichtigen Entscheidungen treffen. Das kann zu Problemen ­führen. Schlimms­tenfalls, sagt Gerling-Nörenberg, "werden Machtkämpfe übers Kind ausgetragen". Auch um dies zu 
vermeiden, sei es so wichtig, sich professionelle Unter­stützung zu holen.

"Das ist dein Onkel" – Jens D. sieht Tanja noch mit ­Miguel an der Hand auf sich zukommen. Das war in den Räumen des Fachdienstes PiB, ein Vorschlag der Tagesmutter, hier kenne man sich aus. Sie müssten ihre Bereitschaft, das Kind bei sich aufzunehmen, beim Jugendamt melden, erfuhren die D.s, und dass dann jemand zu ihnen käme. Die Worte klangen weit weg, sagt D., er habe damals vor allem wahrgenommen: Seine Schwester war nicht nur jung und überfordert. Sie war auch mutig und stark, ­diesen Schritt zu tun. Auf ihn zu, für Miguel. Du hast mir keine Sekunde das Gefühl gegeben, es verbockt zu haben, hat sie später mal gesagt.

Insgesamt sind sie fünf Stiefgeschwister

Als Jens D. und Tanja Kinder waren, haben sie jedes zweite Wochenende miteinander verbracht. D.s Eltern hatten sich getrennt, er war mit sieben Jahren beim ­Vater geblieben. Die Mutter hatte mit einem anderen Mann kurz darauf ein weiteres Kind bekommen – Tanja. Andere Jungs wären genervt gewesen, glaubt D. Er war stolz und schob Tanja im Kinderwagen, später hat sie vor anderen mit dem großen Bruder geprahlt. Sie zogen um die Häuser. Oder saßen in der Wohnung am Fenster und schauten die vier Stockwerke hinunter auf die Straße und spielten mit seinen Matchboxautos die Szenen nach.

D.s Vater hat auch noch einmal geheiratet und mit der neuen Frau drei weitere Kinder bekommen. Insgesamt sind sie also fünf Stiefgeschwister. Und als Miguel bei Jens und Monique D. einzog, haben alle Stiefgeschwister mit angepackt, um aus dem Arbeitszimmer von Jens D. ein Kinderzimmer zu machen. "Mit einer Bordüre mit Piraten und Schiffen drauf", sagt Miguel.

"Respekt", so reagierte D.s Chef auf die "privaten Neuig­keiten". D. hatte vorgeschlagen, auf Geld zu verzichten, wenn dafür die Arbeitszeiten geregelter wären. Kann alles bleiben, hörte er jetzt, bis auf den Dienstwagen.

Kalt abbrausen, als Strafe, so sei "der Typ" drauf gewesen

Es lief gut an. Doch die logistischen Herausforderungen waren groß. Solange Miguel noch nicht im Kindergarten war, kamen D.s Vater und seine Stiefmutter jeden Mittag. Er und Monique organisierten die Vor- und Nachmittage mit jeweils entgegengesetzten Schichten drum herum. Und die Familie wuchs. Ein Jahr nach Miguel kam Jerome, vor zwei Jahren Nachzüglerin Lucy.

Klinke in die Hand, so laufe es seitdem, wie bei vielen Familien eben. Kein Grund zu jammern, und manches sei jetzt eindeutig besser. "Die Bolognese zum Beispiel kommt nicht mehr aus dem Glas", sagt Jens D. Wie viel sie gelernt haben! Zum Beispiel dass Verwöhnen auch eine Form des Wegschauens sein kann und die zweite Kugel Eis oder ­unbegrenztes Fernsehen eher kontraproduktiv sind.

Zum ersten Mal, fügt Jens D. leise hinzu, sei es ihnen auf dem Spielplatz aufgefallen. "Miguel wollte nicht auf die Schaukel, er wand sich, er schrie." War er gepackt, ­geschleudert worden? Duschen ging gar nicht. Kalt abbrausen, als Strafe, so sei "der Typ" drauf gewesen, hat Tanja später mal gemeint.

Das Jugendamt hat ihnen geraten, am Anfang erst mal sechs Wochen Kontaktsperre zu Tanja einzulegen, damit sich das Kind leichter bei ihnen eingewöhnt. Daran ­haben sie sich nicht gehalten, Tanja kam immer sonntags zu Besuch, erst mit dicker werdendem Bauch, dann mit Miguels kleiner Schwester. Sie sind froh, dass sie den Rat des Jugend­amtes nicht befolgt haben, sagt D. Einerseits.

Dann kam die Vorladung zum Jugendamt

"Es gibt Leute, die verbieten das", habe Tanja gesagt, wenn "der Lütte" zum Abschied unter Tränen fragte, wieso er nicht mitdürfe. "Die Mama hat im Moment nicht die notwenige Kraft", haben sie ihm gesagt, das erschien ihnen "aus dem Bauch raus" richtig. Aber wie viel soll man dem Kind erklären, in was soll man es einbeziehen, in was nicht? "Es war eine Gratwanderung", sagt Jens D. Ein halbes Jahr ging auf den ersten Blick alles gut mit Tanja und Miguel und ihnen, mit den Besuchen, den Absprachen, dem Gefühl der Zuständigkeit. Aber unter der Oberfläche brodelte es.

Dann kam die Vorladung zum Jugendamt. Es gebe Gesprächsbedarf. Sie saßen in großer Runde wie bei Gericht. Es hieß, das Kind würde der Mutter "entfremdet", und es bestehe die Sorge, dass der Onkel und die Tante das ­alleinige Sorgerecht anstrebten. Der Konflikt hatte sich an der Kindergartenfrage entzündet. Die D.s hatten Miguel in einer Einrichtung in ihrer Nähe untergebracht, Tanja wäre ein Kindergarten in ihrer Nähe lieber gewesen. Ihm sei schwindelig gewesen, sagt D., er musste den Raum verlassen. Ein Nervenzusammenbruch.

 Das Bild hat Miguels Mutter Tanja nach seiner Geburt für ihn gemalt. Es hängt in seinem ZimmerTine Casper

Man muss vom Kind aus denken. Diese Erkenntnis war die Lösung. Und dass sie dem, was sie die ganze Zeit ja schon machten, der "Verwandtenpflege", einen offiziellen Status geben mussten. Tanja gefiel der Gedanke, dass ihr Bruder und Monique eine Vereinbarung unterzeichneten und sich verpflichteten, Kurse und Weiterbildungen zu besuchen. Hätten sie von dieser Möglichkeit doch bloß vorher gewusst!

Was ist eine Betreuungsvereinbarung? Was ein Hilfeplan? Das wussten sie ja alles nicht. Auf eine Grundqualifikation folgten Aufbaukurse, auch die sind verpflichtend. Seit elf Jahren besuchen die D.s monatlich eine Gruppe, in der sich Pflegeeltern austauschen, moderiert von einer Fachfrau. Dazu kommen zwei weitere Seminare pro Jahr zu bestimmten Themen. Auch die sind verpflichtend. Dank der professionellen Begleitung sei alles viel einfacher geworden. Seitdem sie die Vereinbarung unterschrieben haben und offiziell Pflegeeltern sind, bekommen sie auch Pflegegeld, im Moment rund 800 Euro pro Monat.

"Vier Schwestern können ganz schön nervig sein."

D. greift ein Foto vom Tisch, Miguel, gerade drei geworden, trägt Anzug und Fliege. Läuft auf einem weiteren Bild vor zum ­Altar, übergibt Monique und ihm die Ringe. D. ist sichtlich gerührt. Tanja fehlt auf den Bildern. Sie hatte ihm gesagt, dass das alles noch so frisch sei und dass sie die Blicke, die Fragen, die unterschwelligen Vorwürfe nicht er­tragen würde. Er habe das nachvollziehen können.

Mit sechs fing Miguel an, ihn "Papa" zu nennen und Monique "Mama". Verunsichert riefen sie erst bei PiB an und dann bei ­Tanja: Sollen wir das unterbinden? Sollten sie nicht. Und mittler-
weile haben sich alle daran gewöhnt, dass sich manchmal mehrere gleichzeitig angesprochen fühlen. Auch für die Kinder ist das heute selbstverständlich. In den Pflegeeltern-Kursen haben sie 
viel über gewaltfreie Erziehung gesprochen, über Medienkonsum, über Kommunikation in der Familie. Davon habe die ganze Familie was, sagt D. "Dass Jerome Klassensprecher war und Miguel sich beim THW und beim DLRG als Rettungsschwimmer engagiert, kommt bestimmt nicht von ungefähr."

Die Schwester hat noch vier Mädchen bekommen. Der Vater, ihr Ehemann, ist "ein Guter", sagt Jens D. Die Familie lebt von Hartz IV, Tanja hat keinen Schulabschluss und keine Ausbildung. Jedes zweite Wochenende verbringt ­Miguel bei Tanjas Familie. "Sie erlaubt mehr", sagt ­Miguel, manchmal wünsche er sich, bleiben zu können, aber nicht auf Dauer. "Vier Schwestern können ganz schön nervig sein."

Miguel wollte die zwei Welten zusammenbringen

Ihr habt mir gar nichts zu sagen, ihr seid nicht meine ­Eltern – wenn Miguel in der Schule oder mit Freunden Stress hat, kann es schon mal vorkommen, dass solche ­Sätze fallen. Er geht dann in sein Zimmer, zockt am Computer und ist manchmal für Stunden nicht ansprechbar. Pubertät, denkt sich D. dann. "Das Wichtigste ist, dass Tanja 
und ich uns nicht gegeneinander ausspielen lassen." Er tauscht sich viel mit der Schwester aus, zurzeit telefonieren 
sie fast täglich. Was war heute besonders? Was läuft gut, was 
nicht so? Tanja fiel auf, dass Miguel immer zum Ende der Ferien hin schwierig ist. Er beschwerte sich, dass er nie mit Tanja und deren Familie wegfahren könne. Da dämmerte ihnen: Miguel wollte die zwei Welten zusammenbringen.

Doch bei Tanja fehlten die Mittel fürs Reisen, er und Monique wollten nicht gönnerhaft auftreten. Was tun? Alle verzichteten zwei Jahre lang auf alle Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke. Im Herbst vor zwei Jahren fuhren sie alle zusammen – vier Erwachsene, sieben Kinder – in einen Freizeitferienpark im Emsland, Unterkünfte in Laufweite. End­
lich konnte Jens D. tun, was er 
schon lange vorhatte: "Mit dem Schwager abends ein Bier trinken." 
Endlich konnte er Miguel mal "so richtig" mit seinen Schwes­tern 
sehen. Als eingeschworene Gemeinschaft, die den ganzen Tag zwischen Auto­scootern und Abenteuerspielplatz unterwegs war. Er erinnerte sich, wie er und Tanja als Kinder zusammen­hingen, sagt D. Wer weiß, vielleicht wird ja auch Miguel eines Tages für seine Schwestern da sein, falls sie in Not sind.

Infobox

Sozialgesetzbuch VIII § 44 regelt, dass Verwandte und Verschwägerte bis zum dritten Grad keine behördliche Erlaubnis brauchen, um ein Kind aufzunehmen. Wer aber einen offiziellen Pflegevertrag abschließen und dann auch staatliche Hilfe und Beratung in Anspruch nehmen möchte, muss sich ans Jugendamt ­wenden. Die Behörde prüft dann, ob die ­Betreffenden dafür infrage kommen. Die Pflegeeltern schließen den Pflegevertrag mit dem Jugendamt und vereinbaren, dass sie gemeinsam mit allen Beteiligten (Eltern, Pflegekind, Jugendamt, eventuell Vormund, Pflegekinderdienst) an der ­Gestaltung eines schriftlichen Hilfeplans für das Wohl der Kinder beteiligt sind. Wer sich bei freien Trägern erkundigen möchte, welche Hilfe es gibt, gibt am ­bes­ten den Begriff "Pflegekinderhilfe" und den Wohnort in einer Suchmaschine ein.

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