Die Kirche, die Presse und das Steuergeld: Zum Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts

Soll die Kirche ihre Ausgaben offenlegen?
Das Kölner Verwaltungsgericht sagt: Das Erzbistum Köln muss das nicht tun. Dabei wäre das Bistum sehr gut beraten, mit seinem Geld so transparent wie möglich umzugehen.
Deutschland spricht 2019

Was macht das katholische Erzbistum Köln mit seinem Vermögen? In australische Kohlefirmen investieren, in afrikanische Bergwerke oder amerikanische Erdölkonzerne? Welchen Gewinn zieht sie aus ihren Immobilien? Erliegt das Bistum vielleicht genau der Gier nach Macht und Besitz, die Papst Franziskus wiederholt beklagt hat? Das Recherchezentrum "Correctiv" wollte es wissen und verlangte vom Bistum die Herausgabe der Details, in welchen Firmen und Fonds es seine Milliarden angelegt habe. Vergebens.

Daraufhin verklagte das Recherchezentrum das Erzbistum Köln: Wie jede Behörde, so sei auch die Kirche zur Auskunft verpflichtet. Die Journalisten unterlagen vorm Kölner Verwaltungsgericht. Was die Kirche mit Einnahmen aus Kirchensteuern macht, sei ihre Sache entschieden die Richter. Das falle unter das Grundrecht der Religionsfreiheit und das durch die Verfassung gewährte religiöse Selbstbestimmungsrecht der Kirche.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Ob das Gericht dem Erzbistum damit einen Gefallen getan hat, ist fraglich. Nach dem Skandal um das Finanzgebaren des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst hatte die katholische Kirche in finanziellen Dingen Transparenz gelobt. Alle Bistümer sollen seither Geschäftsberichte veröffentlichen. Nur hatten die Kollegen von Correctiv weiterreichende Fragen. Und die wollte oder konnte das Erzbistum nicht beantworten.

Ist die Kirche deswegen dem Mammon verfallen? Es muss um sie nicht so schlimm bestellt sein, wie Kirchenkritiker Carsten Frerk es nahelegt. "Für Moral interessieren sie (die Kirchenleute) sich bei ihren Anlagen nicht", ließ er sich von Correctiv zitieren. Richtig ist: Kirchliche Finanzfachleute mühen sich durchaus um ethisches Investment.

Dem Bistum fehlt der Überblick

Allerdings gibt das Bistum Mainz gegenüber Correctiv auch unumwunden zu: "Eine zusammenfassende Übersicht über Branchen und Einzelwerte ist derzeit nicht möglich." Grund: Das Vermögen sei auf unterschiedliche Manager verteilt. Und dem Bistum fehlt der Überblick.

Das ist keine zufriedenstellende Auskunft. Gerade Kirchen, denen an einer funktionierenden Finanzbuchhaltung gelegen ist, müssen sich öffnen. Transparenz nach außen zwingt zu Transparenz nach innen. Und nur eine in finanziellen Dingen vollkommen transparente Kirche kann letztlich auch glaubwürdig sein.

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Lesermeinungen

Ich hätte drei Fragen:
1. Wen interessiert eigentlich diese "Transparenz", außer diversen Boulevard-Medien, die einmal im Jahr die Schlagzeile liefern können "So reich ist die Kirche!" und diversen Kirchengegnern, die schon seit Jahren der Kirche bei jeder Gelegenheit gegen's Bein p...?
Ich bin seit 20 Jahren Pfarrerin und habe es noch nie erlebt, dass ein Gemeindeglied interessiert an unserer Haushaltsplanung und unserer Jahresrechnung gewesen wäre. Beides liegt bei uns offen aus. In den letzten Jahren waren diese sogar online abrufbar, unsere Kollektenergebnisse und Zinserträge auch, ohne dass jemand sie jemals abgerufen hätte. Da wir Kindergärten haben, Fördervereine, Kirchbauvereine, Stiftungen und in den letzten Jahren auch Baumaßnahmen im siebenstelligen Bereich durchführten, wäre das durchaus interessant gewesen. Aber keiner interessierte sich.

2. Werden die Kirchengegner durch die neu erzeugte Transparenz damit aufhören, die Finanzpolitik der Kirche zu kritisieren, oder nicht eher jede Einnahme und jede Ausgabe zur Ausweitung ihrer "Kritik" nutzen? Und wird es nicht auch unter den der Kirche Wohlgesonnenen immer wieder Stürme der Entrüstung geben, weil die eine Ausgabenstelle nicht passt und jene nicht gefällt, je nach eigener Präferenz?
Die einen werden z.B. sagen: "Wow, schaut! Die Kirche predigt Umweltschutz und hat noch so viele uralte Heizungsanlagen in ihren Gebäuden, verpulvert so viel Geld für Öl! Jaja, die Kirche, so verschwenderisch geht die mit dem Geld um und heuchelt uns was vor."
Die anderen werden kritisieren: "Was, die geben so viel Geld für die Sanierung für Heizungsanlagen aus und für Sonnenkollektoren, und jetzt setzen die sogar auf E-Mobilität? So verschwenderisch gehen die mit Geld um!"

Es glaubt doch wohl kaum einer, dass irgendwer die Kirchen lobt für ihre Transparenz. Die Transparenz wird im Gegenteil zu mehr Angriffen an vielen anderen Stellen führen.

2. Was kostet uns eigentlich dieser Spaß der "Transparenz"?
Sämtliche Bistümer und Landeskirchen haben zur Transparenz-Steigerung bei der Buchführung von Kameralistik auf Doppik umgestellt. Versprochen wurde mehr Ordnung und Durchblick für alle, billiger sollte es werden, weil nun ein einheitliches Buchführungssystem gefahren werden kann, in allen kirchlichen Zentren, Häusern und Werken.
Doch genau das Gegenteil ist der Fall. In allen Bistümern und Landeskirchen haben sich die kalkulierten Kosten für das doppische System und die Einführung neuer Software mindestens verdreifacht, teilweise verfünffacht. Ja, einige behaupten sogar verzehnfacht, wenn man alle Folgekosten mit Personalmehraufwand, tagelangen Schulungen und mehrfacher Nachschulung von Mitarbeitern, unzählige Überstunden und noch mehr Mahnverfahren durch vielerorts monatelang liegengebliebene Rechnungen und die erhöhten Umlagen weg von den Gemeinden hin zu den Kirchenkreisämtern, Regionalverwaltungen, Rentämtern mit einkalkulieren würde.
Vom Vertrauensverlust bei diversen Kirchenzulieferern, Handwerkern und zahlreichen Ehren- und Hauptamtlichen, die monatelang auf Begleichung ihrer Rechnungen und Vorlagen warten mussten und müssen, mal ganz abgesehen.

So grob überschlagen dürften wir bei allen Landeskirchen, Bistümern und kirchlichen Werken von ca. 1/4 Mrd. € reden, die "das Mehr an Transparenz" bisher kostete.
Allerdings hält man sich ausgerechnet an dieser Stelle sehr bedeckt und man weiß, dass man gut daran tut.