Mail aus Managua: Unruhen

Friedhofsruhe
Posteingang - Managua, Friedhofsruhe

New York Times/Redux/Laif

Vor einem Jahr gingen die Nicaraguaner in Massen auf die Straße gegen die Regierung. Hier stellten sich Demonstranten hinter die katholische Kirche, die vermitteln wollte

Posteingang - Managua, Friedhofsruhe

Die Lehrerin Sonja Becker verließ ihre Wahlheimat Nicaragua vor einem Jahr wegen der Unruhen. Jetzt kehrte sie für einen Besuch zurück

Ich bin endlich wieder in Nicaragua – wenn auch diesmal nur als Besucherin. Vier Jahre war ich ­Lehrerin an der Deutschen Schule Managua, im vergangenen Sommer verließ ich das Land, weil die politi­sche Situation zu gefährlich wurde. Ich 
erinnere mich noch genau an den Tag, an dem alles eskalierte: Es war Donners­tag, der 19. April 2018. Wir hatten eine Lehrerkonferenz und wurden früher nach Hause geschickt. Einen Ausflug für den kommenden Tag sagte die Schulleitung ab. In den 
Medien ging die Runde: Die Menschen sind auf der Straße, sie protestieren gegen eine Steuer- und Rentenreform, es wird geschossen, es gibt Tote.

Gewalt, Schießereien, Angst

Die Lage 
spitzte sich von Tag zu Tag zu. Bald 
forderten Demonstranten den Rücktritt des Präsidenten Daniel Ortega, der versuchte, die Proteste niederzuschlagen. Die Monate danach waren geprägt von Gewalt, Einbrüchen, Überfällen, Schießereien, Angst. Die Zahl 
der Toten stieg. Viele Deutsche und andere Ausländer verließen das Land. In der Schule hatten wir freiwilligen oder keinen Unterricht. Eltern melde­ten ihre Kinder ab, Kollegen kündigten. Auch ich gehörte zu denen, denen es zu heikel wurde. Im August verließ ich Nicaragua. Eine bewusste Entscheidung – trotzdem nahm ich schweren Herzens Abschied.

Sonja Becker

Sonja Becker, ­Lehrerin an einer fränkischen ­Realschule, unterrichtete bis 2018 
an der Deutschen Schule Managua.
PrivatSonja Becker

Nun bin ich in meinen Ferien hier, um einige "Nica-Freunde" wiederzusehen. Ich besuche sie in ihren kleinen 
Häusern mit Wellblechdächern, manche haben nur das Nötigste zum Überleben. Wie viele andere leiden sie unter stärkerer Armut als vorher. Die vergangenen zwölf Monate ­haben dem Tourismus geschadet – wie überhaupt dem Arbeitsmarkt.
Die politische Situation ist nur scheinbar ruhiger geworden. Nicht, dass sich die Probleme gelöst hätten. 
Aber Demonstrationen sind nun verboten. Wer es dennoch wagt, den nimmt die Polizei gewaltsam fest. Die Regierung spricht nach einem Jahr von knapp 200 Toten, die Opposition von mehr als 550 Opfern. Ich werde mit gemischten Gefühlen zurück nach Deutschland fahren.

Leseempfehlung

Nahomi dichtet, Maria spielt Theater - vier nicaraguanische Kinder im Kurzporträt
Nicaragua steckt in der Krise. Wie es ein Kinderkulturzentrum schafft, dennoch Freiräume zu bieten
Nicaraguas Schulen öffnen sich für behinderte Kinder
Ganze Familien haben Nicaragua unter der autoritären Herrschaft des Präsidenten Daniel Ortega den Rücken gekehrt, sagte eine UNHCR-Sprecherin. Mehr als 55.000 Menschen suchten alleine Zuflucht in Costa Rica.
Bei Protesten in Nicaraguas Hauptstadt Managua sind am Mittwoch (Ortszeit) mindestens 68 Menschen festgenommen worden.
Die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hat die nicaraguanische Regierung aufgefordert, alle politischen Häftlinge freizulassen.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.