Schriftstellerin Lena Gorelik fürchtet um die Demokratie

Als sie neu war in der Demokratie...
Standpunkt - Neu in der Demokratie

ZsuzaSanna Ilijin

Standpunkt - Neu in der Demokratie

...und noch ein Kind, da bewunderte Lena Gorelik die großen Worte: Rechtsstaat! Menschenrechte! Aber jetzt sieht sie, wie Fremde zu Feinden erklärt werden

Vorgelesen: Standpunkt "Als sie neu war in der Demokratie..."

Als Kinder vertrauen wir, so sagt man das, blind. Wir lassen die Augen verbunden und uns führen, wir tun das später mit den eigenen Kindern: Wir führen sie, sie halten die Augen ge­schlossen. Es ist bis heute ein Wunder für mich: Wie Kinder einem, eben blind, glauben. Zum Beispiel, dass das eine riesen­große, wundersam aussehende Tier, der Dinosaurier, ausgestorben sein soll, während das andere riesengroße, wundersam aussehende Tier, der Elefant, in Afrika lebt, dass man als Kind das so hinnimmt als ­gültige Wahrheit, auch bevor man den Elefanten mit eigenen Augen im Zoo gesehen hat und sich darüber Ge­danken machen kann, dass die anderen, 
die Dinosaurier, nur in Bilderbüchern ­vorkommen.

Lena Gorelik

Lena Gorelik, 
geboren 1981 in 
Sankt Petersburg, kam 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland. Sie 
ist Schriftstellerin und lebt in München. In ihren Romanen geht es viel um die Themen Heimat, Fremdsein und 
Integration. 2017 
erschien ihr jüngster Roman "Mehr Schwarz als Lila"im 
Rowohlt-Verlag.
PrivatLena Gorelik

Da ist es, das zarte Vertrauen, das eben deshalb so groß ist, weil es zart ist. Als ich Kind war, da haben sie mir in der Sowjetunion, wo ich aufwuchs, erzählt, dass unser Land, die Sowjetunion, das größte und groß­artigste Land der Welt ist, und ich habe ­ihnen beides geglaubt, das "groß" und das "großartig", und von Dinos haben sie mir erstaunlich wenig erzählt. Ich ­habe ihnen vertraut, weil Glauben auch immer ein Vertrauen ist, eine Voraussetzung oder ein Synonym, ich habe ihnen auch alles andere geglaubt: Als sie mir sagten, dass Menschen gleich sein sollen, dass das gut ist, wenn Menschen gleich sind, ich habe blind daran geglaubt, und die Augen auch dann geschlossen halten wollen, als ich sah, dass manche eben gleicher waren.

Blindes Vertrauen ist rein, ihm ist noch nicht das Menschliche begegnet

Später, nachdem meine Familie das große und großartige Land verlassen hatte, um in dem kleineren, aber großartigeren Deutschland zu leben, haben sie mir das Gegenteil erzählt: dass es nicht gut ist, wenn die Menschen gleich sind. Sie erzählten mir auch etwas von Demokratie, das Wort Rechtsstaat fiel zum ersten Mal, das war im Russischen nie gefallen. Menschenrechte, das gefiel mir, überhaupt bewunderte ich all die großen Worte; das ist so, wenn man neu ist in der Demokratie. Sie fühlten sich an wie Gott, aber von Menschen geschaffen; wie etwas, das auf mich aufpasst, eine große Decke, ich war noch ein Kind, deshalb vielleicht. Ich wollte eines Tages Reden halten, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vielleicht, ich wollte die großen Worte werfen und den großen Worten Taten vorangehen oder folgen lassen, ich wollte diesen Glauben an das Gute im Menschen weitergeben. Es war das Alter, in dem ich Anne Franks Tagebuch unter Tränen und mit dem Bleistift in der Hand las, die Taschenbuchausgabe.

Das blinde Vertrauen ist rein, ihm ist noch nicht das Menschliche begegnet, die einfache Tatsache, dass wir fehlbar sind. Dass das Leben dazwischenkommt: die Unmöglichkeit, sich an Versprechen zu halten, und manchmal ist die Unmöglichkeit 
auch ein Unwille. Ich wollte mich blind darauf verlassen, in einem Rechtsstaat, in einer Demokratie zu leben, in einem Land, in dem Menschen­rechte ein Wert sind, vielleicht der höchste, in dem Menschen Lichterketten gegen Fremdenhass bilden (wir kamen Anfang der Neunziger nach Deutschland, hielten ebenfalls Kerzen in der Hand und ­meine Mutter weinte), ich wollte mich suhlen in diesem ­Glauben, in ­einer Möchtegerngewissheit.

Ich hatte keine Angst, keine vor Fremdenhass, von dem ich glaubte, das Kerzenlicht würde für immer dagegen brennen, und auch keine vor Antisemitismus, immerhin hielten wir auch am 9. November Kerzen in der Hand. Ich wuchs in einer schwäbischen Kleinstadt auf, und auf dem ehemaligen Synagogenplatz stand ich zwischen Freunden und Lehrern; das war das kleine, aber das großartige Land.

Vertrauen in die Menschlichkeit der Gesellschaft schwindet

Als das Vertrauen brach, war das ein leises ­Gefühl. Ich habe es mehr gespürt als gehört. Ich ­beobachtete 
mit wachsender ­Unruhe, der ich verbot, ­eine Angst zu werden: wie an ­Montagen Pegida-­Anhänger ­demonstrierten, in diesem in­zwischen meinen Land; wie Diskurse immer häufiger verdreht wurden, dass als besorgte Bürger die Angreifer be­zeichnet wurden, nicht die Angegriffenen, 
wie eine Partei mit rechtsradikalen Tendenzen in den Bundestag einzog. Wie immer lauter geschrieen wurde, dass Menschen gleich sein sollten, dass alles, was fremd war, zu einem Feindbild wurde; dass diejenigen, die anders denken, sprechen, glauben, lieben, Heimat anders fühlen, für so erstaunlich viele eine Gefahr zu sein scheinen, etwas, das nicht hierher ­gehört, in das Land, das sie plötzlich für sich vereinnahmen wollten.

Die Zahlen von AfD-Anhängern, rechtsradikalen Übergriffen und anti­semitischen Vorfällen wurden größer, während das Vertrauen kleiner wurde. Es zog sich zusammen, ein erschrecktes Knäuel, das sich verkriechen muss. Das Vertrauen in die Menschlichkeit dieser Gesellschaft schwindet, der Glaube daran, dass das bei uns nicht passieren kann. Nicht hier, wo man das Nie, nie wieder in der Schule lernte, wo es gilt. Oder sollte ich das Verb ins Präteritum ­setzen: galt.
Wenn das Vertrauen verlorengeht, muss man die Augen öffnen. Man muss sich umsehen, man muss ver­suchen zu erkennen, was da geschieht. Statistiken, die steigende Zahlen von Übergriffen mit anti­semitischen Hinter­grund ver­melden, jüdische ­Eltern, die sich Sorgen ­machen, ­Sorgen, die auf Erfahrungen beruhen, ihre Kinder könnten gemobbt werden, weil sie jüdisch sind, neue Antisemitismusbeauftragte, das sagt vielleicht auch schon alles: dass man nicht nur den Posten, sondern auch das Wort erschaffen musste.

Man schiebt das gerne auf den so genannten neuen Antisemitismus, auf die Geflüchteten aus Syrien und anderen muslimisch geprägten Ländern, man sagt den Menschen aus diesen Ländern gern nach – und nicht zu Unrecht – dass sie fremde 
Rollenbilder und darunter dieses importieren: dass Juden böse sind und ausgerottet gehören. Den Hass auf die Juden, den innigsten Wunsch, deren Land, Israel, im buchstäblichen Sinne auszulöschen, haben viele Geflüchtete zum Teil mit der Muttermilch aufge­sogen. Auf die Straßen, auf denen "Tod den Juden" gepinselt stand, ­haben sie ihre "Himmel und Hölle"-Kästchen gemalt, in den ­Serien, die sie im Fernsehen sahen, und in den Geschichten, die sie von ihren Großmüttern hörten, waren die Juden die Bösen, und Geschichte lernten sie anhand von Weltkarten, auf denen Israel fehlte. Das lässt sich nicht verleugnen, aber das ist – und das lässt sich nicht oft genug wiederholen – noch kein Grund für nichts. Erst recht nicht dafür, Menschen im Stich zu lassen, unsere Hilfe zu verweigern, unseren Wohlstand und unsere Demokratie nicht zu ­teilen.

Ängste formieren sich zu Abwehr, Hass und Gewalt

Die Angst darf niemals größer als die Menschlichkeit werden. Den neuen Antisemitismus in den Fokus zu rücken, ist übrigens eine ziemlich kindliche Geste: mit dem Finger auf andere zeigen. Da sind sie, die ­neuen, die bösen Antisemiten. Als hätten wir unsere eigenen nicht. Die, die schon immer da gewesen sind, und die, die sich plötzlich zeigen und trauen und auf Straßen skandieren, weil ein ­Virus im Umlauf ist, hier in Deutschland und in anderen euro­päischen Ländern, weil etwas mit uns und um uns herum geschieht: Ängste formieren sich zu Abwehr, Hass und Gewalt. Was anders ist, wird zum Feindbild, zu etwas, das ausgeschlossen gehört.

Wenn Vertrauen in andere schwindet, erwächst das Vertrauen in sich selbst. Wenn Kinder nicht mehr blind den Eltern glauben, wissen sie um das eigene Hinterfragen. Sie verlassen sich künftig auf Menschen, die sie sich selbst aussuchen, sie setzen auf ihre eigene Wahl. Wenn ich mir nicht mehr sicher sein kann, dass in ­diesem Land jeder Hass gegen Bevölkerungsgruppen im Keim erstickt wird und dass die Demokratie ein automatisch greifender Schutzmechanismus ist, so wächst im besten Fall das Vertrauen in die eigene Kraft und der Mut einzuschreiten, wenn Unrecht geschieht, wenn das, woran man geglaubt hat, angegriffen wird, wenn Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden sollen. Es ist dieses Vertrauen in sich selbst, das Gestaltungsfreiheit ermöglicht. Auch die Freiheit, eine Gesellschaft mitzugestalten, in der Hass keinen Raum hat.

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