Redaktionsgespräch: der Streitfall Kopftuch

Kopftuchverbot an Grundschulen: ein Pro und Kontra
Die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer findet es sinnvoll, jungen Mädchen zu verbieten, an Grundschulen ein Kopftuch zu tragen. Die Meinungen in der chrismon-Redaktion gehen auseinander. Ein Streitgespräch
Deutschland spricht 2019

Dass kleine Mädchen Kopftuch tragen, habe "mit Religion oder Religionsfreiheit nichts zu tun, das sehen auch viele Muslime so", sagte am Wochenende Annegret Kramp-Karrenbauer mit Blick auf Österreich, wo Kopftücher an Grundschulen per Gesetz verboten worden waren. Die CDU-Parteivorsitzende hält auch bei uns eine Debatte darüber "für absolut berechtigt". Wie seht ihr das?

Claudia Keller: Ich begleite seit acht Jahren ein Mädchen aus einem arabischen Elternhaus, sie ist jetzt 17. Je älter sie wird, desto mehr engt ihre Familie sie ein. Sie darf das Haus nicht mehr allein verlassen. Seit sie vor einem Jahr den mittleren Schulabschluss gemacht hat, hat der Staat kaum noch eine Möglichkeit, ihr zu helfen. Als sie neun Jahre alt war, zog sie das Kopftuch auf. Damals geschah das auf Druck der Alphamädchen in ihrer Klasse, die schon länger Kopftuch getragen hatten. Hätte es ein Kopftuchverbot gegeben, hätte sie noch jahrelang einüben können, das Kopftuch im öffentlichen Raum der Schule wieder abzunehmen.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Aber ein Kopftuchverbot hätte ja nicht ihre Familie verändert, die heute Druck auf sie ausübt.

Claudia Keller: Ein Verbot wäre aber ein Signal an die Familie: Der deutsche Staat ist nicht einverstanden damit, wenn schon Grundschülerinnen ein Kopftuch tragen müssen. Gesetzlich ist man erst ab 14 Jahren religionsmündig. Deswegen würde so ein Verbot die Religionsfreiheit nicht verletzen.

Burkhard Weitz: "Man kann Menschen nicht verbieten, Dinge zu tun, die man selbst für unmöglich hält"

Burkhard Weitz: Ich bin ein Gegner des Kopftuches, weil ich es für ein verheerendes Signal halte. Warum soll ein Mensch sein Haupt verhüllen? Es wird oft damit begründet, dass es die Begehrlichkeiten der Männer einhegt. Was sagt denn das aus? Die Frau ist doch nicht für die Begehrlichkeiten der Männer zuständig! Das leuchtet mir nicht ein. Trotzdem bin ich ein Verfechter der Religionsfreiheit. Man kann Menschen nicht verbieten, Dinge zu tun, die man selbst für unmöglich hält. Der Staat darf auch nicht einfach sagen: Das schreibt eure Religion ja gar nicht vor, also können wir es auch verbieten. Jede Muslimin, jeder Muslim muss selbst mit sich ausmachen, ob das Kopftuch ein Gebot des Islam ist oder nicht.

Nun könnte man aber argumentieren: Das sollen Musliminnen doch bitte entscheiden, wenn sie älter als 14 Jahre und somit religionsmündig sind.

Burkhard Weitz: Eltern entscheiden in Religionsfragen aber vieles für ihre Kinder. Wenn wir den Eltern verbieten, über Dinge wie das Kopftuch zu entscheiden, müssten wir ihnen auch verbieten, über die Taufe ihrer Kinder oder die Beschneidung ihrer Söhne zu bestimmen. Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Sie ist historisch der Anfang aller Meinungsfreiheit. Wenn man Religionsfreiheit einschränkt, schreibt man den Leuten vor, wie sie zu leben und wie sie ihre Kinder zu erziehen haben und wie nicht.

Das musst du erklären!

Burkhard Weitz: Eine Meinung hat man im Kopf. Aber jemand, der sich zu einer Religion bekennt, lebt sie auch öffentlich aus, kleidet sich abweichend, isst andere Dinge, verhält sich ungewöhnlich. Das findet der Rest der Gesellschaft anstößig, aber das muss man eben aushalten.

Claudia Keller: "In manchen Familien wird das Kopftuch als gottgewollt begründet"

Claudia Keller: Mir geht es um eine Unterscheidung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Die Schule ist doch ein Ort, an dem Mädchen erfahren, dass sie ohne Kopftuch ein gutes Leben führen können. In manchen Familien wird das Kopftuch als gottgewollt begründet: Wenn du das Kopftuch wieder abziehst, gibst du dich frei für den Satan. Ein Kopftuchverbot an der Schule führt eben dazu, dass Mädchen erfahren: Das stimmt nicht; der Teufel ergreift eben nicht von uns Besitz, wenn wir kein Kopftuch tragen.

Burkhard Weitz: Das Argument ist super. Es hat aber einen Nachteil: Wenn der Staat so ein Gesetz erlässt, können Muslime es eigentlich nur als Anti-Islam-Gesetz verstehen. Das hilft uns nicht weiter, im Gegenteil, es befördert die Islamfeindlichkeit noch. Der Staat kann das nicht regeln. Wohl aber, meine ich, können die Schulen mit Schulordnungen gezielt auf solchen Druck reagieren – wenn es wirklich an der Schule so läuft, dass Peergroups Mädchen unter Druck setzen, das Kopftuch zu tragen. Das muss eine Schule nicht zulassen.

Claudia Keller: Dann stecken Eltern, die wollen, dass ihre Mädchen Kopftücher tragen, ihre Kinder auf Schulen, die das Kopftuch nicht verbieten. Dort sind sie erst recht von der Mehrheitsgesellschaft separiert.

Burkhard Weitz: Man muss Kopftücher in erster Linie mit Überzeugungen und Argumenten bekämpfen, nicht mit Verboten. Muslime sind in Deutschland ständig Rassismus ausgesetzt. Die Politik muss diesen Rassismus bekämpfen und dafür sorgen, dass Muslime wirklich gleiche Chancen haben, auch bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Dann wird auch das Bedürfnis nachlassen, sich mit provokanten religiösen Symbolen von der Mehrheitsgesellschaft abzusetzen.

Leidet die junge Frau denn, die du unterstützt, Claudia?

Claudia Keller: Ja. Das Kopftuch ist noch ihr geringstes Problem. Sie will ein selbstbestimmtes Leben leben, darf das aber nicht. Sie wird sich auch nicht selbst ihren Lebenspartner suchen dürfen. Onkel und weitläufige Cousins bestimmen über ihr Leben. Wir müssen doch alles tun, um solchen Mädchen zu helfen.

Es gibt aber auch selbstbewusste, emanzipierte Frauen, die Kopftuch tragen.

Burkhard Weitz: Das glaube ich diesen Frauen, und ich kann ihnen trotzdem auch sagen: Du kommunizierst da über das Kopftuch etwas, das ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Aber ich darf ihnen die Freiheit nicht per Gesetz nehmen, sonst geben wir allzu leichtfertig Freiheitsrechte auf.

Vielen Dank für eure Argumente!

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