Arnd Brummer über die Bedutung von Straßburg als Parlamentssitz

Europa braucht Straßburg
Ein historischer Erinnerungsort für Streit, Krieg und dessen kluge Überwindung.

Rechtzeitig vor den Wahlen zum Europaparlament hat die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, ­Saarländerin, vor ein paar Wochen einen revolutionären Vorschlag platziert: Der Sitz des Europaparlaments in Straßburg müsse abgeschafft ­werden. Es reiche, wenn die Parlamentarier künftig nur in Brüssel tagen würden. Ihnen würde das Herumreisen erspart und der EU-Kasse mehr als eine 
Milliarde Euro pro Jahr.

Kann sich Europa den Standort Straßburg im wahrsten Sinne des Wortes "sparen"? Als ein dort einst akkreditierter Korrespondent, als ­Badener und Alemanne bekomme ich unterm Schreiben dieser Zeilen ein Schleudertrauma vom Kopf­schütteln. Wenn es einen Ort gibt, der den jahrhundertelangen Streit von Herrschern um Gebiete, Religion, Kultur und wirtschaftliche Interessen, vor allem aber seine Überwindung durch Offen­heit und Vernunft kennzeichnet, dann ­"Strossburri" (alemannisch).

Ein Ort gelebter Toleranz

Die Straßburger Buchdrucker leis­teten vor 500 Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Reformation. Die Stadt galt als einer der Orte gelebter Toleranz, obwohl dort im Februar 1349 mehrere Hundert Juden beim sogenannten Valentinsmassaker ­öffentlich verbrannt worden waren. Die Protestanten leisteten Widerstand gegen den Bischof, wechselten ­zwischen Luthertum und der von Ulrich Zwingli inspirierten ober­deutschen Reformation. Nach der Einverleibung ins französische ­Königreich versuchten die Vasallen Ludwigs XIV. die Unterdrückung des 
Protestantismus, was aber nicht gelang. 

In den kommenden Jahrhunderten wurde das Elsass zwischen Paris und Wien (später Berlin) Gegenstand eines fortdauernden Streites. Was aber die aufgeklärten Geister aus beiden ­Herrschaftsbereichen nicht abstieß, sondern anlockte. Johann Wolfgang von Goethe studierte hier, und der Komponist Claude Joseph Rouget de Lisle komponierte hier die Marseillaise. In Straßburg heiratete ein junger Schwabe namens Theodor Heuss seine Liebe Elly Knapp. Den Hochzeitsgottesdienst hielt sein elsässischer Freund Albert Schweitzer.
Dass große Teile der Straßburger Altstadt rund um das Münster im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren, sollte der letzte Akt von Feindschaft bleiben. Ausgerechnet ein Brite 
namens Winston Churchill schlug 1949 Straßburg als Sitz eines von ihm angeregten "Europarates" vor. Der Ökonom Jean Monnet entwickelte die Idee einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Wenn die Nationen aufhören, sich in Lothringen, dem Saarland oder dem Ruhrgebiet um Kohle und Stahl zu streiten, und stattdessen als Gemeinschaft mit offenen Grenzen leben, erkannte auch Außenminister Robert Schuman in Paris, kann eine neue, glückliche Epoche beginnen.

Straßburg als Symbol des neuen Weges

Der Rheinländer Konrad Adenauer reichte Schuman sofort die Hand. Die Regierungen in Bonn und Paris luden Italien, Luxemburg, Belgien und die Niederlande zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ein. Zwei Orte bestimmten die Politiker als Symbole des neuen Weges: Brüssel und Straßburg, wo sich 1952 das Parlament konstituierte.

Dies alles ging mir nach Kramp-­Karrenbauers Sparvorschlag durch den Kopf. Und erfreut nahm ich den Vorstoß des Kehler Oberbürger­meisters Toni Vetrano wahr. Aus der badischen Nachbarstadt Straßburgs ließ er die CDU-Chefin wissen: "Wir leben hier Europa." In der Debatte um eine Erinnerungskultur in Europa wird zu Recht gefordert: Wir dürfen die Orte der Gräuel und Grausamkeiten nicht vergessen! Aber ein Ort der Überwindung des Schreckens, ein historischer Magnet für aufgeklärtes und offenes Zusammenleben wie Straßburg muss uns – wie heißt die Währung? – auch weiterhin eine ­Milliarde Euro wert sein!

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Lesermeinungen

Ich teile Ihre persönliche und gut begründete Meinung zum Sitz des Europäischen Parlaments in Straßburg! Bemerkenswert oberflächlich ist dagegen der geldwerte Vorschlag der Saarländerin Kramp-Karrenbauer. Es geht der neoliberalen "Wertegemeinschaft" offenbar nur noch um finanzielle Werte. Auch hinter dem Brexit steckt vor allem Maggie Thatchers "I want my money back!" Eine Gesellschaft, die sich Milliardenlöcher wie "Stuttgart 21", Subventionierung von veralteten Kraftwerken oder Beraterskandale bei der Bundeswehr leistet, kann auch die besser begründeten Reisekosten der Parlamentarier schultern. Die engherzige CDU-Managerin will am falschen Fleck sparen. Die viel besungene Wertegemeinschaft der EU hat ihre wichtigere Basis nicht im finanziellen Tauschwert des Euro, sondern in gemeinsamen kulturellen Werten. Insbesondere die Baukultur des Mittelalters ist ein Symbol für kulturellen Austausch ohne Grenzen.
Dafür steht beispielhaft das Straßburger Münster an der Schnittstelle zwischen Südbaden und der Ile de France. Mit seinen Baumeistern Michael von Freiburg (1383-88) und v.a. Ulrich von Ensingen hat es Verbindungen nicht nur nach Esslingen, Ulm und Frankfurt, sondern auch nach Basel und Mailand. - Neben dem Hin-und-Her der Verwaltungen und religiösen Bekenntnisse im Elsass können auch Zweisprachigkeit und zentralere geographische Lage durchaus mit Brüssel konkurrieren.

Meinetwegen: Straßburg ist eine wunderschöne Stadt, hat viel - wie das gesamte Elsaß, erlebt.
Aber doch nicht für so unendlich viel Geld eine Verwaltung dieser Art! Die Kosten könnten besser verwendet werden!
Es ist nicht einzusehen, wie schon Berlin sich nicht von Bonn zu trennen vermag. Unverantwortlich, diese Fliegerei von da nach dort!