Barbie-Influencerinnen auf Instagram

Die Puppenspielerinnen
Titelthema - Influencerinnen

Lena Kunz

Was 2015 als Fortführung des einst kindlichen Puppenspiels begann, wächst für die Schwerstern, Schülerin die eine, Lehramtsstudentin die andere, langsam zu einem Vollzeithobby heran

Titelthema - Influencerinnen

Zwei Schwestern aus dem Schwarzwald inszenieren Barbiefamilien 
auf Instagram. Und gewinnen immer mehr Fans.
Deutschland spricht 2019

Luise sieht aus wie ein 90erJahre-Supermodel: 90-60-90, perlweiße ­Zähne, stets glänzendes langes Haar. Auf Instagram gewährt sie nahezu täglich intime Einblicke in ihr Leben: Luise ist 27 Jahre alt und Ärztin, glücklich verheiratet und in der 34. Woche mit Zwillingen schwanger. Luise kocht nur mit "HelloFresh" in ihrer skandinavisch-modernen Küche und führt unter den Augen ihrer 33 300 Followerinnen das perfekte Influencerinnen-Leben: Tanzen auf dem "Coachella"-Festival, Baby Shower für die ­Twins, Starbucks-Frappucchinos – natürlich to go.

Influencer inszenieren ihren Lebensstil in den sozialen Medien, sie wollen Vorbilder sein, beeinflussen, anregen, Geld verdienen. Was Luise von anderen Instagramerinnen unterscheidet: Sie ist eine Barbiepuppe. Es gibt viele Accounts dieser Machart – Luises ist ­einer der erfolgreichsten weltweit.

Doch: Wer kümmert sich um diese Seite? ­Eine einsame Katzenfrau, die Teil der me­dialen Glamourwelt sein will? Eine Mutti, die ihr Leben mit Hilfe von Barbies nachstellt? Eine Kunststudentin? Ein Familienvater, der als Kind nicht mit Puppen spielen durfte? Das PR-Team einer Spielzeugfirma?

Eine Nachricht an @luise.miller_doll mit Bitte um ein Treffen. Zwei Wochen später bei Desiree, 21, und Eva, 18, in einem Schwarzwälder Einfamilienhaus mit Aussicht auf die Berge: Instagram-Barbie Luise und ihre beste Freundin, @jana.sandiago_doll, sitzen in ­einer modernen Penthouse-Küche. Ein Abend unter Freundinnen. Ihre Männer sind ausge­gangen und liegen im Off der Szene. Die Kinder schlafen im Schuhkarton. Jana hat Spaghetti gekocht. Aber Luise ver­schüttet die Tomatensoße. Was für eine Schweinerei – 
und dann noch auf Janas neues "Hard Rock ­Cafe"-Shirt. Jana kniet auf dem Boden und setzt an, die ­Flecken zu entfernen. Luise schlägt entsetzt die Hände über dem Kopf ­zusammen. Das Bild erstarrt.

 Luise (links) und Jana beim Freundinnenabend in der Penthouse-KücheLena Kunz

Zwei Menschen übernehmen für die Puppen: Eva und Desiree räumen auf. "Das mit dem Fleck war nicht geplant", verrät Desiree, die hinter Luises Account steckt. Ihre Schwes­ter Eva ist ihre beste Freundin und Komplizin im Puppenspiel, sie betreibt den Account von Jana. Insgesamt führt das Schwesternduo sechs Barbie-Accounts auf Instagram. Der neueste ist ein Onlineshop, in dem sie ­Puppen-Accessoires und Kulissen vertreiben. Der absolute Bestseller war eine Miniatur-­Designerhandtasche, die Eva gebastelt hat.

Was 2015 als Fortführung des einst kindlichen Puppenspiels begann, wächst für die Schwestern, Schülerin die eine, Lehramts­studentin die andere, langsam zu einem ­Vollzeithobby heran. Fast täglich arbeiten die beiden an neuen Motiven und der dazu ­nötigen Ausstattung. "Ich möchte, dass die Szenen so echt wie möglich aussehen", erzählt Desiree. "Mein Ziel ist es, dass beim kurzen Durchstöbern der neuesten Instagram-Posts unsere Bilder von Luise und Co. nicht von menschlichen Fotos zu unterscheiden sind. Ich weiß, dass ich das wahrscheinlich nie erreichen werde, aber ich versuche es trotzdem."
Eva erzählt, dass sie auf anderen Accounts Gesten und Inszenierungen studiert, um den Puppen ein möglichst menschliches Aus­sehen zu verleihen. Während sich Desiree eher um den Bau der Möbel kümmert, näht Eva die Kleidung. Mittlerweile ist ein Barbie­universum entstanden mit Wohnungen, Autos, Outdoorausrüstungen und hand­gemachten Accessoires, sorgfältig sortiert in beschrifteten Kisten.

Die Schwestern leben im Haus ihrer Eltern. Hier nimmt die Puppenwelt einen ganzen Raum ein, stets verschlossen und für Gäste unsichtbar. Die Barbies waren bisher Evas und Desirees großes Geheimnis. Weder zeigen sie auf ihren Accounts ihre wahre Identität, noch weiß jemand außer ihren Eltern von diesem Hobby. "Wir wollen nicht missverstanden werden", sagen die Schwestern. "Wir sind keine Mädchen, die noch mit Barbies spielen. Menschliche Instagrammerinnen inszenieren sich selbst und wir halt die Puppen", erklärt Desiree, und Eva nickt. Ihr Hobby schweißt sie zusammen.

 Hier, im Schwarzwälder Einfamilienhaus, hat das Barbieuniversum seinen UrsprungLena Kunz

Die Eltern unterstützen die Leidenschaft ihrer Töchter. Sie sind vielleicht ganz froh darüber, dass ihre Kinder sich mehr für Barbies als für Jungs und Partys ­interessieren. Der Vater packt praktisch mit an, für jede Barbiefamilie fertigte er ein Haus mit Balkon und Küche nach den Vorgaben seiner Töchter. So entsteht die Welt, in der Luise, ihr Mann Ardian und das befreundete Pärchen Jana und Sam leben.

Nicht zu allem gibt es Bilder auf Instagram, doch in Desirees Kopf läuft das Leben ihrer Puppen kontinuierlich fort. Da haben Luise und Ardian oft Streit und fetzen sich ­richtig. Luise gewinnt immer, sie hat die Hosen an. Das wird aber nicht in die Öffentlichkeit getragen. 
Streit gehört da nicht hin, findet ­Desiree. "Auf Instagram merken unsere Followerinnen es nur daran, dass länger keine Pärchen­fotos erscheinen, sondern eher die Kinder be­ziehungsweise Luise allein im Mittelpunkt steht. Was soll das auch? Sie können sich nicht ­streiten, und dann poste ich ein Bild von ­beiden mit #couplegoals, das heißt als perfektes Paar. Das geht doch nicht", sagt sie.

Auch Eva hat ein Drehbuch für ihre ­Barbiefamilie. "Jana und Sam sind eigentlich immer einer Meinung", sagt sie. Ihre Mutter fügt hinzu: "Wie Eva. Sie ist der ­Ruhepol ­unserer Familie, ausgeglichen und auf ­Harmonie bedacht." Desiree habe mehr ­Temperament. Sie sei sehr gerechtigkeits­liebend und scheue sich nicht, ihre Meinung laut zu sagen, auch wenn das Konflikt bedeute.

"So wie Jana lebt, so stelle ich mir meine Zukunft auch vor", erzählt Eva. Für sie be­deutet das vor allem: heiraten, Kinder bekommen und Mutter sein. Davon träumt auch Desiree. ­
"Mutter sein ist die größte Aufgabe, die ­jemand haben kann", sagt sie mit einem breiten ­Lächeln. "Ich sehe das an unserer Mama, Mütter haben die größte Power." Als Ausdruck von "Girl-­Power" verstehen die beiden Schwestern auch ihre Inhalte auf Instagram. Barbie Luise bekommt mit 27 Jahren bereits Kind drei und vier. Das fünfte ist in Planung. Die 29-jährige Jana hat eines, muss nachlegen. Das fordern auch die Followerinnen und schreiben ungeduldige bis erwartungsvolle Kommentare.

  

Schwangerschaft und Familienleben garan­tieren viele Likes und Anerkennung in den sozialen Medien. Überhaupt werden die Puppen den Idealen auf Instagram gerecht. Luise lebt in einem Stadthaus, trägt Perlenohrringe und liebt Fernreisen. Jana mag Löcher in den Jeans und Sneakers. Ihr Mann trägt hippe Tattoos. 
Ihre Penthouse-Wohnung ist oft Treffpunkt für gesellige Kochabende mit Sushi oder ­Tacos. Geld spielt keine Rolle im Puppenuni­versum. Streit und Sorgen sind nur Fantasien 
jenseits des sonst perfekten, strahlenden ­Lebens auf Instagram. Perfekt sind auch ihre modelhaften Körper, die kein Übergewicht und 
keine Falten kennen, ewig jung, ewig schön.

 Die Barbiefamilie beim Wanderausflug mit Kind und Kegel und Hund.Lena Kunz
 Desiree (rechts) und Eva haben 30 Minuten am Set gebaut - nun sind alle fotobereitLena Kunz

Fast könnte man das Puppenspiel für eine Satire der Schwestern halten. Doch genauso wenig wie ihre Followerinnen stören sie sich an ungesunden Idealen, sondern genießen unbekümmert ihre Inszenierung. "Klar, es gibt diese Diskussion, dass Barbies eine un­realistische Konfektionsgröße haben", räumt Desiree ein. "Unser Fokus liegt aber nicht auf dem Körper, wir wollen Familienleben dar­stellen. Wir haben die Barbies genommen, weil wir früher gerne mit ihnen gespielt ­haben und weil man sie wirklich gut ­inszenieren kann. Es gibt kaum eine andere Puppe, die so beweglich ist und dadurch so menschlich wirkt."

Ein Familienausflug von Desiree, Eva und ihren Eltern, es geht an den Mummelsee. 
Die Mutter hat für Brote und Mineralwasser gesorgt. Der Vater fährt das Auto und erzählt von Lothar, dem Orkan, der zwanzig Jahre zuvor viele Wälder hier zerstört hat.

Angekommen am See, bauen Eva und ­Desiree mitten im Touristengetümmel ihr ­erstes Set auf. Jana, Luise und ihre Familien ­haben sich zum Wandern getroffen. Alle sitzen auf dem moosigen Boden. Sam lehnt an einem Baumstamm, Jana und das gemeinsame Baby in seinem Arm. Der Rest der Wander-Crew schaut sie erwartungsvoll an. Ardians Polaroid­kamera kommt wie von Zauberhand aus ­seinem neuen Lederrucksack. Alle sind bereit 
für einen Instagram-würdigen Schnappschuss.

Szenenwechsel. Am Ende des Nachmittags – an einem anderen Wochenende des Puppenuniversums – findet ein romantisches Dinner auf dem Bootssteg des Mummelsees statt. Im Hintergrund die Ruder- und Tretboote der Touristen und ein kleines Mädchen, das ­herumposaunt, wie gerne sie Kapitänin wäre. Doch Luise, Ardian, Jana und Sam lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Heute ist Pärchennacht – ihre Nacht.

Die Kinder schlafen ruhig im Karton. Die beiden Paare sitzen sich auf Holz­bänken gegenüber. Zwischen ihnen ein festlich gedeckter Tisch. Sie strahlen sich mit ihren ­stets fröhlichen Mienen an. Kristallleuchter ­schmücken das weiße Tischtuch und ge­bundene Ser­vietten. Es gibt Schweinebraten, Kartoffeln und Gemüse aus bemaltem Gips. Der Kellner schenkt San Pellegrino ein. Der silberne Sektkühler auf dem Tisch suggeriert eine angemessene Getränketemperatur – das falsche Kerzenlicht eine nächtliche Atmos­phäre. Die Paare haben sich schick gemacht. Was gefeiert wird, wissen nur Desiree und Eva.

Gute Frage. Ist das echt? Künstlich? Oder Kunst? Was auch immer. Luise, Jana und Co. sind für Desiree und Eva jedenfalls weit mehr als nur ein Puppenspiel. Und die Followerinnen fiebern begeistert mit.

 Vier kleine Kinder, keine Augenringe,kein Streit - im Barbiekosmos ist immer alles gutLena Kunz

Einen Monat später sind Luises Zwillinge ­
auf der Welt. "Willkommen zu Hause, Charlotte 
& Margarethe" begrüßt sie ein Banner im Treppenhaus. Alle sind da, um den Familienzuwachs zu begrüßen. Ardian hält die beiden Babys in ihren Designer-Maxi-Cosis im Arm. Entzückt schlendert Janas Familie ihnen im Treppenaufgang entgegen. Alle sind glücklich, auch die Follower.

Die Geburt ging spurlos an Luise vorbei. Sie kniet auf dem Teppichboden im Flur und strahlt.

 

Anmerkung der Redaktion: Die Reportage ist in einer anderen Fassung erstmals im ROM Gesellschaftsmagazin erschienen.

Interview

Sie wollen so gern perfekt sein

Die Medienpädagogin Maya Götz über die Selbstinszenierung von Mädchen auf Instagram

chrismon: Influencerinnen auf Instagram und Youtube sind die großen Vorbilder der Teenager-Mädchen. Sie sind meist schön, schlank und langhaarig...

Maya Götz: ...und ihre Themen sind Beauty, Fitness, Life­style. Im Gegensatz zu den Jungs, die sich in Politik, Comedy, Gaming oder Sport positionieren und davon gut leben können – die Werbebranche fördert Stereotype. Viele Mädchen also imitieren auf Fotos ihre weiblichen Vorbilder: Stellen sich auf Zehenspitzen, so wirken die Beine schlanker; machen mit dem Körper eine S-Kurve; helfen mit Filtern nach. 

Merken die selbst nicht, dass das frauenfeindlich ist?
Nein. Mädchen von heute denken, Gleichstellung sei erreicht. In der Schule erleben sie sich als fähig, die Jungs gelten als die Verlierer der Moderne. Dadurch kommen sie nicht auf die Idee, dass sie begrenzt werden. Sie hören immer, sie können alles erreichen, wenn sie sich nur genug anstrengen.
 

Aber das stimmt doch gar nicht!
Natürlich nicht. Man hat ihnen als Kindern aber ­vermittelt, dass starke Mädchen superschön sind, superschlank, ­immer gut gelaunt. Siehe Zeichentrick. Siehe Barbie. Oder "Germany’s Next Topmodel": Um daran teilnehmen zu können, muss man mindestens 1,76 Meter groß sein bei einer Kleidergröße von 36. So einen Körperbau hat nur eine von 40 000 Frauen.  
 

Eigentlich eine schöne Botschaft: Fast keine ist perfekt.
Aber das erzählt keiner den Mädchen. Die optimieren sich alle Ecken und Kanten weg. Manche sind anfällig für Essstörungen. Sie bräuchten Vorbilder, die Mut machen, eigene Wege zu gehen, sich natürlicher zu zeigen, vielfältiger. Das würde sie entlasten.

Von Mareike Fallet

Leseempfehlung

Desiree und Eva lassen die Puppen tanzen. Oder wandern. Oder kochen. Die Followerinnen finden es: Wow! OMG! So süüüß!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

5 (in Worten: fünf !) Seiten darüber, wie zwei Schwestern Barbiepuppen auf Instagram inszenieren.
Ja geht’s noch???