Spenden nach Feuer in Notre-Dame

Mehr als nur Steine
Die reichsten Franzosen wollen Hunderte Millionen für den Wiederaufbau von Notre-Dame spenden. Ist das angesichts leidender Menschen weltweit zynisch?

Notre-Dame hat gebrannt. Die Bilder der in Flammen stehenden Kirche sind um die Welt gegangen, eine Nation steht unter Schock. Doch dann kamen die guten Nachrichten: Das Feuer ist gelöscht. Die Struktur des Kirchbaus mit den zwei großen kantigen Türmen ist nicht zusammengestürzt. Präsident Emmanuel Macron verspricht, die Kathedrale wieder aufzubauen. Und zwei der reichsten französischen Familien, Arnault und Pinault, kündigen an, etwa 300 Millionen Euro dafür zu spenden.

Die Betroffenheit und Hilfsbereitschaft nach dieser Katastrophe ist beeindruckend. Aber ein Gedanke drängt sich auf: Könnte man mit diesen Unsummen nicht auch Leben retten? Menschen, die nach dem Zyklon in Mosambik im März alles verloren haben? Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer ertrinken? Oder auch einfach armen Menschen in den Pariser Vororten eine Perspektive geben? Wäre das Geld dort nicht sinnvoller investiert?

Symbole verbinden über Jahrhunderte

Auf der einen Seite war mein erster Gedanke: Ja, natürlich.

Auf der anderen: Notre-Dame ist nicht nur eine Ansammlung von Steinen, es ist ein nationales Symbol, das berühmteste Pariser Wahrzeichen neben dem Eiffelturm. Solche Symbole bedeuten den Menschen viel - auch heute noch. Sie sind Teil ihrer kulturellen Identität und der nationalen Geschichte. Symbole existieren viel länger als ein Menschenleben. Oft verbinden sie Generationen und Gesellschaften über Jahrhunderte. Deshalb spenden Bewohner eines Ortes bei der Renovierung einer kleinen Dorfkirche oft mehr als für die Opfer eine Katastrophe am anderen Ende der Welt. Dazu fehlen die Nähe und die Identifikation. Außerdem ist Notre-Dame als Kirche ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen können.

Aber wieso fühlen Menschen so? Warum haben sie Tränen in den Augen, wenn eine Kirche brennt, in der zu diesem Zeitpunkt zum Glück keine Menschen sind. Warum rührt ein Eisbärjunges manche mehr als hungernde alte Menschen in Somalia? Warum leiden so viele Menschen mit, wenn eine Promi-Ehe in der Krise steckt? Das mag zum Teil unvernünftig erscheinen, aber vieles, was Menschen empfinden, ist nicht so einfach zu erklären. Und dennoch ist es für sie wichtig - als Gruppe oder als Individuum.

Michael Güthlein

Michael Güthlein war leider noch nie in Paris. Dennoch haben ihn die Bilder der brennenden Notre-Dame berührt.
Lena UphoffMichael Güthlein, chrismon-Redakteur

Es ist also bewundernswert, dass die Reichsten einer Gesellschaft sich einbringen, um Gutes zu tun. Orte wie Notre-Dame, wenn sie in Solidarität wieder errichtet werden, sind dann eben auch ein Platz, an dem wir über Gemeinsinn und Verantwortung nachdenken können und müssen. Es ist gut, wenn Vermögende dazu beitragen, solche Wahrzeichen wieder herzurichten. Es ist noch besser, wenn sie dazu anregen, darüber nachzudenken, was Solidarität im 21. Jahrhundert sein kann – und wen sie umfassen sollte. Meine Hoffnung ist also, dass die Reichen künftig auch bei den Katastrophen spenden, die Menschenleben kosten. Genug Geld haben sie.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

1. Wer spendet darf selbst darüber bestimmen wem er etwas abgibt.
2. Der Brand von Notre Dame ist nicht auf menschliches Versagen zurückzuführen. Die Krisenherde dieser Welt sind es ausnahmslos.
3. Hier haben offensichtlich die Spender das Gefühl dass die Spenden ankommen und sinnvoll verwendet werden. Von welchen Spenden an Kirchen und Wohltätigkeitsvereinigungen kann man dieses behaupten?
4. Und was soll der hämische Schlusssatz zu den Vermögenden: " Das Geld haben sie."
Wer wirklich Geld hat sind die Kirchen. Die bekommen es ohne etwas dafür zu tun. Nur haushalten können sie nicht.

Nachdem ich diesen Artikel gelesen habe steht für mich fest: AUSTRETEN aus der Kirche. Aber hurtig.

Gibt die Kirche nicht auch einen Haufen Geld aus, ohne sich um die Armen in Somalia zu kümmern? Dafür werden dann Spenden gesammelt

Eine Kirche hat gebrannt, und eine ganze Nation dreht am (Hamster)Rad. Gelder für den Wiederaufbau fließen ohne Ende, und in anderen Teilen der Welt, da haben die Menschen nicht einmal mehr ein "Hungertuch", um daran nagen zu können!

Notre Dame brennt und die weltweite Betroffenheit ist groß. Vielleicht ist Notre Dame auch ein Symbol für die Niedergang der katholischen Kirche!
Der eventgierige Mensch hat wieder etwas Besonderes und etwas ganz Einmaliges zu beschauen; die Kriege der Welt, die tägliche Gewalt, die sind in eine Statistenrolle gedrängt, und solange man/frau nicht selbst betroffen sind, so kratzt das den Menschen nicht.
Geld für den Wiederaufbau der Kathedrale gibt es anscheinend in Hülle und Fülle, und an frommen Sprüchen, da herrscht derzeit auch kein Mangel. Und noch eins, die katholische Kirche kann etwas durchschnaufen!

Bei allem Verständnis für die historische Bedeutung von Notre Dame etc. finde ich es doch erschütternd und traurig, dass für so ein Ereignis gleich Millionenspenden versprochen werden, während Tausende von Menschen in Armut und Hoffnungslosigkeit leben. Das Schicksal von Menschen rührt weniger als das von EINEM Gebäude.

erklärt sich wohl in erster Linie daraus, daß hier die allgemeine Meinung (zumindest dort, wohin ich beruflich und privat hinhöre) ist: >> das Geld nützt dort langfristig gar nichts. <<
.
Milliarden wurden in afrikanische Länder gepumpt, um den Bewohnern dort ein menschenwürdiges Leben zu gewährlisten; vor allem sauberes Wasser, geregelte Kanalisation und ärztliche Versorgung.
Erreicht wurde so gut wie nichts; jedenfalls stehen die geleisteten Entwicklungshilfe-Zahlungen in einem groben Missverhältnis zum angepeilten Erfolg.
.
Statt dessen hat sich die Bevölkerungszahl in Afrika in nur 50 Jahren fast verdreifacht.
.
In den meisten afrikanischen Staaten (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) ist es den Einheimischen nicht gelungen, ein einigermaßen stabiles politisches System zusamt einer verlässlichen Rechtsordnung zu etablieren -- trotz vielfältiger Hilfe von außen.
.
Japan, China und die meisten asiatischen Länder sind (fast) ohne Entwicklungshilfe in nur 50 Jahren zu ökonomisch und politisch soliden Staaten aufgestiegen.
In Afrika fehlt eben irgend etwas, wodurch dieser Aufstieg verhindert wird.
Weil dies (wie einleitend schon gesagt) die weit verbreitete Meinung ist, halten sich Spender (und ich nehme mich da nicht aus) mit Leistungen an Afrika zurück.