100 Jahre Bauhaus: Werkstatt für eine offene Gesellschaft

Wo Kunst 
die Technik küsste
Standpunkt - Bauhaus

Anne Marie Pappas

Standpunkt - Bauhaus

Architekten, Handwerker, Künstler planen gemeinsam für eine offene Gesellschaft. Eine Utopie? 
Nein, vor 100 Jahren war es so – am Bauhaus in Weimar.

Vorgelesen: Standpunkt "Wo Kunst die Technik küsste"

Jubiläen sind oft Anlässe für 
Auseinandersetzungen. Ob Reformation, Weimarer Republik oder Bauhaus – unter Fachleuten, politisch Verantwortlichen und Medienleuten 
flammen die Debatten auf, ob 
das Objekt der feierlichen Erinnerung tatsächlich Ehre und Anerkennung verdient habe. Die Befürworter preisen überlebensgroße Leistung, die Gegner kämpfen gegen Überbewertung und nennen zahlreiche Fehler und Schwächen.

Arnd Brummer

Arnd Brummer, 
Jahrgang 1957, 
hat seit Jugendjahren ein großes Interesse an Projekten 
und Prozessen "funktionaler Ästhetik". In der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung stieß er auf Architekten des Bauhauses.
Lena Uphoff

Besonders heftig wird über die Bedeutung des "Bauhauses" gestritten, das im April 1919 von Walter Gropius als staatliche Kunstschule in Weimar gegründet wurde, 1925 aus politischen Gründen nach Dessau übersiedelte, 1932 schließlich nach Berlin, wo es vom NS-Regime 1933 aufgelöst und verboten wurde. Der Designhistoriker 
Bernd Polster nennt Gropius in ­seinem Buch ("Walter Gropius – Der Architekt seines Ruhms") "einen ziemlich guten Hochstapler", da er in die Direktion eines universitären Betriebs für Architektur gelangte, ohne ein entsprechendes Diplom vorweisen 
zu können. Und die Texte seiner ­Vorträge habe er nicht selbst verfasst, sondern seine Frau Ise. Dass Gropius ein genialer Entdecker und Förderer von Talenten, ein herausragender Kommunikator war, können indes auch seine schärfsten Kritiker nicht bestreiten. Er selbst beschreibt als ­einen seiner größten Mängel die Unfähigkeit, exakt zu zeichnen.

Das Bauhaus ist aber weit mehr als eine Kunstschule, die 1919 in ­Weimar eröffnet wurde. Es ist ­eine Idee, die nicht zufällig zeitgleich und am ­selben Ort mit der Weimarer ­Republik Gestalt annahm. Nach dem Ersten Weltkrieg mit Millionen ­Toten, der Vernichtung von Monarchie und anderen alten Herrschaftsprinzipien erkannten die jüngeren Kreativen um Gropius die Chance, auch in ­ihrer Arbeitswelt alte Hierarchien zu überwinden. Sie erfanden keine neue ­Lehre. "Bauhaus" ist kein monolithischer Block, keine architektonische Doktrin, die jungen Menschen von fundamentalistischen Gelehrten mit erhobenem Zeige­finger verkündet wurde. Der Weg in die Moderne, den Walter ­Gropius und seine Kollegen beschritten, hieß: Kunst, Handwerk und Technik sollen gleichwertig und gleichberechtigt Formen für das ­Leben in einer Industrie­gesellschaft entwickeln.

Gropius formulierte 1923 die Grund­idee so: "Die Versuchsarbeit, die Spekulation, ist von gleicher Wichtigkeit für die Gesamtarbeit wie die praktische Durchführung, die Produktion. Da ein allgemein gültiger methodischer Weg zur Auswahl der Begabung von vorneherein nicht ­möglich ist, muss der Einzelne im Laufe seiner Entwicklung das ihm gemäße Arbeitsfeld im Rahmen der Gemeinschaft selber finden." Probiere 
etwas und lerne aus den Fehlern. Streite mit den Kollegen über Projekte, Technik und Konstruktion.

Gegen die Hierarchie

Die Verehrer der Hierarchie sahen in Gropius’ Ansatz einer Zusammenarbeit von Künstlern, Architekten, Handwerkern und Technikern auf Augenhöhe eine ästhetische Bankrott­erklärung. Sie bekämpften "Form follows function" von Anfang an als ebenso platte wie grausame Ver­nichtung der Baukultur. Und noch heute werden die Mietskasernen und Plattenbauten, die von Mitgliedern des Bauhauses geplant und realisiert wurden, von den konservativen Erben als Monster der Moderne abqualifiziert.

Dass diese Gebäude im Sinne der dort Wohnenden ent­wickelt wurden, nehmen die Kritiker kaum wahr. Erst ein halbes Jahr vor Gründung des Bauhauses wurde während der so­genannten Novemberrevolution der Achtstundentag für Industriear­beiter beschlossen. In vielen Betrieben ­blieben Überstunden der Normalfall. Es war auch im Sinne der Arbeiter­familien, wenn die Wohnstätten in der Nähe der Fabriken gebaut wurden und zu Fuß rasch erreichbar waren. Stromnetz, Wasser- und Abwasserleitungen für Küche, Bad und WC wurden erst in dieser Zeit allgemein üblich in Wohnungen.

Diesen Herausforderungen stellten sich die Pioniere der neuen Archi­tektur. Dass sie mancherorts an den eigenen Ansprüchen scheiterten und dass Materialien wie Beton und Stahl manchmal früher Risse bekamen und rosteten, als sie glaubten, wurde von den Machern selten bestritten. Ihr Grundsatz, dass sich Ästhetik und Nutzbarkeit ergänzen müssen, hat Fehler und Schwächen nicht verhindern können. Aber in zahlreichen Bauwerken erwiesen sich die neuen Materialien als deutlich beständiger als die bisher genutzten.

Neuer Lebensstil

Was die Kritiker aus der konservativen Szene neben dem "Bau-­Sozialismus" in Weimar am meisten störte, waren Umgangsformen und Lebensweisen, die sich dort ent­wickelten. Männer und Frauen feierten Nacktpartys, ­ließen ihre Haare wachsen und ­trugen selbst ge­schneiderte Kleider in grellen Farben. Lehrende und Stu­dierende duzten einander. Dass dies auch noch ohne "völkische" Abgrenzung zwischen Deutschen, Ausländern, Juden und Menschen anderer Hautfarbe geschah, ließ die zur Macht gelangten rechten Parteien 1925 dafür sorgen, dass das Bauhaus nach Dessau umziehen musste.

Dass es unter den Protagonisten der Bauhaus-Bewegung sowie ihr verbundenen Künstlern und Architekten politisch extrem orientierte Menschen gab, ist nicht zu übersehen. Viele von ihnen, unter anderem der in die Sowjetunion geflüchtete Dessauer Direktor Hannes Meyer, erkannten jedoch bald, dass sie bei aller Sympathie mit den dort Herrschenden in deren Ideologie nicht hineinpassten. Der Schweizer Meyer verließ Moskau 1936 und kehrte in seine Heimat zurück. Seine Lebensgefährtin Margarete Mengel wurde von Stalins Regime ermordet.

Der dem Bauhaus nahestehende Architekt und Möbeldesigner Le Corbusier sympathisierte in Frankreich in der Hoffnung auf gut dotierte Aufträge mit dem rechtsnationalen Vichy-Regime und äußerte sich in Briefen positiv zu Adolf Hitler. In den Bauhaus-Kreisen ließ sich die große Mehrheit von solchem Opportunismus nicht leiten.

Das Bauhaus inspirierte die Bildende Kunst

Bemerkenswert bleibt neben der Architektur die künstlerische Vielfalt, die um die Bauhäuser entstand. Im Möbeldesign experimentierten Leute wie Mart Stam, Ludwig Mies van der Rohe oder Marcel Breuer mit neuem Material, vor allem mit Stahl. Legendär ist der sogenannte Freischwinger, ein Stuhl ohne Hinterbeine. Stilbildend waren auch die schlanken Tisch- und Wandelektrolampen, wie Christian Dells "Kaiserleuchte".

In der bildenden Kunst entwickelte der Chef der Druckabteilung in Weimar, Lyonel Feininger, mit Paul Klee, Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky die Ausstellungsgemeinschaft "Die Blaue Vier". Mit ihrer expressionistischen Malerei setzte das Quartett fort, was Kandinsky und Freunde mit dem "Blauen Reiter" 
begonnen hatten. Dem Bauhaus sind ihre Werke nicht zuzuschreiben. Dass sie aber dort ihre Kreativität ­leben und an Studierende weitergeben konnten, bleibt bemerkenswert.

Gropius überzeugte andere von ihrem Talent

Zum Jubiläum: Mag sein, dass 
der "Hochstapler" Walter ­Gropius selbst kein Diplom-­Architekt war. Seine ­Gabe, Menschen von ihrer Kreativität zu überzeugen, sie zur gemeinsamen ­Arbeit zu bewegen und neue Wege zu finden, ist es wert, erinnert zu werden. Zahlreiche Hochschulen und ­Betriebe könnten sich auch heute ­fragen, wie man Begabungen entdeckt und fördert und Gesprächskultur prägt, statt Studierende allein hinter ihren Notebooks erstarren zu lassen.

Die "Idee Bauhaus" – die Forderung, Kunst und Handwerk, Technik und Architektur nicht als Gegen­sätze zu begreifen, sondern zum Wohl der Menschen zu verbinden – sollte auch 100 Jahre später nicht vergessen 
werden. Diese Gemeinschaft der vielfältigen, höchst unterschiedlichen ­Talente und Temperamente ist beispielhaft für eine offene Gesellschaft ohne Gleichschaltung und Herrschaft.

Es ist erfreulich, dass derzeit in fast allen deutschen Regionen Tourismusmanager mit dem Bauhaus werben. In Darmstadt, Halle und Stuttgart, Hannover, Frankfurt am Main und Essen lohnen sich Einblicke in diese Phase der Entwicklung von modernem Bauen. Und in der 
weißen Stadt Tel Aviv, in Chicago, ­Baltimore oder New York wird Touristen ebenfalls bewusst, dass Grenzen in den Köpfen der Bauhaus-Lehrer und -Studenten schon so unwichtig waren, wie es in der digitalen Welt heutzutage selbstverständlich ist.

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Lesermeinungen

Es ging Walter Gropius weder um Technik noch Funktion. Das alles begründende Manifest von 1919 stellte alleine die "bildnerische Tätigkeit" von Architekten, Künstlern und Handwerkern an den Anfang der neuen Richtung. Nicht Technik, sondern "eine neue Zunft der Handwerker" sollte aus dieser Tätigkeit heraus den Bau erschaffen.
Gropius wurde sogar schwärmerisch religiös, wenn er vom "neuen Bau der Zukunft" schrieb, der "aus Millionen Händen der Handwerker einst gen Himmel steigen wird als kristallines Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens."
Steigen wir lieber wieder auf die Erde herab mit dem Bauen. Denn alles, was Gropius vor genau 100 Jahren wollte und forderte, wird heutzutage von den am Bau Beteiligten ignoriert, der "Glaube"
reduziert auf rationelle und profitable Baufertigungsprozesse, an dem viele nicht berufene und befähigte Akteure teilnehmen. Und so sehen die Werke der heutigen Architekten dann auch aus, ohne Kunst und ohne alle "bildnerische Tätigkeit", auch nicht mehr den Prozess des Entwerfens und Zeichnens des zu Bauenden betreffend. Es steht ihnen daher auch nicht mehr zu, sich auf das Bauhaus zu berufen.
"Form follows function" war im übrigen kein Bauhaus-Terminus, sondern wurde erstmals 1852 von dem amerikanischen Bildhauer Horatio Greenough genannt. Erst der amerikanische Architekt Louis Sullivan griff den Terminus in einem Aufsatz von 1896 wieder auf. Seine Bauten sind berühmt wegen der üppigen Ornamentierung der Fassaden. Die Form des Ornaments folgte für Sullivan der Funktion der Ästhetik, nichts anderes war gemeint. Auch Gropius wollte keine Ornamentlosigkeit, wenn er im Bauhaus-Manifest von der "vornehmsten Aufgabe der bildenden Künste" schrieb, " den Bau zu schmücken." Die "Idee Bauhaus" war eine vollständig andere, als gegenwärtig interpretierte. Leider doch vergessen in der heutigen, offenen Gesellschaft ohne jene Kreativität und innovativen Geist von vor 100 Jahren.

Sehr geehrter Herr Brummer,
für einen nach dem Libanon-Krieg aus moralischer Überzeugung zum Atheisten gewordenen Protestanten blättere ich erstaunlich oft in Ihrem "evangelischen" Magazin, denn es ist angenehm ideologiefrei. Besonders häufig lese ich Ihre Beiträge, meist mit Genuss. (Auch Ihr Interview in der SWR 2 - Matinee vom 24. März über die Fastenzeit hat mich wegen der abstrakten Klarheit beeindruckt.) Nun überraschen mich als Bauhistoriker Ihre Gedanken zum Bauhaus-Jubiläum. Natürlich sind die Fakten überwiegend bekannt und die Gefahr, Eulen nach Athen zu tragen, nicht klein. Indessen gelingt es Ihnen, das weithin Bekannte durch scharfsinnige Verknüpfungen mit psychologisch-pädagogischen, macht- und sozialpolitischen Faktoren, sowie solchen aus der Lebenspraxis selbst übersättigten "Fachidioten" interessant zu machen. Die einem längeren Text Henry Sullivans von 1896 entnommene Formel "form follows function" wurde, wie Sie natürlich wissen, mehr oder weniger von der gesamten Moderne (holländischem de Stijl, russischem Konstruktivismus, schweizerisch-französischem Rationalismus und dem italienischen der Gruppo Sette sowie dem deutschen Funktionalismus) übernommen. Besonders überzeugte Verteidiger einer unehrlichen Tradition kamen bemerkenswerterweise aus der Stadt, wo die Werkbund-Moderne 1927 ihre Triumphe gefeiert hatte; ihrer "Stuttgarter Schule" war die überkommene Hierarchie in der Tat wichtiger als die Bedürfnisse der Nutzer ihrer Häuser.