Arnd Brummer über bürgerliches Spießertum und Revoluzzerinnen

Geboren, um wild zu sein
Vom "Steppenwolf" ins Pfarrhaus. Ordnung und Freiheit im normalen Leben

"Ich möchte endlich ein normales Leben führen", stöhnt die 25-jährige Lena und blickt leidvoll in die Runde am Geburtstagstisch ihrer Mutter Kathrin. Die Freundinnen und Freunde von Mama sind ein wenig irritiert. Gertrud, eine erfolgreiche Juristin, hatte ihr schlicht die "Wie geht’s dir?"-Frage gestellt. Und nun schauen alle erstaunt und voller Neugier auf Lenas melancholisches Gesicht. Nur ihre Mutter verdreht die Augen und hebt sie zur Zimmerdecke.
"Normales Leben – was ist das denn?", hakt Gertrud nach. Lena atmet tief durch, betrachtet den Apfelkuchen auf ihrem Teller. Dann fokussiert sie die Fragende: "Ich vermute, dass für Leute wie dich ein ‚normales Leben‘ aus Arbeiten, Planen und Organi­sieren besteht. Mein ‚normales Leben‘ hat mit diesem bürgerlichen Ordnungsquatsch rein gar nichts zu tun. Ich möchte frei sein. Wenn morgens der Wecker klingelt und ich auf die Uhr schaue, will ich nicht unter dem Zwang stehen, gleich aufzustehen. Wenn mir danach ist, kein Problem! Wenn nicht, möchte ich mich um­drehen und weiter pennen. Schon in der Schulzeit hat es mich genervt, um 6.50 Uhr aufzustehen, um 7.34 Uhr in den zu Bus steigen und um 7.49 Uhr im Klassenzimmer einzulaufen."

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Mutter Kathrin unterbricht: "Das ist die Wahrheit! Jede Form von Ordnung war für Lena schon in Kinderzeiten reine Provokation! Nur wenn ich sie zwang, ging sie in den Sonntagsgottesdienst um zehn Uhr. Sie wolle da nicht eine Stunde lang zwischen Opas und Omas rumhängen, keifte sie. Dass sie ihr Abi gepackt hat und das Studium ordentlich läuft, lässt uns ebenso dankbar wie überrascht sein."

Lena nickt heftig. "Fremdbestimmte Termine sind für mich noch immer nackte Qual. Mich nervt es, wenn ich an der Uni um neun Uhr in ein ­Seminar soll. Meine beste Arbeitszeit ist ­zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens. ‚Normales Leben‘ sollte die persönliche Freiheit achten."

Warum provoziert dich ein klingelnder Wecker?

Gertruds Mann Harry, evangelischer Pfarrer, grinst fröhlich: "Liebe Lena, das ist mir nicht fremd. In meiner ­Jugend war mein Lieblingssong ‚Born to Be Wild‘ von ‚Steppenwolf‘. Meine Lieblingsstelle habe ich mir deutsch notiert: Wie ein echtes Naturkind sind wir geboren, geboren, um wild zu sein!" Die Spätjugendlichen am Tisch lachen und beginnen von den rockigen 70er-Jahren zu schwärmen. "Und deshalb bist du Pastor geworden?", fragt Lena sarkastisch.
"Ja", nickt Harry, "mein Religions­lehrer erzählte uns, dass Pfarrer keine 
geregelte Arbeitszeit hätten. Sie seien im 
Namen des Herrn tätig. Für Menschen da sein, wenn sie Seelsorge und Hilfe bräuchten. Das hat mich sehr beeindruckt. Wann ich an meiner Predigt schreibe, ist jedoch allein meine Sache." 
Das schien Lena zu interessieren.

"Du hast aber doch auch eine Riesenmenge fester Termine, wie ich aus eigener, leidvoller Erfahrung weiß. Nicht nur die Gottesdienste. Konfi-­Unterricht, Gemeindevorstand und, und, und . . .", mischte sich Gertrud ein. "Das ist nicht weniger stressig als in einer Anwaltskanzlei."

"Stimmt", erwidert Harry, "und dennoch: I feel free! Mein ‚normales‘ ­Leben ist von Ordnung begleitet, aber ohne Unterordnung. Wenn ich et­was mache, dann im Sinne Jesu Christi nicht für mich, sondern für andere. Wenn es mir doch mal zu viel wird, summe ich eben ‚Born to Be Wild‘. Und Lena, wenn du Lust hast, mit mir ein project zu entwickeln, sagen wir mal ‚Meeting Free at Midnight‘, dann komm mal auf ein Gläschen vorbei."

Lena scheint interessiert. "Und wann kann ich bei dir vorbeischauen?" – "Ruf mich an, wenn du gerade Lust hast. Wenn es nicht passt, probieren wir es halt später wieder." "Witzig", murmelt die junge Frau. Und der Pas­tor hebt sein Glas: "Lasst uns auf ein normales Leben für alle am Tisch anstoßen. Prost!"

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