Das Kunstwerk: Oskar Kokoschka, Die Prometheus-Saga (1950)

Warnung vor ­wuchtigen Aussichten
Die Technologie werde eines Tages alles beherrschen, fürchtete Oskar Kokoschka. Und er malte den Prometheus.

Da liegt der Mann, der den ­Menschen die Zivilisation brachte. Ein Titan, angekettet im öden Kaukasusgebirge, muss er sich von einem Adler die Leber anknabbern lassen. Blöd nur, dass das Organ immer wieder nachwächst. Und blöd auch, dass der ­Adler ­immer wieder zurückkommt und auf die ­Leber einhackt. Es wird noch ein ­Weilchen dauern, bis Halbgott ­Herakles ihn erlöst, den Adler erlegt und die Ketten zerschlägt. Ob Prome­theus in jenen einsamen Stunden, da ihm die pralle Sonne das Haupt versengte, seine Tat je bereut hat? Der griechischen Mythologie zufolge wird er von Götterkönig Zeus hart bestraft dafür, dass er den Göttern das Feuer stahl und es den Menschen brachte – und damit den Funken ­zündete für große zivilisatorische Errungenschaften, vom gebratenen Steak bis zur Zentralheizung.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

Für den Wiener Maler Oskar ­Kokoschka war Prometheus damit aber nicht nur Heilsbringer, sondern auch Symbolfigur menschlicher Überheblichkeit. Sein Prometheus von 1950 ist der rechte Teil eines Triptychons, eines dreigliedrigen Riesenbildes von acht Metern Breite und mehr als zwei Metern Höhe, das ­Kokoschka als Deckengemälde für das Haus eines Adeligen in London ­realisierte. Nach nur sechs Monaten war der Künstler fertig und schrieb, nachdem er seinen letzten Pinselstrich getan hatte, dieser hätte sich eher wie ein Axtschlag angefühlt.

Tatsächlich berichten Zeugen: Kokoschka beim Malen, das war ein schon grauhaariger Mann in Metzger­robe, der geradezu ekstatisch an der Leinwand entlangspringend seinen Pinsel auf den Stoff drosch. Über­quellende Farben, sich verschlingende Formen, dramatisch im Ausdruck und alles ohne große Vorskizzen, sondern von der Idee im Kopf direkt auf die Leinwand – mit Blick auf die ­Größe des Bildes eine Wahnsinnstat im positiven Sinne.

Prägende Kriegserfahrungen

Nach Jahren des Londoner Exils war der, wie die Nazis ihn genannt hatten, "Entartetste unter den Entarteten" in die Schweiz gezogen und malte, geprägt von den Kriegser­fahrungen und getrieben von der Vorahnung eines neuen, kalten Kriegs, gegen den menschlichen Drang an, sich selbst zu zerstören. Den einen galt Kokoschka damit als zu gegenständlich und zu politisch. Die anderen feierten ihn als Pro­pheten, ein österreichischer Prometheus, also im griechischen Wortsinne ein "Vorausdenkender", dessen Offenheit und 
pazifistische Haltung auch der Welt von heute guttun könnten.

Kokoschkas 
Triptychon warnt vor einer Gesellschaft, in der Kultur und persönliche Freiheit von einer alles beherrschenden Technologie unterdrückt werden. 
Der Künstler duckte sich vor der Wucht dieser Aussichten nicht weg, sondern malte kräftig dagegen an, inspiriert von den griechischen ­Mythen, aber auch von menschlicher Liebe und der Natur.

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