Marion Gräfin Yorck von Wartenburg war erfolgreiche Richterin - und sie verfolgte Homosexuelle

Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes
Die Entscheidung - Gräfin Yorck von Wartenburg

Marco Wagner

Die Entscheidung - Gräfin Yorck von Wartenburg

So ein strenger Spruch für 
den eigenen Grabstein? 
Die Gräfin hatte ihre Gründe.

Vorgelesen: Die Entscheidung "Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes"

Eine illustre Gesellschaft teilt sich den St.-Annen-
Kirchhof in Berlin-
Dahlem. Kammersänger, Diplomaten, ein Revo­lutionär (Rudi Dutschke) und ein Bundesverfassungsrichter (Martin Hirsch), Widerstandskämpfer 
wie Hans Bernd von Haeften, Theologen wie Helmut Gollwitzer. Eine akademische Provinz der Bonner Republik, ziemlich weit weg von ­Berlin-"Mitte".

Paare teilen sich Grab und Grabstein, natürlich. Bei einem Grab ist das anders. Zwei Steine, verschiedene Namen, aber auf der Rückseite durch einen Spruch verbunden: Die freundliche Hälfte steht auf dem Stein von Ulrich Biel (1907–1996): "Die Liebe ist des . . ." Weiter gehts bei Marion Gräfin Yorck von Wartenburg (1904–2007): ". . . Gesetzes Erfüllung". Was ist denn das für eine Entscheidung, wer möchte sich so der Nachwelt vorstellen, so streng? Und die zwei waren ja noch nicht mal verheiratet. Zu ihrer Zeit hat man das eine "wilde Ehe" genannt, von wegen Erfüllung des Gesetzes.

"Manchmal denke ich, ich habe erst mit 40 Jahren laufen gelernt"

Die Gräfin hatte wohl ihre Gründe. Als sie noch 
Marion Winter hieß, heiratete sie 
Peter Graf Yorck von Wartenburg, ­einen Adligen, der zum Kreisauer Kreis gehörte, jener Widerstandsgruppe, die schon ab 1940 Pläne für eine politische Neuordnung nach der Hitler-Diktatur schmiedete. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurden die meisten Mitglieder festgenommen, verurteilt, hingerichtet. Auch Peter Graf Yorck von Wartenburg. Seine Asche zerstreute der Wind.
Die überwiegend bürgerlichen Ehefrauen dieser adligen Widerständler hielten, wie es damals hieß, ihren 
Männern den Rücken frei, wuchsen praktisch hinein in den Edelmut. Ma
rion Gräfin Wartenburg, preußisch er­zogen, hatte Jura studiert, promoviert – aber mit dem Zeitunglesen begann sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Manchmal denke ich, ich habe erst mit 40 Jahren laufen gelernt", schrieb sie im Rückblick. Für sich stellte sie rasch die Weichen Richtung Recht und Ordnung. Sie fing an zu arbeiten, im Magistrat der noch ungeteilten Stadt. Sie traf Ulrich Biel, einen Berater des amerikanischen Kommandanten, der später der CDU beitrat und auch Konrad Adenauer beriet. Sie machte ihren Assessor, wurde Richterin, übernahm 1952 als erste Frau in Deutschland den Vorsitz eines Schwurgerichts, leitete eine Große Strafkammer, als Land­gerichtsdirektorin.

Sie wendete konsequent den sogenannten "Schwulenparagrafen" an

Die Liebe und das Gesetz. Mit ­Ulrich Biel lebte Marion Gräfin Yorck von Wartenburg bis zu dessen Tod ein halbes Jahrhundert zusammen, und doch fühlte sie sich noch mit Peter verheiratet – und dessen konservativem Milieu verbunden. Sie blieb ­eine Widerstandswitwe. Und wurde eine strenge Richterin. Tat­sache ist: Sie wendete konsequent den sogenannten Schwulenparagrafen an, dessen von den Nazis verschärfte Fassung noch bis 1969 galt, bis die Richterin in Pension ging. Und sie fand nichts dabei, homosexuellen Verfolgten des Naziregimes und KZ-Insassen die Anerkennung als NS-Opfer und damit Entschädigungszahlungen zu verweigern.

"Gräfin Yorck verband ihre Tätigkeit als Juristin mit einer 
rigiden antiliberalen Haltung, die sie offenbar auch als weltanschauliches Erbe des Kreisauer Kreises begriffen wissen wollte", schrieb der Historiker Andreas Pretzel, der die Schicksale der homosexuellen NS-Opfer nach 1945 aufgearbeitet hat. Damit passte die Richterin gut in die Adenauer-Ära. Obwohl ihre strengen Urteile auch damals so umstritten waren, dass man ihr anbot, in die Senatsverwaltung zu wechseln. Was sie aber ausschlug. Der Spruch von der Liebe und dem Gesetz stammt übrigens aus der ­Bibel. Paulus schrieb ihn an die 
Römer, quasi als eine Kurzfassung der Zehn Gebote. Liebst du, dann kannst du deinem Nächsten nichts Böses tun. So oder so eine erstaunliche Wahl für einen Grabstein. Wer davor steht, zuckt irgendwie zusammen . . .

Infobox

Ihr eigenes Leben hat Marion Gräfin Yorck von Wartenburg der Journalistin Claudia Schmölders erzählt, als sie selbst schon alt war. "Die Stärke der Stille. Erinnerungen an ein Leben im Widerstand"  ist erstmals 1987 erschienen. Es enthält auch die Briefe, die Peter Yorck von Wartenburg seiner Frau geschrieben hat.
Das Buch des Historikers Andreas Pretzel heißt "NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945" (Münster 2002, 360 Seiten, 25,90 Euro).

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Lesermeinungen

Der Beitrag Ihrer stellvertretenden Chefredakteurin Anne Buhrfeind im Heft 2/2019 (S. 32) befremdet mich sehr. Das ist mehr Frauenzeitschrift als Chrismon. Das schlendert sie über den Dorffriedhof in Dahlem und reibt sich an der Grabinschrift mit der zutiefst christlichen Aussage "Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung" um dann nach 50 Jahren den Versuch zu machen, Schatten auf das Leben der Witwe des Widerstandskämpfers Graf Yorck von Wartenburg, der Dr. Marion Gräfin Yorck von Wartenberg zu werfen, die 2007 im Alter von 102 Jahren gestorben ist. Ich war einer Ihrer letzten Beisitzer in der Jugendstrafkammer 9 des Landgerichts Berlin, bevor sie 1969 in den Ruhestand gegangen ist. Ihr jetzt die Verfolgung Homosexueller während ihrer richterlichen Tätigkeit vorzuwerfen, ist schlicht unredlich. Der kurze Beitrag wird der Zeit und ihrem Leben nicht gerecht. Die §§ 175, 175a StGB haben damals vor dem Bundesverfassungsgericht Stand gehalten.
Erst im Juni 1969 , also zum Ende der richterlichen Tätigkeit der Gräfin Yorck, wurde der § 175 StGB reformiert. Das Totalverbot homosexueller Handlungen wurde aufgehoben, aber sexuelle Handlungen mit einem Unter - 21-jährigen , homosexuelle Prostitution und Ausnutzung eines Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnisses blieben strafbar aus Gründen des Jugendschutzes strafbar. Gräfin Yorck von Wartenberg war eine strenge Richterin, das hat sie auch selbst von sich gesagt. Aber sie war eine vorbildliche Richterpersönlichkeit. Ihr Handeln war immer von Recht und Gerechtigkeit geprägt. Ihre Prozessführung war fair. Sie hat meine spätere richterliche Tätigkeit geprägt. Dafür bin ich ihr dankbar.

Mit Interesse habe ich in der letzten Chrismon Ausgabe Ihren Artikel über Marion Gräfin York von Wartenberg gelesen und möchte folgenden Anmerkung zu Ihrer Ausführung, konkret Ihrem Textteil "Nach dem Attentat vom 20.Juli 1944 wurden die meisten Mitglieder festgenommen, verurteilt, hingerichtet. Auch Peter Graf York von Wartenberg. Seine Asche zerstreute der Wind", anmerken.
Abgesehen davon, daß Sie Ihren Artikel das Leben und Wirken von Frau Marion Gräfin York von Wartenberg behandelt, impliziert Ihre Aussage einen "vermutlich wohl wollenden Akt der Hinterbliebenen, oder auch der an diesem Verbrechen beteiligten Nazis"!?!
Es ist aber davon auszugehen, daß die Richtenden und Anführenden dieses Aktes eine perfide andere Motivation hatten. Hintergrund diesen Handelns der Ausführenden war es, wie ich vor einiger Zeit bei einer Friedhofsführung beispielhaft am Denkstein für Claus Schenk Graf von Stauffenberg erfahren habe, daß Andenken an aller am Attentat Beteiligten, denen ich meinen hohen Respekt schulde, für immer zu tilgen und damit zu verhindern, daß die ja in mehreren Wellen ermordeten nachträglich noch zu Märtyrern und Helden gemacht werden würden. So wurde ja dann auch noch Dietrich Bonhoeffer kurz vor Kriegsende in Flossenbürg ermordet.
Meine dieses bestätigende Info dazu aus dem Internet: "Todesursache: Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde nach dem misslungenen Staatsstreich vom 20. Juli 1944 mit anderen Teilnehmern des Putsches im Hof des Bendlerblocks standrechtlich erschossen. Nachdem sie ursprünglich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Berlin bestattet wurden, ließ man sie später exhumieren und verbrennen und die Asche über den Rieselfeldern Berlins verstreuen."
Nach dem Lesen Ihres Artikels war es mir nun wichtig, Ihnen diesen Fakt zur Kenntnis zu geben!