Rapperin Lady Bitch Ray über ihr Leben als Musikerin und Wissenschaftlerin

"Mein Gott ist eine Göttin"
Fragen an das Leben - Lady Bitch Ray

Dirk von Nayhauß

Reyhan Şahin ist Lady Bitch Ray - Rapperin und Wissenschaftlerin

Fragen an das Leben - Lady Bitch Ray

Die Rapperin Lady Bitch Ray provoziert, die Wissenschaftlerin Reyhan Şahin geht ihren Weg. Und die Feministin glaubt – an eine Frau.
Deutschland spricht 2019

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Ich fühle mich immer lebendig! Als Wissenschaftlerin forsche ich, als Aktivistin mische ich mich in politische Themen ein, als Musikerin schreibe ich Songs, drehe ­Videos – das alles muss sich im Level halten. Und wenn das Tempo zu schnell wird, stoppe ich’s. Dann guck ich einfach aus dem Fenster. Das habe ich früher als Kind viel gemacht: aus dem Fenster gucken und den Moment genießen.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Ich bin muslimische Alevitin, Gott wurde mir immer als eine Art Mensch mit Bart beschrieben. Als ich älter war, habe ich gesagt: "Woher wisst ihr eigentlich, dass es ein Mann ist, hat ihn wer gesehen?" Mein Gott ist eine Frau: eine Göttin der Gerechtigkeit! Nähe zu ihr spüre ich in Momenten, in denen es mir schlecht geht. In denen ich Gerechtigkeit fordere, ich fühle mich dann beschützt. Ich bete auch. Wenn es mir nicht gut geht, aber auch um mich zu besinnen. Letztlich ist es egal, ob jemand ­Alevitin ist, Christ oder Jüdin. Viel wichtiger ist es doch, gut und ­gerecht zu bleiben. Ich kenne Atheistinnen, 
die sind die tollsten Menschen. Und Gläubige, die echt böse sind.

Lady Bitch Ray

Reyhan Şahin, ­geboren 1981, begann als 15-Jährige zu ­rappen. Bekannt ­wurde die Tochter ­türkischer ­Einwanderer als Lady Bitch Ray. Sie provozierte – mit radikal­feministischen ­Liedern wie 
"Ich hasse dich", "­Deutsche Schwänze" oder Talkshow-­Auftritten. Zuletzt ­veröffentlichte sie die Songs "Cleopatra" und "Bitchanel". ­Neben ihrer Karriere als Musikerin studierte Reyhan Şahin Linguistik und ­Ger­manistik und ­promovierte über "Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland" (ausgezeichnet mit dem Deutschen Studien­preis 2013). Von 2014 bis 2017 forschte sie zu islamischer Religiosität in sozialen Netz­werken Deutschlands. Reyhan Şahin/ Lady Bitch Ray lebt in Hamburg.
Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Muss man den Tod fürchten?

Ich war ihm schon nahe, ich fürchte ihn nicht. Man hört doch manchmal: Der X sah im Tod traurig aus. Oder: Die Y sah so glücklich aus, die ist einfach eingeschlafen. Ich glaube, das hat damit zu tun, wie man gelebt hat. Und wenn man gerecht war in seinem Leben, braucht man den Tod nicht zu fürchten. Klopft er zu früh bei mir an, würde ich rufen: "Geh weiter, liebe Göttin, ich hab noch ein paar Sachen zu erledigen!"

"Wichtig ist auch, sich selbst zu lieben"

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Geschwisterliebe, partnerschaftliche Liebe, Tierliebe, freundschaftliche Liebe, Liebe mit Sex oder ohne – all das macht mich glücklich. Wichtig ist es zu lernen, ­Liebe ­anzunehmen und zu geben. Und auch sich selbst zu ­lieben. Das kann ich mittlerweile.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Fehler ist gleich Schuld – so bin ich aufgewachsen. Total schrecklich so was. Heute nehme ich das innere Kind an die Hand und sage: "Du musst dir nicht die Schuld ­geben, bleib locker. Du lernst jetzt daraus und versuchst, das künftig zu vermeiden." Und Entschuldigungsgespräche sind eine meiner besten Künste!

"Ich will Menschen zeigen, dass sie ihre Träume leben können"

Wer oder was hilft in der Krise?

Ich hatte schon einige Depressionen. Minuten-, ja stunden­lang negative Gedanken, Angst-, Panikattacken, ohne sie kontrollieren zu können. Heute weiß ich, dass es 
wieder weggeht. Allein schafft man es nicht, man braucht professionelle Hilfe. Man muss raus aus dem Sog, und wenn die Familie Teil des Problems ist, tut ­Distanz gut. Mir haben tolle Gespräche geholfen, auch mit ­fremden Menschen. Ich habe mal im Park eine alte Frau getroffen. Sie erzählte mir vom Krieg und wie sie zerbombt wurden, ich erzählte ihr von meiner ­Depression. Da hab ich mir vorgestellt: Innen Hölle und außen auch – das wäre ja noch schlimmer! All ­diese schönen Begegnungen habe ich gesammelt, wie in einem Korb, das hat mich wieder gesund gemacht. Wegen der Depression musste ich ­meine Doktorarbeit unterbrechen. Als ich es schließlich nach Jahren geschafft und die Disputation hinter mir hatte, war ich wieder im Park. Und ich dachte: "Danke, liebe Göttin der Gerechtigkeit, ich bin gesund, und ich kann leben." Ich hatte so eine Ruhe im Kopf.

Welchen Traum möchten Sie sich unbedingt erfüllen?

Ich möchte das sein, was ich bin: Musikerin und Wissenschaftlerin – und zum Thema Rechtspopulismus, Islam und Gender habilitieren. Vielen Menschen gebe ich Power: migrantischen Frauen, Queers, Leuten, die ausgegrenzt sind, die anders sind. Denen möchte ich zeigen, dass sie ­ihre Träume leben, dass sie akzeptiert und anerkannt werden können.

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