Pflegeheim statt eigener Wohnung

Sie gab ihren Mann ins Heim
Anfänge - Sie gab ihren Mann ins Heim

Simon Koy

Anfänge - Sie gab ihren Mann ins Heim

Sie war elf Jahre immerzu für ihn dagewesen. Nun ging es nicht mehr

Eva Falter:

Dass ich dir das antun muss", hat er oft zu mir gesagt. Das tat mir einerseits gut, weil er meinen Einsatz damit würdigte. Anderer­seits belastete es mich. Ich wollte nicht, dass er sich deswegen auch noch 
Sorgen machte. Er hatte genug damit zu tun, seine Gebrechlichkeit und seine Krankheiten zu ­akzeptieren. Mein Mann hatte nie zur Last fallen wollen.

Begonnen hat sein Leidensweg 2006 nach einer Hüft­operation. Danach war die Prothese vier Mal ausgerenkt, gebrochen, musste einzementiert werden. Darmkrebs kam dazu, dann hatte er eine Sepsis, weil ein Loch in der Darmwand war. Dazu kam eine schwere Nervenerkrankung.

Treppenlift, Krankenbett, Pflegekräfte, all das war nun Alltag. Ich fuhr ihn mehrmals in der Woche zur Physio, zur Chemo, ich lernte, den Zugang zu spülen, ich war jedes Mal mit auf Reha. Ich war immer da für ihn, auch als er zunehmend unruhig wurde, weil zusätzlich Alzheimer ausgebrochen war.

Als die Demenz fortschritt, wurde er schnell unleidig, Freunden und auch mir gegenüber. Ein kritischer Mensch ist er seit jeher gewesen, aber vor allem war er großzügig und ließ mir alle Freiheiten. Er vermittelte mir immer den Eindruck, dass ich für ihn die einzig Richtige sei.

Einmal warf er eine Flasche nach mir

Einmal ist er nachts rabiat geworden, haute mit dem Stock auf alles Mögliche ein. Er erkannte mich nicht, warf eine Flasche nach mir. Er hatte Panik und ich Angst. ­Hätte ich allerdings geahnt, dass er dann für sechs ­Wochen in der geschlossenen Psychiatrie bleiben muss, hätte ich ­niemals den Notarzt gerufen. Ich dachte, dass er nur ­medikamentös neu eingestellt wird.

Als mein Mann dann wieder mal im Krankenhaus lag, mit einer Lungenentzündung, träumte ich davon, einmal ganz unbelastet ein paar Tage Zeit nur für mich zu haben. Meine Freunde und die Menschen, mit denen ich mich beriet, hatten mir schon lange nahegelegt, meinen Mann einige Tage in eine Kurzzeitpflege zu geben. Erst im Rückblick wird mir klar, dass ich fast nur noch für meinen Mann und sein Wohlergehen gekämpft habe.

Eines Tages, als ich ihn füttern wollte, hat er den Mund einfach nicht aufgemacht. Ganz kurz hatte ich den Wunsch, ihm die Suppe ins Gesicht zu schütten. Ich bin rausgerannt, entsetzt über mich. Es war wohl so weit.

"Du bist hier auf Reha", log ich ihn an

Tagelang telefonierte ich herum, bis ich ein gutes Haus fand. Ich sagte zu meinem Mann: Du bist hier auf Reha, wenn du gut mitarbeitest, kommst du bald wieder nach Hause. Ich habe ihn angelogen. Ich sah, dass mein Mann dort besser rund um die Uhr gepflegt werden konnte, dass er auch mehr Abwechslung hatte. Es war nicht alles gut – mal fehlten T-Shirts, dann bekam er Milchprodukte, die er nicht verträgt. Als Angehörige will man halt das Allerallerbeste. Aus der Kurzzeitpflege wurde ein Jahr.

Ich hatte solche Gewissensbisse, und natürlich bin ich nicht weggefahren, damals im August 2017. Ich war jeden Tag dort, bis die Schwestern meinten, ich müsse ihn ­ankommen lassen. Da hatte ich mich wohl schon entschieden, meinen Mann im Heim zu lassen, auch wenn ich mich oft sehr schlecht fühlte, weil ich ihn ja irgendwie einfach abgegeben hatte. Ich überlegte hin und her, ob es nicht doch Möglichkeiten gab, ihn wieder nach Hause zu holen. Aber es war nicht mehr zu schaffen. Wir haben ihn zum Beispiel einfach nicht mehr in die Dusche gebracht, die Tür war für den Rollstuhl zu schmal, stehen und ­laufen konnte er ja nicht mehr.

Im August 2018 ist mein Mann gestorben, im Kranken­haus. Ich war und bin mehr traurig als erleichtert. Eigentümlich, dass ich mich an meinen Mann ganz konkret nur im letzten Jahr im Heim erinnern kann, an die Zeit, in der er so sehr leiden musste. Alles andere – die Gemeinsamkeiten, die Reisen, das normale Leben mit ihm – ist derzeit weit weg.

Ich rede noch immer mit meinem Mann, und vor ein paar Tagen hat er gesagt: "Eva, mach noch etwas aus ­deinem Leben, du darfst es wieder genießen." Alle Trauer und Niedergeschlagenheit waren für eine Zeit ver­schwunden. Ich spürte sogar eine körperliche Beschwingtheit. Und dann hatte ich einen wunderschönen und besonderen Tag. Ich war viel draußen mit unserem Hund und habe mich endlich einmal frei gefühlt.

Protokoll: Beate Blaha
 

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