Betrug im Journalismus: Der Fall Claas Relotius

Vertrauen muss es weiter geben
Ein Reporter beim "Spiegel" fälscht und erfindet systematisch Reportagen. Ein Schock für die Branche - und ein Weckruf.

Wir in der Redaktion chrismon sind heute mit einem Kater aufgewacht. Nein, nicht nur, weil gestern Weihnachtsfeier war. Sondern wegen des Falles Relotius. Wegen der Wahrheit, dem Glauben, dem Vertrauen – für uns als evangelisches Magazin sind das echte Trigger. Und jetzt stellen wir uns Fragen, die wir (Stand heute – drei Tage vor Weihnachten) nicht alle beantworten können. Aber gerne mit Ihnen und Euch, unseren Lesern teilen wollen.

Fangen wir mit Weihnachten an. Die Weihnachtsgeschichte, von der Theologen und christliche Archäologen nur einen kleinen Teil faktisch belegen können, wird an Heiligabend ihren Zauber und ihre Kraft entfalten wie jedes Jahr. Ich bin vor einiger Zeit mit dem Archäologen Dieter Vieweger und einem Trupp von Journalisten durch Jerusalem gelaufen und habe verstanden: Vieles ist geschummelt, sagen wir: literarisch bearbeitet  in der Bibel. Die Lage von Golgatha? Ein Rätsel. Via Dolorosa? Da kam Jesus nie vorbei. Das macht aber nichts. Die innere, die entscheidende Wahrheit hält sich seit 2000 Jahren, egal ob die Krippe vielleicht nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth stand. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte.

Die Reportage, das Feature, das Porträt hält nicht 2000 Jahre

Wir sollten ab sofort trennschärfer in den journalistischen Kategorien sein. Kollege Reinhard Bingener von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat es treffend gesagt: "Der Fall #relotius sagt auch etwas über einen Journalismus aus, in dem sogenannte Geschichten als Leitwährung gelten. Die Wirklichkeit liebt es nicht, sich als 'Geschichte' zu präsentieren, dafür ist sie nämlich meist zu banal."

Wir sollten über Reportagen und Porträts wieder sagen: Das ist eine Reportage – wo war der Reporter? War er wirklich dabei, dann schreibe er bitte den Ort, die Zeit und gegebenenfalls das Präteritum dazu. Nicht dieses pseudoliterarische, feuilletonistische, im Präsens gehaltene Schönschreib, das sich in unserem Gewerbe so breitgemacht hat. Die Reportage, das Feature, das Porträt hält nicht 2000 Jahre. Es ist ja nur eine Reportage, mit Verfallsdatum.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Wir haben gestern auf unserer Weihnachtsfeier natürlich auch die Erfolge des vergangenen Jahres gefeiert, dazu gehören Journalistenpreise. Auch chrismon bewirbt sich um Preise und gewinnt sie ab und zu. Aber das schale Gefühl, das wir - wie alle Magazine – bisweilen haben bei diesem Eitelkeitszirkus, ist heute morgen in einen Würgereiz übergegangen. Ganz schön korrupt ist das Gewerbe der Journalistenpreise, die oft von großen Firmen gesponsert werden, die das aus ihrem Marketingetat bezahlen. Ich kenne Kollegen, die systematisch die Ausschreibungen der Preise abklappern und dann gezielt Reportagen schreiben, die den Bewerbungskriterien genügen. Nein, ich möchte keinem von denen jetzt unterstellen, dass sie lügen und betrügen. Aber die Verführung ist groß.

Keine Misstrauenskultur etablieren

Ist chrismon gefeit vor einem Betrüger? Ganz bestimmt nicht. Auch wir sind schon mindestens einmal einer gelogenen "Geschichte" aufgesessen – ich will das Wort ein letztes Mal benutzen, denn am Ende war es leider eine Lügengeschichte. Eine Frau hatte behauptet, sie leide an Krebs und habe nur noch wenige Wochen zu leben, wir schrieben über ihre beste Freundin, die ihr Wünsche erfüllte. Die Freundin war einer Lügnerin aufgesessen und wir somit auch. Ob wir jemals eine ähnlich erfundene Geschichte eingekauft haben wie die zahlreichen Reportagen, die Claas Relotius erfunden hat – ich hoffe nicht. Wir haben eine Dokumentationsabteilung, die hat der Spiegel auch. Die Kolleginnen und Kollegen setzen sich neben uns Schreibende, fordern unsere Spiralblocks und unsere Post-its an und gehen Fakt für Fakt den Text mit uns durch. Aber natürlich kommt bei jeder Recherche der Punkt, an dem die Dokumentarin dem Reporter auch trauen muss: "Und dann seid ihr also da reingegangen, und der hat das gesagt?" Ja, dieses Vertrauen muss es weiter geben. Ich möchte hier – trotz allem, was passiert ist - keine Misstrauenskultur etablieren.

chrismon ist oft in einem Zielkonflikt. Nehmen Sie die aktuelle Titelgeschichte, penibel recherchiert und wahr und wahrhaftig. Dafür steht unsere Chefreporterin mit ihrer Expertise, dafür steht aber auch der junge Mann mit Namen und Foto. Unverantwortlich, schreiben uns Leser, man hätte ihn anonymisieren müssen. Hätten wir das gemacht, könnten jetzt andere kommen und sagen: Ist doch alles schön erfunden zu Weihnachten.

Wenn die Fakten nicht sprechen, die Geschichte nicht drucken

Was können wir tun? Das journalistische Handwerk hochhalten, unsere Journalistenschulen, die Evangelische und alle anderen, ordentlich ausstatten, damit Recherche eingeübt wird und journalistische Genres. Unseren RedakteurInnen und AutorInnen so viel Zeit geben, dass sie wirklich vor Ort recherchieren und nicht aus Verlegenheit – weil im Block so wenig ist – anfangen zu fabulieren. Streng sein beim Redigieren, den Kitsch rausstreichen, wo die Fakten für sich sprechen. Und wenn die Fakten nicht sprechen, die Geschichte nicht drucken.

Und dennoch das Vertrauen nicht verlieren. In unsere AutorInnen. Und in unsere Branche, dass sie das wieder hinkriegt.

Leseempfehlung

Reden, Schreiben, Sprachgefühl – in der chrismon-Redaktion immer ein Thema! Andrea Wicke und Robin Bierbrauer im Gespräch

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.