Beseelte Pflanzen

Haben Bäume 
eine Seele?
Illustration zum Thema, Haben Bäume eine Seele, heruntergefallene Tannennadeln vom abgeräumten Weihnachtsbaum auf hellblauen Hintergrund

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger 01_2019, Bäume, Lisa Rienermann

Ja, klar. Auch wenn wir den nadelnden Tannenbaum achtlos rauswerfen. Was Menschen von Maschinen unterscheidet, 
ist das, was sie mit Tieren und Pflanzen verbindet 


Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Haben Bäume eine Seele?"

Die Bewohner der ­Neuen Welt, die Indios, hätten keine Seele, behaupteten Theologen aus einer Kommission, die Karl 
V. Mitte des 16. Jahrhunderts zu­sammengerufen hatte. Diese Theo­logen verfolgten vor allem ein Ziel: Dass die Menschenschinder in Latein­amerika ungehindert andere Menschen ausbeuten und vernichten 
konnten. Und damit setzten sie sich durch. – Wer anderen abspricht, 
dass sie eine Seele haben, will diese Menschen verfügbar machen, sagt der Theologe Fulbert Steffensky.

Dank der stark anwachsenden Speicherkapazität von Computer­chips sei es bald möglich, Humanoiden herzustellen, die Menschen gleich und sogar überlegen seien. 
Das behaupten einige Erforscher Künstlicher Intelligenz. Andere wider­sprechen: Computer könnten lediglich simulieren, was der Mensch glaubt, Tieren und Pflanzen voraus­zuhaben: Intelligenz. Sie können rechnen, Schach spielen und Grammatik lernen, und das alles sogar ­
viel besser als Menschen. Aber sie sind Werkzeuge, von Menschen programmiert und für Menschen ver­fügbar. Beseelt sind sie nicht.

Was Menschen, Tiere und Pflanzen den Rechnern voraushaben

Was Menschen von Maschinen unterscheidet, ist nicht das, was sie glauben, Tieren und Pflanzen voraus­zuhaben. Es ist das, was sie mit 
Tieren und Pflanzen verbindet. Von einer gestuften Ähnlichkeit der ­Arten sprechen Evolutionsforscher: Die ­Arten unterscheiden sich eben nicht grundlegend voneinander, auch nicht die Menschen. Alle Lebewesen ­wachsen, sind reizbar, haben einen Überlebenswillen, Stoffwechsel und den Trieb, das eigene Erbgut an die nächs­te Generation weiterzugeben.

Kein Computer kennt das Ver­langen nach Nahrung. Kein Rechenprogramm der Welt kann die sinnliche Qualität von Lust und von Schmerz nachbilden. Bei keiner ­Maschine hängt die eigene Existenz vom Wohl der Sippe ab, vom Rudel oder vom Superorganismus.

Frühere Generationen nannten das, was Menschen von anderen ­Lebewesen unterscheidet, "Geist". Und auch für das, was allen Lebewesen gemeinsam ist, hatten sie ein Wort: "Seele".

Daher sagen Buddhisten: Alles Leben ist Leiden. Daher lassen einige Psalmensänger aus der Bibel gleich ­alle Bewohner der Erde und der Meere Gott loben. Deshalb hieß Jesus von Nazareth seine Jünger, sich die Vögel und die Blumen auf dem Felde in ihrer Sorglosigkeit zum Vorbild zu nehmen. Und deshalb soll Franz von Assisi auch den Vögeln und Feld­tieren gepredigt haben.

Ist uns das Wissen der landwirtschaftlich dominierten Gesellschaft abhanden gekommen?

Man kann es als naiv abtun, wenn Menschen Bäume für beseelt halten. Diese Haltung kann aber auch der alltäglichen Naturbeobachtung in ­einer landwirtschaftlich dominierten Gesellschaft geschuldet sein. Einer ­Beobachtung, die der industriali­sierten und verstädterten Menschheit irgendwann abhandengekommen ist.

Die Verachtung der alten ­Spanier gegenüber den Indios zeigt: Die Frage, ob auch Tiere und Pflanzen ­
eine ­Seele haben, kann schnell ­unsachgemäß und ideologisch beantwortet ­werden. Wer sich die Natur unterwirft, massen­haft Tiere züchtet und schlachtet, große Ackerflächen bebaut und Pflanzen ausreißt, Wälder 
rodet, das Holz verarbeitet und verbrennt, für den ist der Gedanke, dass all diese Lebewesen eine Seele haben, verstörend. Er tut ihn am liebsten als Hirngespinst ab. Der Gedanke erscheint allzu lebensunpraktisch.

Denn was folgt aus der Erkenntnis: Dass das Leben ein einziges Fressen und Gefressen-Werden ist? Oder dass wir mehr Ehrfurcht vor anderem ­Leben haben sollten – wie der Theologe Albert Schweitzer einforderte? Nur: Wie soll das gehen?

Wie auch immer lebenspraktisch die Antwort ausfällt: Die Frage, ob Bäume eine Seele haben, zielt erst einmal nur darauf ab, ob sie einen Überlebenswillen verspüren und ob sie überhaupt empfinden können. Brauchbare Hinweise, um diese Frage zu beantworten, bekommt man aber nicht von Holzfällern, Tannenbaumverkäufern und Kaminfreunden. Sondern eher von frei forschenden Biologen, die keinerlei Verwertungsinteresse verfolgen.

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Lesermeinungen

"Wer anderen abspricht, dass sie eine Seele haben, will diese Menschen verfügbar machen.". Vorstellig gemachte Begründung: Theologische Einschätzung der Indios im 16. Jahrhundert.

Als Ausbeutungsschutz also jedermann eine Seele zuweisen? Und gleich noch eins draufsetzen und allen Lebewesen, am besten auch Yersinia pestis , dem Pestbakterium, eine Seele andichten? Vielleicht auch den Mineralien und Gesteinen, um die Rohstoffgewinnung moralisch in den Griff zu kriegen?

Wie wäre es denn mal damit, mit diesem ganzen gefährlichen Unsinn aufzuhören und insbesondere davon abzusehen, Menschen eine Seele anzudichten? Dann hätte der Theologentrick mit den Indios nämlich nicht funktioniert.

Traugott Schweiger

Sehr geehrte Traugott Schweiger

Es gibt doch einen Perspektivwechsel, wenn Sie ihn wagen. Bei einer Wendung der Textaussage, wenn Sie ihn für sich zulassen:

>Wer anderen zuspricht, dass sie eine Seele haben, will diese Menschen nicht verfügbar machen.<

Ihre Aussage dazu in der Wendung:

"Als Ausbeutungsgrund also niemand eine Seele zuweisen? Und nicht gleich ein weiteres draufsetzen und keinem Lebewesen, am schlechtesten auch Yersinia pestis, dem Pestbakterium, keine Seele zusprechen? Sicher auch nicht den Mineralien und Gesteinen, um die Rohstoffgewinnung unmoralisch in den Griff zu kriegen?
Wie wäre es denn mal damit, mit diesem ganzen ungefährlichen Sinn anzufangen und insbesondere zu sehen den Menschen eine Seele anzudichten? Dann hätte die Theologeneinsicht mit den Indios nämlich funktioniert."

Machet euch die Erde untertan heißt für mich und viele andere sicher auch, dass wir unsere Erde schützen können und sollten. Und achtsam mit den Ressourcen - auch mit Flora und Fauna - umzugehen.
Und wer ein Tier und eine Pflanze in der Natur beobachtet und seine Faszination dafür behält, wird unter Umständen glücklicher sein mit sich und der Welt. Sowie ein Stück Seele von sich und der Welt behalten.

Das mit dem "Theologentrick" habe ich im übrigen nicht verstanden...

Mit vielen Grüßen, Dagmar Gaertner

Es gab damals Streit um die Frage des moralisch korrekten Umgangs mit den Indios. Damals wie heute waren und sind die Theologen die Moralfachleute. Heute sitzen sie in vom Staat eingerichteten Ethikkommissionen und geben fachmännische und fachfrauliche Auskünfte, was die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen gefälligst zu tun und zu lassen haben.

Genau dazu berief damals der Kaiser eine Kommission ein. Die war mehrheitlich der Meinung, die Indios besäßen keine Seele. Diese theologisch fundierte Expertenmeinung traf sich günstig mit den Absichten, die die führenden katholischen Kreise in den neu entdeckten Erdgegenden verfolgten.

Weder der Kaiser noch die Theologen und auch nicht die katholischen Herrscherhäuser wollten tricksen. Sie alle wollten aber moralisch sauber sein. Das Ergebnis waren ziemlich viele tote, kranke oder verelendete Indios.

Von Trick spreche ich deswegen: Den Indios konnte nach reiflicher theologischer Erörterung nur deswegen eine Seele abgesprochen werden, weil den Nichtindios eine Seele schon seit der Antike zugesprochen worden war. Die Erfindung der Seele - kein ausschließlich christlicher Einfall - war der Fehler. Die Aberkennung der Seele für die Indios war ein naheliegender Folgefehler.

Jetzt etwas klarer? Wenn nicht, bitte wieder melden!

Traugott Schweiger

Sehr geehrte Frau Traugott Schweiger

Die Intention meiner ersten Antwort und den Versuch Ihnen mit der Umkehr der Satzaussage Ihrer Ausführungen etwas für mich Entscheidendes mit auf den Weg zu geben, ist von Ihnen gar nicht zur Kenntnis genommen worden.
Das finde ich bemerkenswert; aus einem für mich wesentlichen Grund bemerkenswert:
Im ursprünglichen Artikel geht es gar nicht um Fragen von Moral in Ihrem dargelegten Sinne.
Es geht um das Wesentliche des Menschseins und das, was die Erde und die Schöpfung ausmacht.

Die theologische Beurteilung steht mir nicht an, da ich keine Theologin bin.

Als Mensch gebe ich Ihnen zu verstehen, dass es sehr wohl einer Kenntnis und Anerkennung von "Seele" bedarf. Sonst wären wir ja genau die im Artikel beschriebenen Computer oder wesenlose Gestalten.

Mit freundlichen Grüßen, Dagmar Gaertner

Sehr geehrte Frau Dagmar Gaertner,

1.) Sie interessieren sich für das "Wesentliche des Menschseins". Das finde ich interessant. Wenn es das Wesentliche des Menschseins gibt, muss es auch Unwesentliches des Menschseins geben. Was ist denn bitte am Menschsein unwesentlich?

2.) Um Menschen und Computer unterscheiden zu können, soll es der Seele bedürfen. Nein, der Computer arbeitet schlichtweg nicht, wenn sein Akku leer ist und er nicht am Stromnetz angeschlossen ist. Die lieben Menschen bringt man jedoch mit Moral und salbungsvollen, nach Tiefsinn riechenden Sprüchen noch immer zum Arbeiten. Mein Computer fliegt darauf nicht rein. Diesen Unterschied zwischen Menschen und Computern finde ich bemerkenswert.

Mit interessierten Grüßen

Traugott Schweiger