Kunstwerk

Richard Mosse Madonna and Child, 2012, From the series "The Enclave", Courtesy of the Artist, Carlier / Gebauer, Berlin and Jack Shainman Gallery, New York

Kunstwerk

Das Kunstwerk: Richard Mosse, Madonna and Child (2012)

Geschlechter vertauscht
Die heilige Jungfrau ist ein Soldat. Und der Heiland: ein Mädchen! Madonna mit Kind nennt der Fotograf Richard Mosse sein Bild aus dem Kongo.

Vertraute Fremde – so lassen sich die Figuren auf diesem Bild wohl am treffendsten be­zeichnen. Zwar sind die beiden Menschen hier Unbekannte, aber das Arrangement ist ein Evergreen der Kunstgeschichte und Museums- wie Kirchgängern gleichermaßen bekannt: im Zentrum eine erwachsene Behüterfigur, die liebevoll ein Baby hält. Der undefinierte Hintergrund sorgt für zusätzlichen Fokus auf die beiden Hauptdarsteller.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

Wer immer noch rätselt, muss nur den Titel lesen und weiß, welches Motiv der irische Fotograf Richard Mosse zum Vorbild wählte: Madonna and Child von 2012. Interessant wird das Ganze im Kontrast zur berühmten Vorlage. Denn die Madonna ist bei Mosse ein kongolesischer Soldat, der während einer Feuerpause seine kleine Tochter trägt. Ist der nächste Heiland also eine Heilandin aus Afrika?

Noch etwas fällt auf neben dem Geschlechtertausch: Für gewöhnlich ist die postnatale Madonna mit den Augen ganz bei ihrem unbefleckt Em­pfangenen. Der Betrachter wird zum Voyeur einer Szene voll Geborgenheit und Liebe. Bei Mosse hingegen sucht die männliche Madonna den Augenkontakt nach außen. Trauer, Verzweiflung, vielleicht sogar Anklage liegen in diesem Blick.

Madonna im Kriegsgebiet

Und auch der Hintergrund hat wenig gemein mit Floristenromantik und sanftem Weichzeichner. Denn der Dschungel von Kivu ist Kriegsgebiet und für die Dargestellten die Hölle auf Erden. Für die grellen Lila- 
und Pinktöne sorgt die spezielle Filmtechnik des ­Fotografen, Mosses Markenzeichen. Seit Jahren schon reist der Ire in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Erde, zu den gefährlichsten Flüchtlingsrouten auf dem Balkan und in den Niger oder dokumentiert die Lage und die Lager der Gestrandeten, der Ausgegrenzten und Hilfesuchenden.

Mosse filmt und fotografiert diese Orte mit der an ihnen eingesetzten Militärtechnologie. Das heißt: Er nimmt Flüchtlinge auf mit den Wärmebildkameras, die Grenzsoldaten verwenden, um jene aufzuspüren. Oder nutzt, wie bei "Madonna and Child", alte Infrarotfilme der Armee, mit denen kamouflierte Feinde und deren Verstecke ausfindig gemacht werden ­sollen. Der Künstler will zeigen, wie Regierungen in Person ihrer Militärs Menschen wahrnehmen: nämlich über entmenschlichende Technologie. ­

Die Würde zurückgeben

Mosse verwendet die Technik gegen ihren eigentlichen Zweck und gibt den Gezeigten dadurch ihre 
Würde zurück. Der junge Künstler will bei den ­Betrachtern das Gefühl "unruhiger Mittäterschaft" ­erzeugen. Mit vergessener Militärtechnologie macht er auf vergessene Krisen aufmerksam, wie in Zentralafrika. Oder ändert die Perspektive, durch die Flüchtende wahrgenommen werden. Noch mal neu über die Ankommenden nachdenken – kein schlechter 
Auftrag für die Adventszeit.

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