Weimar, Breschnew und AfD: Wie Ideologen die Geschichte umdeuten

Trauermarsch und weiße Rosen
Standpunkt - Trauermarsch und weiße Rosen

Irmela Schautz

Kann man aus der Geschichte lernen? Ja, schon. Und Traditionen für höchst durchsichtige politische Ziele missbrauchen.

Vorgelesen: Standpunkt "Trauermarsch und weiße Rosen"

Es ist eine meiner frühes­ten Erinnerungen an politische Massen im Fernsehen: die Beisetzung des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Iljitsch Breschnew im November 1982 in Moskau. Nebliges Wetter, Massen in schwarz-rotem Trauerflor, akkurate Militärformationen und überall rote Fahnen mit Hammer und Sichel. Ein aufgebahrter Leichnam und getragene Musik. Ich saß vor dem Fernseher und hatte das Gefühl, dass die Geschichte jetzt stillsteht.

Als ich nun im September 2018 die Bilder von der als "Trauermarsch" ­angekündigten Demonstration in Chemnitz sah, kam mir die Beisetzung Breschnews und mein Gefühl von früher wieder in den Sinn. War das erneut so ein Moment, in dem Geschichte stillsteht? Inzwischen wusste ich, dass damals in Moskau auch der Trauermarsch "Unsterbliche Opfer" gespielt worden war. Sein berühmtester Interpret, Dimitri Schostakowitsch, wollte mit diesem Lied der Toten der Russischen Revolution von 1905 gedenken. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Trauermarsch ein Kampflied und ein Klassiker des sozialistischen Totengedenkens.

Katharina Kunter

Katharina Kunter 
ist habilitierte 
Historikerin. Sie­ ­
veröffent­lichte den
 Bildband "500 Jahre 
Protestantismus. 
Eine Reise von den Anfängen bis 
in die Gegenwart". 
Unter anderem ist 
sie für die wissenschaftliche Konzep
tion der Ausstellung 
"500 Jahre Wormser Reichstag" im Jahr 2021 zuständig.
Foto: Privat

Man konnte es auf den Beerdigungen der Nachfolger Breschnews hören, in vielen Städten der DDR am 8. Mai, auf sowjetischen Ehrenfriedhöfen oder wenn ein Soldat der ­Nationalen Volksarmee beerdigt 
wurde. Auch am Tag der Republik, dem Nationalfeiertag der DDR, oder beim jährlichen Totengedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf dem Sozialistenfriedhof in Ostberlin. Mit dem Trauermarsch verschmolzen Politik und Geschichte zu einer "Kampfdemonstration", wie es die SED nannte.

Die AfD nutzt weiße Rosen zur Provokation

An diese Tradition knüpfen die "Trauermärsche" der AfD geschickt an. Sie beschwören den Mythos sozialistischer Geschlossenheit. Sie bieten denen, die Chemnitz noch als Karl-Marx-Stadt in der DDR erlebt haben, ein Dach. Statt roter Nelken, die zu Rosa Luxemburg gebracht wurden, sind es jetzt weiße Rosen. Das lässt sich antifaschistisch deuten, ist aber zugleich eine Provokation: Denn die Weiße Rose steht für eine der bekanntesten deutschen Widerstands­gruppen gegen die Nazidiktatur. Sie wollte eine freie Gesellschaft und nicht die ausgrenzende Welt der ­Nationalsozialisten.

Auf ähnliche Art und Weise eignet sich Geschichte an, wer auf den Trauermärschen die Parole "Wir sind das Volk" ruft. Sie war der stolze Revolu­tionsruf im Herbst 1989, als Woche für Woche Hunderttausende Bürger und Bürgerinnen zu Demonstra­tionen in der DDR friedlich und in der Hoffnung auf eine offene und demokratische Gesellschaft zusammen­kamen. Jetzt ist die Parole national und exklusiv gemeint und bezieht sich auf das deutsche Volk. Gerufen von einer Minderheit, die sich als Mehrheit darstellen möchte.

So verliert die Geschichte ihre eigene Prägung

An diesen Beispielen wird ein 
Muster erkennbar, das für autoritäres Denken typisch ist. Die Vergangenheit verschmilzt mit der Gegenwart und schafft einen neuen politischen Sinn. Dadurch verliert jedoch die ­Geschichte ihre ganz eigene, be­sondere Prägung. Sie läuft aus der ­
Zeit hinaus, sie wird überzeitlich. Sie wird ein Dogma, ein Mythos oder ­eine absolute Wahrheit.

Wenn die historische Wirklichkeit aber keine Rolle mehr spielt, kann man alles mit ihr machen – 
ver­gleichen, rechtfertigen, verein­nahmen, ausgrenzen, polarisieren oder provozieren. Nur sachlich differenziert und offen gegenüber an­deren Meinungen diskutieren, das kann und soll man bei einem solchen Geschichtsmodell nicht mehr.

Leider sind auch die Kirchen und ihre Mitglieder nicht frei von einer solchen Vereinnahmung der Geschichte. Das hat das Reformationsjubiläum vom vergangenen Jahr mehrfach gezeigt. Nehmen wir als Beispiel den Wormser Reichstag 1521. Auf ihm hatte sich Luther geweigert, seine Schriften gegenüber Kaiser Karl V. zu widerrufen. Der Publizist Klaus-­Rüdiger Mai, Autor mehrerer populärer Lutherbücher, sieht in diesem "Triumph der Gewissensfreiheit" und in Luthers Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" den Beginn der modernen Freiheitsgeschichte 
Europas mit ihren Menschen- und ­Bürgerrechten. Diese ist seiner ­Meinung nach heute jedoch ernsthaft bedroht: von der Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen, von nur am Machterhalt interes­sierten Eliten. Wie der römische Zentralismus zu Luthers Zeiten habe ein büro­kratisches, zentralstaatsorientiertes Brüssel die Bürger Europas entmachtet. Hier könne man von Luther und der Geschichte etwas lernen, findet Mai. Nämlich Luthers "Konzept der Regionalität", mit dem er Rom erfolgreich in seine Schranken verwiesen habe. In einem aktuellen Zeitungsbeitrag formuliert Mai noch konkreter: 
Luther verkörpere die alte mittel­deutsche Querköpfigkeit – den Ostdeutschen heute. Mit Luther möchte Mai also eine Reformation auslösen, in der die "unerlöste Geschichte Ostdeutschlands" befreit wird.

Religion mit Ideologie verwechselt

Methodisch macht Mai allerdings genau das, was er der Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland als "Politisierung" vorwirft: dass sie nämlich Religion mit Ideologie verwechsele und die Reformationsgeschichte politisch missbrauche. Tatsächlich gibt es hier und dort Äußerungen, die die Reformation als Anfang der europäischen Freiheitsgeschichte deuten. Der Tenor dabei ist jedoch weder aggressiv noch spaltend: Die Reformation ermutige die Menschen, sich für 
Toleranz und Religionsfreiheit einzusetzen und gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. Die Rolle Luthers haben dabei ­Vorbilder wie die schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und Nelson ­Mandela übernommen. Sie begründen zugleich eine weltoffene, globale Erzählung der Reformation.

Wie war es denn wirklich? Für Luther war eine säkulare Begründung der Menschenrechte aus dem Naturrecht, so wie wir sie aus der ­Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen und aus dem Grundgesetz kennen, völlig undenkbar. Freiheit war für ihn, wie später für einen Großteil des deutschen Luthertums, ein von Gott erwirktes Gnadenrecht. Ich bin froh, dass sich da andere politische Kräfte in der Geschichte durchgesetzt haben. Um mich für Menschenrechte einzusetzen, komme ich auch ohne Luther aus.

Geschichte kann etwas mit unserer Suche nach Identität zu tun haben. Wer bin ich und wie sind wir? Das ­verändert sich von Tag zu Tag. Neue Fragen und Forschungen zur Geschichte halten unser Verständnis von der Welt lebendig. Deshalb sind Diskussionen um die Geschichte auch ein Zeichen für eine starke Demo­kratie. 
Die Offenheit, unterschiedliche Meinungen sachgemäß zu diskutieren, ist entscheidend. Geht es jedoch darum, eine absolute Wahrheit zu recht­fertigen, öffnet sich eine Tür in ein autoritäres Regime hinein.

Eine Historikerin betreibt keine Politik

Meine professionelle Auf­
gabe als Historikerin ist, zu erklären, wie die Welt von heute geschichtlich geworden ist. Ich betreibe keine Geschichtspolitik. Wie ein Detektiv verfolge ich Spuren in die Vergangenheit. Ich betrete einen Raum, dessen Inneres ich noch nicht kenne, den ich erst erforschen muss. Dazu brauche ich Informationen und Dokumente. Es müssen viele sein, und sie müssen einen systematischen Überblick erlauben. Erst dann kann ich Fakten logisch erklären und ihnen einen Sinn geben.

Über diese Deutung kann diskutiert werden. Zum Beispiel, wenn neue Fragen oder neue Quellen auftauchen. Und ich kann auch etwas von ihr lernen. Die amerikanische Historikerin Lynn Hunt hat das schön und human formuliert: Ich kann lernen, denen, die vor uns waren und ihrer Welt Sinn gegeben haben, Respekt zu erweisen.

In einer Zeit, in der an den rechten und linken Rändern des politischen Spektrums viele übergriffig mit Geschichte umgehen, finde ich diesen Gedanken gut. Die Geschichte kann ich bunt oder grau und mit vielen ­Details schreiben. Die Geschichte und 
ihre Menschen dürfen in ihrer Zeit einzigartig bleiben. Einen Vergleich zur vorhergehenden Epoche oder ­eine politische Idee, die sie aus ihrer Zeit hebt und mit der Gegenwart verschmelzen lässt, brauche ich nicht. Das 
gibt mir Distanz und Freiheit. Deshalb bin ich in dieser aufgeregten Zeit auch besonders gern Historikerin.

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Lesermeinungen

Eine Historikerin, die den totalitären übergriffigen Geschichtsrevisionismus Höckes gleichwertig zum Reformationsjubiläum macht, verspielt ihre eigene Reputation. Auch sie missbraucht die Sovjet-Tradition, indem sie diesen Totalitarismus gegen Höckes Weiße-Rosen-Totalitarismus in Stellung bringen will.
Als Christen in der Tradition Bonhoeffes wissen wir, dass nichts davon mit der Nachfolge Jesu Christi zu tun hat. Aber Christus-Nachfolger oder auch nur evangelische Theologen kommen hier nicht zu Wort.
Chrismon betreibt eine SED-Umdeutung der Geschichte, vor allem der Evangelischen. Macht aber nix, liest sowieso keiner. RIP!

"Chrismon betreibt eine SED-Umdeutung der Geschichte" schreibt Frau Ines C. Wo bitte? Mir ist ein solches teuflisches Treiben noch nicht aufgefallen. Insbesondere nicht beim vorliegenden Artikel, der die überlegene ehemalige bunsplikanische, seit geraumer Zeit gesamtdeutsche, "offene und demokratische Gesellschaft" hochleben lässt. Ihr Fett weg bekommen die linken und rechten Ränder, verdächtige Gestalten, die etwas mit "absoluter Wahrheit" am Hut haben sollen.

"Wir sind das Volk" gehört zu den Edelsprüchen, solange es auf den Anschluss des falschen Deutschlands ans richtige Deutschland hinaus wollte. Derselbe Spruch in den Mündern derer, die erst in einigen Jahren mit der CDU koalieren werden, stellt somit heute noch einen Missbrauch dar.

Friedrich Feger