Weihnachten

Wussten schon die ­Propheten von Jesu Geburt?
Religion für Einsteiger - Wussten schon die Propheten von Jesu Geburt?

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Wussten schon die Propheten von Jesu Geburt?

Jahrhunderte liegen zwischen den Verheißungen 
der alten Propheten und der tatsächlichen Geburt in Bethlehem. Das wirft doch einige Fragen auf.

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Am Anfang steht ein Zweifel. Josef, dem Zimmermann, ist Maria zur Frau versprochen. Sie sind noch nicht zusammen gewesen, da zeigt sich, dass sie schwanger ist. Josef, den die Bibel "fromm und gerecht" nennt, plant, sie ohne Aufsehen zu verlassen. Doch im Schlaf erscheint ihm ein Engel. Das Kind, so sagt dieser, stamme vom Heiligen Geist und werde später sein Volk von den Sünden retten. Ein eigen­artiger Satz steht an dieser Stelle der Weihnachtsgeschichte des Evange­listen Matthäus. Das alles geschehe, damit sich ein Prophetenwort erfülle: "Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben", auf Deutsch: Gott mit uns (Mat­thäus 1,22 f. mit Bezug auf Jesaja 7,14).

Da darf, da muss man stutzen. Kann 
es einen solchen Sprung über die Zeiten 
überhaupt geben, liegen doch Jahr­hunderte – sechs bis sieben – zwischen der Lebenszeit der Propheten und der Geburt Jesu? Das müssen ja begabte Männer und Frauen sein, die so lange 
Zeit vor den Ereignissen ­wissen, was bevorsteht. Matthäus führt eine ­ganze Reihe solcher ­frühen Ankündigungen an: Was er über die Geburt Jesu und deren Umstände anführt, gilt ihm als Erfüllung alter Weis­sagungen.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und in der chrismon-Redaktion leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Zuletzt war er dort Leiter des Ressorts "Theologie und Kirche". In der chrismon-Redaktion in Frankfurt am Main ist er insbesondere verantwortlich für die Rubriken "Standpunkt" (Essay), "Religion für Einsteiger", "Entscheidung", für die Herausgeber-Kolumne "Auf ein Wort" und die Leserbriefe. Besondere Interessengebiete: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Solch rückdatierte Prophetie ist auch heute sehr verbreitet. "Wir ahnten schon immer, dass dieses Kind einmal ein berühmter Mathematiker werden wird", sagen Eltern. "Schon als Kleinkind zeigt sie, dass sie andere mit­reißen kann." Oder: "Wir wussten von Anfang an, dass er mit seinen hoch-
trabenden Finanzplänen scheitern wird." Solche Voraussagen treffen mal zu, mal nicht. Ein gutes Maß an Menschenkenntnis hilft dabei, dass solche Voraussagen manchmal auch eintreffen, zumindest nicht völlig danebenliegen. Aber 700 Jahre Voraus-
schau – das kann und wird nicht funktionieren. Nebenbei: Wen Jesaja mit der Jungfrau meint, bleibt unklar.

Man kommt schnell dahinter: Auch wenn sich solche Verweise auf alte Zeiten schön in die Weihnachtsgeschichte einfügen und diese aufwerten, dienen sie doch einem Zweck: Sie sollen unterstreichen, dass Jesus der über Jahrhunderte erwartete ­Messias sei. Diesem Ziel dient auch der umfangreiche Stammbaum Jesu zu Beginn des Matthäusevangeliums. Die Geburt Jesu, das Kommen des Messias, ist Ziel der Geschichte. Das Wort "Erfüllen" ist einer der Leit­begriffe des Matthäus. Im Matthäus­evangelium gibt es zehn solcher "Erfüllungszitate" aus dem Alten Tes­tament.

Die Prophetenzitate sind nicht als Voraussagen zu verstehen

Die Hinweise auf die Propheten werten die Rolle Jesu zusätzlich auf. Er ist derjenige, der die Geschichte vollendet. Er wird die Armen trösten, die Mächtigen vom Thron stürzen, die Armen beschenken, Frieden stiften.

Man darf beim Lesen der Weihnachtsgeschichte nur eins nicht tun: die Prophetenzitate als Voraussage verstehen. Propheten geben keine Prognosen. Sie sagen nicht etwas Zukünftiges voraus, sondern versuchen, die Hoffnung auf Veränderungen zu stärken. Sie sind Glaubenslehrer und mit Pädagogen zu vergleichen. Ihre Aussagen nehmen nicht die Zukunft vorweg, sondern bereiten Menschen auf Veränderungen vor.

Geburt und Leben Jesu als "Er­füllung" der Geschichte zu sehen, ist ein großartiges Bekenntnis. Aber es birgt auch eine Gefahr: dass Christen 
die jüdische Vergangenheit und das 
Judentum abwerten. Das ist ein ernstes 
Dilemma. Doch die Bibel wird sowohl Juden als auch Christen nur dann gerecht, wenn sich die einen nicht auf Kosten der anderen profilieren oder das Alte Testament als Steinbruch für das Neue missbrauchen. Für christliche Herablassung bietet die zutiefst jüdisch geprägte Weihnachtsgeschichte keinen Anlass. Eine jüdische Familie bekommt ein Kind, das ganz im jüdischen Glauben aufgeht, bis es dann eigene Wege geht und das Reich Gottes verkündigt.

Die Erfüllungszitate, die Verweise auf die alten Propheten, sind ge­rade eine starke Klammer zwischen dem jüdischen und dem christlichen ­Glauben. Sie unterstreichen Gemeinsamkeiten und sind alles andere als eine "feindliche Übernahme" des ­Judentums durch die Christen.

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