60 Jahre Brot für die Welt: Helmut Gollwitzer und die Gründung von "Brot für die Welt"

Licht in 
der Wüste
Die Entscheidung - Licht in der Wüste

Marco Wagner

Helmut Gollwitzer, zuvor Berater und Seelsorger der Bonner Republik, wurde zum Kritiker der Wiederbewaffnung und des Adenauer-Staates

Die Entscheidung - Licht in der Wüste

Helmut Gollwitzer war das moralische Gewissen der Bundesrepublik. Auch dann noch, als ihn die Studenten- 
und die Friedensbewegung 
für sich entdeckten

"Es geht nicht ohne einen jeden von uns." Einer Bevölkerung, die nach dem Zweiten Weltkrieg den wachsenden Wohlstand genoss, redete er ins Gewissen, erinnerte sie an ihre soziale Verantwortung. Helmut Gollwitzer, 50-jähriger Theologieprofessor in Berlin und Autor zahlreicher Bücher, forderte, entschlossen den Kampf ­gegen Armut und Hunger weltweit aufzunehmen. "Erst wenn wir uns nicht mehr darauf verlassen, dass andere Instanzen das Problem schon lösen werden; erst dann, wenn wir es uns selbst so auf den Nägeln brennen lassen, wie es als Weltproblem Nr. 1 brennen sollte, bekommt die Sache die nötige Dynamik. Dann bildet sich eine öffentliche Meinung, die auf die Regierung drückt."

 Helmut Gollwitzer, zuvor Berater und Seelsorger der Bonner Republik, wurde zum Kritiker der Wiederbewaffnung und des Adenauer-StaatesMarco Wagner

Es war der 12. Dezember 1959, die Deutschlandhalle in Berlin mit 14 000 Menschen fast gefüllt. Der ange­sehene evangelische Theologe hielt zum Start der ersten Aktion von Brot für die Welt diese entwicklungspolitische ­Programmrede, die bis heute ihre Bedeutung hat. Politiker und Kirchen­spitzen hörten diese Botschaft sehr deutlich. Für Helmut Gollwitzer waren 
Glaube und politisches Engagement zwei Seiten derselben Medaille.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und in der chrismon-Redaktion leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Zuletzt war er dort Leiter des Ressorts "Theologie und Kirche". In der chrismon-Redaktion in Frankfurt am Main ist er insbesondere verantwortlich für die Rubriken "Standpunkt" (Essay), "Religion für Einsteiger", "Entscheidung", für die Herausgeber-Kolumne "Auf ein Wort" und die Leserbriefe. Besondere Interessengebiete: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Als Schüler des Schweizer Theo­logen Karl Barth hatte er sich in der Bekennenden Kirche gegen das NS-Regime engagiert. Über seine Kriegsteilnahme und sowjetische Kriegsgefangenschaft schrieb er ein bewegendes Buch, das eine Gesamtauflage von fast 300 000 erreichte. In der jungen Bundesrepublik suchten Politiker parteiübergreifend seinen Rat und seine seelsorgliche Betreuung. Gollwitzer, von Grund auf ein konservativer Lutheraner, war ein begabter Prediger und einfühlsamer Pfarrer. Opportunismus war ihm verdächtig.

"Christen müssen Sozialisten sein", erklärte Helmut Gollwitzer

Dass er sich in den 50er Jahren mit seinem Freund Gustav Heinemann gegen die Wiederbewaffnung, vor allem gegen Atomwaffen, wandte, irritierte konservative Politiker sehr. Gollwitzer sah sich dazu ethisch verpflichtet. Wie auch zu einer mäßigenden Rolle in der späteren Studentenbewegung. Als Professor der Freien Universität war er väterlicher Berater und Wegbe­gleiter von Rudi Dutschke. Der empfand "Golli" als eines der "wenigen radikaldemokratischen Lichter in der Wüste der autoritären Professorenschaft".

Auch wenn Gollwitzer wiederholt äußerte: "Christen müssen Sozialisten sein", ging er klar auf Distanz zum real existierenden Sozialismus und zu allen, die Gewalt als Weg der ­politischen Veränderung predigten. Im Jahr 1972 kritisierte er öffentlich die Bombardierung Nordvietnams durch amerikanische Flugzeuge. ­Medien rückten ihn fälschlicherweise 
in die Nähe der Rote-Armee-Fraktion. 
Er sprach im Mai 1976 am Grab der Terroristin Ulrike Meinhof, weil er es als seine Pflicht als Seelsorger ansah. Es gab ihm auch Gelegenheit, den Weg in die Gewalt zu kritisieren.

Die Radikalität, die Gollwitzer meinte, war die der Nächstenliebe und der Verantwortung vor Gott. 1968 ­hatte die Vollversammlung des Weltkirchenrates in Uppsala votiert: "Die Kirchen sollen sich auf verantwort­liche Weise an Bewegungen für radikale strukturelle Wandlungen beteiligen, die notwendig sind, um größere Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu er-
reichen." Ebenfalls 1968, auf der Synode 
der Evangelischen Kirche in Deutschland in Berlin-Spandau, war es Helmut Gollwitzer, der die Gliedkirchen zu größeren finanziellen Leistungen für Entwicklungshilfe aufforderte.

Dass Helmut Gollwitzer so beherzt zum Helfen aufrief, begründete er so: 
Wir Menschen verdanken das aller­meiste nicht uns selbst, sondern an­deren Menschen und der Gnade Gottes. Viele der rund 1000 Veröffent­lichungen Gollwitzers führen zu diesem Punkt zurück. Sie alle zeigen, dass er seine "im Grunde konservative Theologie mit einer progressiven politischen Ethik aussöhnte", wie der Journalist Ralph Ludwig einmal schrieb.

Infobox

Die Rede von Helmut Gollwitzer zum Nachlesen findet sich hier: "Brot für die Welt!"

Sehr lesenswert ist die Gollwitzer-Biografie des Theologen und Journalisten Ralph Ludwig: "Der Querdenker. Wie Helmut Gollwitzer Christen für den Frieden gewann" (Wichern-­Verlag Berlin, 120 Seiten, elf Abbildungen, 9,95 €).

Das Grab Helmut Gollwitzers und seiner Frau Brigitte befindet sich auf dem St.-Annen-Kirchhof in Berlin-Dahlem.

Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, zeigt in ihrer Dauerausstellung Dokumente Helmut Gollwitzers.

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