EKD-Synode debattiert über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche

Scham-Offensive
Missbrauch Kirche

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Missbrauch Kirche

Die EKD-Synodalen sind schockiert über die sexualisierte Gewalt gegen Kinder in der evangelische Kirche. Endlich soll flächendeckend aufgearbeitet werden.

Vielleicht ist dieser 13. November 2018 tätsächlich ein Einschnitt in der Geschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dies hat die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwaetzer, prophezeit. Denn an diesem Dienstag haben sich die 120 Synodalen zum ersten Mal intensiv mit der Tatsache beschäftigt, dass es evangelische Pfarrer, Kirchenmitarbeiter und Ehrenamtliche gab und wohl immer noch gibt, die sich an Kindern und Jugendlichen vergreifen.

Claudia Keller

Claudia Keller ist Chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gerne über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Es ist schon acht Jahre her, dass die Missbrauchsfälle am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurden. Kurz danach meldeten sich Betroffene, denen von evangelischen Pfarrern Gewalt angetan wurde. Einige Landeskirchen, allen voran die Nordkirche, haben daraufhin Anlaufstellen eingerichtet, Studien in Auftrag gegeben und Präventionsmaßnahmen gestartet. Aber eben längst nicht alle. Bei einer öffentliche Anhörung im Juni in Berlin schleuderten betroffene Frauen und Männer den Kirchenvertretern ihre Wut und ihre Frustration darüber ins Gesicht. Seitdem versucht die evangelische Kirche, im Schnellverfahren nachzuholen, was jahrelang versäumt wurde.

Berührende Rede

Am Dienstagmittag trat die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs auf der Tagung der Synode ans Mikrofon und hielt eine sehr berührende, leidenschaftliche und überzeugende Rede. Vor einigen Jahren hat sie maßgeblich die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Nordkirche angestoßen. Seitdem versucht sie, auch ihre Kollegen für das Thema Missbrauch zu sensibilisieren. Zunächst dankte sie den Betroffenen dafür, dass sie überhaupt noch mit der Kirche sprechen, nach all den Verletzungen, "die wir ihnen als Institution zugefügt haben" und auch angesichts der Fehler, die in den vergangenen Jahren in der Aufarbeitung der Verbrechen gemacht worden seien. Es gebe "nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen, an dem unsensiblen und wirklich unangemessenen Verhalten seitens verschiedenster kirchlicher Stellen." Danach warb sie darum, dass sich die Kirche von der Basis bis zur obersten Leitung eine "Haltung" erarbeiten und verinnerlichen müsse. "Eine Haltung, aus der heraus man sich mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzt und dann auch den Verwundungen, Ängsten, den Forderungen und auch dem Zorn Betroffener mit Achtung begegnen kann." Sie warb dafür, den Betroffenen endlich zuzuhören und von ihnen zu lernen. Später stellte sie einen 11-Punkte-Plan vor, wie die EKD in Zusammenarbeit mit den Landeskirchen das Ausmaß der Verbrechen erforschen und Risikofaktoren analysieren will.

Die Risikofaktoren sind andere als in der katholischen Kirche

Aber zunächst erzählte sie von Johanna. Sie musste mit 15, 16 Jahren die Zudringlichkeiten des Pastors ertragen, der "Dankbarkeit" von ihr erwartete dafür, dass er ihr half mit der schwierigen Situation zu Hause. "Als Johanna nach Monaten der sexualisierten Gewalt Anstalten macht, sich dieser unerträglichen Ohnmacht zu erwehren und das aufgezwungene Schweigen zu durchbrechen, schreit der Pastor sie an: Wem, meinst du, wird man glauben? Dir oder mir? Johanna sei erstarrt", erzählt Kirsten Fehrs, Johanna habe es weiter geschehen lassen und das Furchtbare abgespalten.

Der Täter habe seine Übergriffe mit der "zeitgeistigen Ideologie der späten 1970er Jahre verbrämt", sagte Kirsten Fehrs – und kam damit auf einige der Risikofaktoren zu sprechen, die Missbrauch in der evangelischen Kirche begünstigt haben. Experten verweisen für die katholische Kirche unter anderem auf den Zölibat, männerbündische klerikale Netzwerke und Hierarchien, die sexuellen Missbrauch befördern können . Evangelische Pfarrer müssen nicht zölibatär leben, und die Hierarchien sind wesentlich flacher. In den 1970er und 1980er Jahren waren es die Abgründe einer liberalen Sexualmoral in Verbindung mit der Reformpädagogik, die dazu führten, dass sich Pastoren ermächtigt fühlten, Grenzen der Nähe zu überschreiten. In Bezug auf das, was in der Nordkirche passiert ist, schilderte Fehrs dies so: "Man ließ in der Gemeinde den Missbrauch zu, indem man verwischte, was Lüge und was Wahrheit, was berechtigte Amtsautorität und was pastoraler Machtmissbrauch ist, indem man Freiheit sukzessive gleichsetzte mit Grenzenlosigkeit. Es entstand eine Kultur der Grenzverachtung, in der es keine Korrektur durch eine Beschwerdeinstanz gab. Wer hätte das auch sein sollen? Waren doch alle irgendwie miteinander bekannt, verwandt, verbrüdert, voneinander abhängig. Der Täter mit dem Kollegen, mit manchem Kirchenvorsteher auch, mit dem Propst und mit Oberkirchenräten."

Geschlossene Gesellschaften

Gerade die dezentralen Strukturen in der evangelischen Kirche hätten Zuständigkeiten verwischt, manche Einrichtungen entwickelten sich zu geschlossenen Gesellschaften, weil Kontrolle von außen kaum möglich war – Kirsten Fehrs erwähnte in diesem Zusammenhang dezidiert auch den "evangelikalen Bereich". Auch das evangelische Pfarrhaus – das öffentlich bisweilen als wohltuendes Gegenteil zum zölibatär lebenden katholischen Priester wahrgenommen wird – könne sich als Falle für Kinder erweisen, so Fehrs. Dann nämlich, wenn der Pfarrer seine eigenen Kinder missbraucht und sich die Machtposition des Vaters durch die Amtsautorität des Pastors potenziert.

479 Fälle sind bekannt

Bislang sind in den unabhängen Kommissionen, die es in zehn der 20 Landeskirchen gibt, 479 Fälle von sexualisierter Gewalt bekannt geworden, Zweidrittel davon betreffen Heimkinder. Wie groß das Dunkelfeld ist, weiß momentan niemand. Die EKD will im Januar externe Wissenschaftler damit beauftragten, das Ausmaß insgesamt zu erforschen. Außerdem sollen alle 20 Landeskirchen eigene Risikoanalysen durchzuführen. In einem zweiten Schritt sollen die Ergebnisse der Landeskirchen in einer EKD-weiten Meta-Studie zusammengeführt werden. Auch soll endlich eine externe Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet werden. Im EKD-Haushalt für 2019 sind dafür 1,3 Millionen Euro eingeplant. Ein "Beauftragtenrat" aus fünf leitenden Geistlichen soll den Landeskirchen Druck machen, die beschlossenen Maßnahmen umzusetzen.

Denn ein großes Problem gibt es bei all den wichtigen Beschlüssen: Die EKD als Dachverband kann die Landeskirchen zu nichts verpflichten, sie kann für ihre Vorhaben nur werben. Kirsten Fehrs hat mit ihrem Bericht und der empathischen und klugen Art ihres Vortrages viel dafür getan. Die Synodalen und die Bischöfe dankten es ihr, indem sie alle aufstanden und lang anhaltend applaudierten. Auch die zwei Betroffenen, die extra für diesen Tag nach Würzburg gereist waren, standen auf und klatschten.

Spontane Schweigeminute

Im Anschluss meldeten sich viele Synodale zu Wort und sprachen sichtlich bewegt von ihrer Scham und ihrer Beklemmung, von Zorn und Trauer angesichts dessen, was sie soeben gehört hatten. "Ich frage mich, wie viele von uns hier in der Synode selbst Betroffene sind und sich mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen müssen", fragte ein Synodaler mit stockender Stimme.
Ein Superintendent aus dem Saarland berichtete davon, wie sexualisiert die 1970er Jahre gewesen seien, als er aufgewachsen ist. "Ständig mussten wir aufgeklärt werden, sogar im Konfirmandenunterricht." Das habe er als übergriffig empfunden. "Das müssen wir theologisch aufarbeiten", rief er seine Kollegen auf. "Wir haben in der evangelischen Kirche eine Tradition, die besagt: Im Reich der Liebe ist alles möglich."

Zwei Armlängen Distanz

Der Synodale Igor Zeller beschrieb, wie sein Beruf des Kantors ihn "Gefährdungen aussetzt". Die Musik führe an Grenzen und sei sinnlich. Bei den Chorproben stehe er dann vor einer Gruppe, führe sie an und zeige Emotionen. "Das gibt einem ein Gefühl von Macht, und da rollen Fantasien der Sänger auf einen zu", sagte er. Berufseinsteiger seien überhaupt nicht darauf vorbereitet, wie sehr dieser Beruf etwas mit Nähe und Distanz zu tun habe. Er habe gelernt, Distanz zu halten, und habe für sich klare Regeln aufgestellt: "Zwei Armlängen", sagt er, "so groß muss die Distanz mindestens sein". Wenn ein Mädchen weint, bittet er ihre Freundin, sie zu trösten. Bei den Feiern nach den Konzerten trinkt er keinen Alkohol und achtet daruf, nicht als Letzter nach Hause zu gehen.

Es darf nicht bei großen Worten bleiben

Andere forderten, "alles und wirklich alles zu tun, damit die Wahrheit ans Licht kommt und den  Betroffenen Gerechtigkeit widerfährt".  Am Ende der einstündigen Aussprache legten die Kirchenparlamentarier spontan eine Schweigeminute für die Opfer ein. Manche wischten sich Tränen von den Wangen.

"Haben wir den Mut und die Kraft, uns den Dingen wirklich zu stellen?", fragte ein Synodaler. "Nur die Offenheit hilft den Betroffenen." Hinter diese Synode werde man nicht zurückgehen können, sagte Irmgard Schwaetzer, die Präses der Synode. Sie versprach, dass sich die Synode von jetzt an regelmäßig mit dem Thema beschäftigen werde. Fest steht: Die Bischöfe und Kirchenparlamentarier werden daran gemessen werden, ob auf ihre Worte, ob auf die große Betroffenenheit und Scham, Handlungen folgen, die die Kirche verändern.

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Lesermeinungen

Zitat: "Der Täter habe seine Übergriffe mit der "zeitgeistigen Ideologie der späten 1970er Jahre verbrämt", sagte Kirsten Fehrs."

Es war ja nicht nur ein Täter, es war auch lt. Fr. Fehr (in kleinerem Umfang als in Katholizimus) eine systemimmanente Begründungsmöglichkeit.

Da ist sie wieder, diese unseligen Verquickung des Protestantismus mit der Politik. Der protestantische Pietismus, der sich berechtigt fühlt, nicht nur die religiöse sondern auch politische Welt zu verändern, gerät mit diesem Anspruch selbst in moralischen Bereichen in tiefste Gewissensnöte.
Denn diese verbreitete libertäre Grundstimmung zeichnet ja besonders auch die Kirche aus, die sich damit im politischen Zielwasser wohl fühlen konnte. Ähneln doch Kirchentage bis jetzt häufig auch Parteiveranstaltungen zur Weltverbesserung. Wenn religiöse und politische Weltanschauungen unentwirrbar miteinander verquickt werden, was ist dann noch Religion, was ist dann noch Politik? Von der Kanzel kann man jeden Sonntag eine neue Weisheit verkünden. Wenn aber die Kanzel politisch wird, wird sie parteiisch, wird sie zum politischen Kostgänger und "exkommuniziert" aus ihren Reihen alle die anderer Ansicht sind. Die Aufarbeitung ist ein großes Ziel. Hoffen wir, das Schäden und öffentliche Aufmerksamkeit nicht aus dem Ruder laufen.