Einsamkeit

Finde mal wen, der passt
Wolfram Fabian v. Massenbach geht jeden Tag durch den Spandauer Forst spazieren

Ina Schoenenburg

Wolfram Fabian v. Massenbach geht jeden Tag durch den Spandauer Forst spazieren. Dabei kann er gut nachdenken

Wolfram Fabian v. Massenbach geht jeden Tag durch den Spandauer Forst spazieren

Eine Partnerin oder einen guten Freund. Wolfram Fabian v. Massenbach twittert viel, war im Nachbarschaftstreff und beim Zumba-Tanzen. 


Abends, wenn es stiller wird in Berlin und dunkel, fällt es Wolfram Fabian Freiherr v. Massenbach oft schwer, allein zu Hause zu sein. Er würde dann lieber noch mal raus, jemanden treffen und quatschen. Aber mit wem? Er ist 54. Finde da mal wen, der passt, sagt er.

Er hat gerade Urlaub und viel Zeit, durch sein Viertel zu spazieren, eine Runde durch den Wald zu drehen und seine Geschichte zu erzählen. Sie handelt von einem, der ein zufriedenes Leben führte mit Frau und Tochter und sich keinen Kopf machte um Freundschaften und wie man Leute kennenlernt. Lief ja alles. Doch die Ehe ging kaputt, und er fiel heraus aus den Gewohnheiten und selbstverständlichen Beziehungen. Vier Jahre ist das her. Seitdem denkt er sehr viel über Freundschaften nach. Er weiß jetzt, wie sich Einsamkeit anfühlt. Wie man sich stundenlang in Twitter-Chats verlieren kann. Weil niemand in der ­Nähe ist, mit dem man sich versteht, ohne viel erklären zu müssen, der ­einen akzeptiert, wie man ist.

Claudia Keller

Claudia Keller ist Chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gerne über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Ina Schoenenburg

Der Fotografin Ina 
Schoenenburg ist bewusst 
geworden, dass sie zwar die 
Namen der 
Bewohner ihres Hauses von den Klingelschildern am Eingang kennt. Aber kaum einen davon einem 
Gesicht zuordnen kann. Dabei lebt sie schon eine kleine Ewigkeit dort.

Jede dritte Ehe wird geschieden, Familien brechen auseinander, und viele versuchen gar nicht mehr, sich dauerhaft zu binden. Die Marktforschungsgesellschaft GfK fand Anfang des Jahres heraus, dass in Berlin fast jeder zweite Haushalt ein Singlehaushalt ist. In München, Köln, Würzburg und Passau ist der Anteil der Einper­sonenhaushalte noch höher. Einsamkeit ist also nicht nur ein Phänomen der Großstadt, aber dort ist es be­sonders schwierig, sie abzuschütteln. Weil das Leben hektischer ist und teurer, weil die Wege weiter sind und noch weniger Zeit bleibt, aufeinander zu achten und sich umeinander zu kümmern. Für alleinstehende Männer 
im mittleren Alter ist es vielleicht besonders schwer, Anschluss zu finden. 
Weil viele es nicht gewohnt sind, Freundschaften zu pflegen, und es ihnen vielleicht auch schwerer fällt zuzugeben, dass ihnen etwas fehlt.

Umzug an den Stadtrand

Wolfram Fabian v. Massenbach wohnt jetzt in Spandau am nordwestlichen Stadtrand. In diesem Teil von Berlin gibt es schicke Wassergrundstücke an der Havel, es gibt Hoch­häuser und soziale Brennpunkte. Massenbach lebt in einer kleinbürger­lichen Gegend in einer Wohnanlage aus den 1920ern. Hier muss keiner was hermachen, wenn er aus dem Haus geht. Die Rentner haben beige 
Steppwesten an, die sehr jungen Mütter bequeme Leggings und weite Shirts, und nicht wenige tragen ein Kopftuch. Massenbach kommt in Jeans, Sweatshirt und Turnschuhen zur verabredeten Bus­haltestelle.

Er weiß, dass die Leute bei einem Adelstitel an Schloss denken. Deshalb nur kurz: Die Massenbachs sind alter Adel, und, ja, es gibt Familienmitglieder mit Landgütern, und bei Familientreffen ist der teure Anzug Pflicht. Seins ist das nicht, war es noch nie. Sein Vater starb früh, seine Mutter zog ihn mit wenig Geld allein groß und bekam von der Familie Anweisungen, wie der Sohn zu geraten habe, aber keine Unterstützung. "Bei denen zählt, was du bist, nicht wer du bist", sagt Massenbach.

Steigende Zahl von Single-Haushalten

Das Protzen und Welterklären liegt ihm nicht. Massenbach möchte nicht gefallen. Er hört lieber zu und antwortet ge­duldig. Gemütlich schlendert er die ­Straße entlang. Der Wald ist immer da, man muss nicht hetzen. Massenbach ­deutet auf ein Fenster im Erdgeschoss mit Plastikblumen auf der Fensterbank: Hier wohnt er in eineinhalb Zimmern, 53 Quadratmeter, praktisch geschnitten mit großem Hinterhof. ­
Er sei hier mittlerweile ganz gerne, sagt er. Nur die vielen Autos nerven und dass alle zehn Minuten Flugzeuge auf dem Weg zum Flughafen Tegel so tief übers Haus donnern, dass man den Namen der Fluglinie lesen kann. Aber eine Viertelstunde die Straße runter werden die Häuser kleiner und die Gärten größer, und der Spandauer Forst beginnt.

Massenbach ist ein moderner Mann. Er ist zu Hause geblieben, hat die Tochter großgezogen, seine Frau machte Karriere. Er wollte, dass ­einer da ist, wenn die Tochter von der ­Schule kommt – anders als bei ihm früher. Er sei ein Familienmensch, sagt er. Die Hausarbeit machte ihm nichts aus, er erledigte sie ganz gern. Er war zufrieden mit seinem Leben und bekam nicht mit, wie unzu­frieden seine Frau war. "Ich hatte mich so sehr an alles gewöhnt, dass ich mich selbst ins Aus geschossen habe", sagt er. Seiner Frau genügte er nicht mehr, und nach 22 Jahren war Schluss.

Massenbach wollte keine Kämpfe, überließ die Altbauwohnung im bürgerlichen Viertel Frau und Tochter. Sein Gehalt als Buchhalter in einem Steuerbüro reicht in Berlin aber nur noch für den Stadtrand. Und weil er hier aufgewachsen ist und seine hilfsbedürftige Mutter hier wohnt, mietete er die Wohnung in Spandau.

Das erste Jahre war hart

Es war, als wäre er in eine andere Stadt gezogen. Von seinem früheren Leben trennt ihn über eine Stunde Fahrt mit Bus und Bahn.
Laub raschelt unter den Füßen, die Sonne bringt die bunten Blätter zum Leuchten. Ab und zu fallen Eicheln herab wie schwere Regentropfen. ­Fabian Massenbach zeigt auf die vielen abgeknickten Baumstämme und herumliegenden Äste. Alles Folge der Trockenheit. Fast jeden Nachmittag, wenn er aus dem Büro kommt, läuft er hier und beobachtet genau, was sich verändert.

Wenn er über das Jahr nach der Trennung spricht, zieht Massenbach die Schultern leicht nach oben. Es ging ihm damals sehr schlecht, besonders in der Adventszeit. Es tat weh, die glücklichen Familien und Paare auf dem Spandauer Weihnachtsmarkt zu sehen, obwohl er sich aus Weihnachten nicht viel macht. Er trinke keinen Alkohol, sagt er, zum Glück. Sonst ­hätte er den Schmerz womöglich betäubt und es wäre mit ihm weiter 
bergab gegangen. "Da musste was tun", habe er sich gesagt. Und dann hat er angefangen zu twittern. Nach der Arbeit saß er vier, fünf, sechs Stunden mit seinem Handy auf dem Sofa und schrieb in privaten Twitter-Chats. Anfangs suchte er eine Partnerin, bis ihm die Community klarmachte, "dass man sich auf Twitter nicht verliebt", wie er sagt. Es gehe um Freundschaft.

Neue Twitter-Freunde

Er musste viel lernen. Zwei Frauen erklärten ihm die Twitter-Regeln und machten ihm Mut, auch Gefühle preiszugeben. Eine Nachtkrankenschwester half ihm, ein Profil zu erstellen, wenn nicht viel los war in ihrer Schicht. "Man nimmt teil am Leben der anderen", sagt er, "man erkundigt sich, wie es dem anderen geht, unterstützt sich gegenseitig." Mit Twitter-Freunden kann er über Musik oder Fantasy-Literatur fachsimpeln. Mit Venezolanern und ­Kolumbianern diskutiert er über ­Politik. Mit einer Twitter-Freundin telefoniert er alle zwei bis drei Tage, weil sie gerade ­Hilfe brauche. Auch bei #KeinerBleibtAllein hat er sich angemeldet. Und wenn es nicht mehr passt, kann man abschalten. Er will sich nicht mehr "verbiegen" für jemanden. Dass eine an ihm rummäkelt, weil er ­Gothic-Musik hört, kommt nicht infrage. Seine Freiheit genieße er, sagt Massenbach. Er sei oft auch gern ­allein. Aber eben nicht immer.

 Er ist geschieden, und mittlerweile genießt er seine Freiheit. Er ist oft auch gerne allein. Aber nicht immerIna Schoenenburg

Allein zu sein, weil man seine 
Ruhe haben will, und Einsamkeit, weil man gerne mit jemandem zusammen wäre, aber keiner da ist, das sind Zustände, die ineinander übergehen. Massenbach hat festgestellt, dass Twitter gut zum Alleinsein passt. Um sich nicht einsam zu fühlen, braucht es aber Be­ziehungen im echten Leben. Anteilnahme im virtuellen Raum kann echte Nähe nicht ersetzen. Doch die Twitter-Freunde leben weit weg. Zu seiner Tochter hat er ein gutes Verhältnis und trifft sie ab und zu, aber sie hat jetzt angefangen zu studieren und lebt ihr eigenes Leben. Mit dem Bruder telefoniert er manchmal. Aber auch der wohnt weit weg.

Er schwärmt von Lateinamerika

Im Spandauer Forst kann man weit laufen. Zu DDR-Zeiten stieß man 
irgendwann an die Mauer. Fabian Massenbach hat das nie als Enge empfunden, sondern als Geborgenheit. Man konnte sich nie verlaufen. Er mag die kleinen Orte, denkt in Stadtvierteln und hat nicht das große Ganze Berlins im Blick. Früher sei er in eine Kneipe um die Ecke gegangen oder in die Disco, sagt Massenbach, dort habe sich oft was ergeben. Aber mit 54 funktioniere das nicht mehr. Und wo sollte er auch hin? "Schauen 
Sie sich um, hier gibt’s ja nichts", sagt er. Die kleine Runde durch den Wald ist zu Ende. Er steht jetzt wieder vor seinem Haus, an der Ecke ist eine Shisha-Bar. Die arabischen Jungs sind nicht seine Welt. An der an­deren Ecke ist eine Pizzeria. Aber auf Pizza hat er auch nicht immer Lust. Bleibt eine Schultheiss-Kneipe, aber Alkohol mag er nicht. Und ein Café, das um 19 Uhr schließt.

Das steuert er nun an und bestellt einen Latte ­macchiato auf die Terrasse. Hier kann er eine rauchen. In Lateinamerika, beginnt Massenbach zu schwärmen, da setzt man sich ins Café, würfelt und spielt Backgammon miteinander. Er war früher öfter da. So was fehlt ihm total.

Massenbach sieht einen aus hell­blauen Augen an mit einem Blick, der Übereinstimmung sucht und nicht dominieren will. Er hat eine sonore Stimme. Die Haare sind schütterer geworden, und die Bartstoppeln sind nicht mehr blond, sondern grau. So jemand müsste doch Kontakt finden. Aber es geht ja nicht um "Kontakt", sagt er. Es geht darum, wahrge­nommen zu werden mit allen Interessen, akzeptiert zu werden mit den Eigenheiten. Es geht um das, was einen Menschen ausmacht und ihn zusammenhält, manche nennen das Identität, andere sagen dazu Seele. Sie verkümmert, wenn keiner da ist, der einen bestätigt. Oder etwas entgegensetzt, woran man sich reiben kann.

Viele Angebote für Senioren

Um sich zu vergewissern, dass man da ist, braucht es andere. Für Senioren und Frauen gibt es viele Angebote, um sich auszutauschen, zumal in Berlin, der Hauptstadt der Selbsthilfegruppen. 
Rentner treffen sich zum Frühstücken im Restaurant von Kaufhof, Frauen zum Stricken in der Cafeteria von Ikea. Für alleinstehende Männer im mitt­leren Alter gibt es nichts. Beim Nachbarschaftstreff saß Massenbach mit 70-Jährigen zusammen. Beim Zumba-
Tanzen schauten ihn verwunderte 30-Jährige an, das Fitnessstudio ist ihm zu teuer. Mit den arabisch- und türkischstämmigen Nachbarn ist es schwer, ins Gespräch zu kommen. Die Frauen dürften ihm ja nicht mal die Hand geben. Die Arbeitskollegen? Sind nett, sagt Massenbach, aber viel jünger. Sein Chef ist Anfang 30.

Einmal ist er 500 Kilometer gefahren, um eine Twitter-Freundin in Nürnberg auf einen Kaffee zu treffen. Sie hatten vorher geskypt und telefoniert, "wunderschön" sei das gewesen. Doch als sie sich gegenüberstanden, merkten sie sofort, dass es nicht passt. "War eine super Erfahrung", sagt ­Massenbach. Weitergeholfen hat sie auch nicht.

Mehr Geld würde helfen

Mit Partnerbörsen hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Sein Adelstitel lockt die Falschen an, die, die versorgt werden wollen. Die Enttäuschung ist dann groß, wenn er von seinem Bankkonto spricht. Würde es helfen, wenn er viel Geld hätte? Massenbach überlegt eine Weile. Er könnte reisen, ­vielleicht würde er in ein anderes Viertel ziehen mit mehr Möglichkeiten, ­Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen. "Vielleicht kann man sich dann eine Frau eher aussuchen", sagt er – und erschrickt fast über den Satz. Denn dann wüsste er ja nicht, ob die Frau sich wirklich für ihn interessiert oder fürs Geld.

Ein großer rötlich-brauner Hund mit kurzem Fell zieht mit einer Frau an der Leine am Café vorbei. Massenbach dreht sich um. War das Kimbo? Der Hund samt Nach­barin? Vor einem Vierteljahr hörte er, wie es im Haus rumste und jemand schrie. Der große Hund seiner Nachbarin hatte sie so kräftig gezogen, dass ihr die Haustür ins Gesicht prallte und sie umwarf. Massenbach eilte zu ihr, sie lag blutend auf dem Boden, er half, sie zu versorgen, und passte auf den Hund auf, während sie ins Krankenhaus gebracht wurde.

Beim Laufen können sie gut reden

Die Nachbarin ist 
in seinem Alter, ebenfalls geschieden und hat wie er ein Kind. Das passt ganz gut, sagt Massenbach. Vielleicht liege es auch daran, dass er sie in einem verletzlichen Zustand gesehen hat. Jedenfalls war da plötzlich eine Offenheit, für die es sonst sehr lange braucht. Sie haben sich öfter mal getroffen, sagt Massenbach. Und seit ein paar Wochen gehen sie jeden Tag ein bis zwei Stunden zusammen mit dem Hund raus. Beim Laufen im Spandauer Forst können sie über vieles reden.

Vielleicht entwickelt sich mehr daraus, vielleicht nicht. Massenbach will das Verhältnis nicht überstrapazieren. "Ich habe Zeit", sagt er und zieht noch einmal an der Zigarette. Abends ­twit­tert er jetzt nur noch ein, zwei Stunden. Der Kaffee ist ge­trunken, das Café schließt bald. ­Massenbach geht nach Hause. "Es war ein langer Tag, ich mache es mir jetzt gemütlich", twittert er später und postet dazu ein Foto. Sein Zimmer im Kerzenschein mit Regalen und Sofa.

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