E-Mail aus Schweden: Nach der Wahl

Härter geworden
Bürger in der schwedische Stadt Helsingborg am 18.9.2018 auf dem Weg ins Wahllokal

Peter Arvidson/imago

Der Weg in ein Wahllokal in der Stadt Helsingborg

Bürger in der schwedische Stadt Helsingborg am 18.9.2018 auf dem Weg ins Wahllokal

Die Rechtspopulisten waren bei der Parlamentswahl in Schweden weniger erfolgreich als befürchtet. Die Stimmung wird trotzdem immer fremdenfeindlicher, berichtet eine Lehrerin

Wir sind vielleicht mit einem blauen Auge davongekommen. Die rechts­populistischen Schwedendemokraten wurden bei der Parlaments­wahl im September "nur" drittgrößte Partei. Aber der Preis war hoch: ­Ihre Ton­lage und ihre Politik haben auf die ­anderen Parteien abgefärbt. Und nicht nur auf diese. Ich unterrichte in der Oberstufe und beobachte, dass die Sprache, mit der Jugendliche übereinander sprechen, härter geworden ist. Schneller als früher werden Flüchtlinge als Problem oder sogar potenzielle Kriminelle dargestellt. "Der gehört abgeschoben", hörte ich neulich einen Schüler über einen Klassenkameraden sagen, dessen ­Eltern aus dem Iran stammen.

Sofi Sander

Die schwedische Lehrerin Sofi Sander gehört gemeinsam mit ihrem deutschen Ehemann zur deutschsprachigen 
Gemeinde Stockholm.
PrivatSofi Sander

"Was ihr für einen meiner gerings­ten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Als der achtzigjährige Christdemokrat Alf Svensson dies im Sommer in einem Radiointerview ­zitierte, fiel mir auf, wie selten solche Worte in der politischen Debatte geworden sind. Die Haltung, dass die Politik die Schwachen und Kranken schützen muss, hat die Christdemokraten in den 90er Jahren groß gemacht. Empathie für Menschen aus anderen Ländern war eine Selbstverständlichkeit. Dieses Jahr warb diese Partei im wohlhabenden Stockholmer Vorort Danderyd mit Wahlplakaten, auf denen stand: "Jetzt reicht’s! Obergrenze für Migranten." Traurig ist es zu sehen, wie ansteckend der Sprachgebrauch der Erwachsenen auf die Jugendlichen ist. Trotzdem hoffe ich weiter auf die Begegnungen im Klassenzimmer. Schüler mit unterschiedlichem Hintergrund werden Freunde, und wir Lehrer versuchen weiter, Werte wie Empathie, Gerechtigkeit und Gleichheit zu vermitteln. Das ist natürlich nichts Neues, aber mir scheint, es wird immer wichtiger.

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