Harald Glööckler über Schuldgefühle, seine Kindheit und Jesus

Das Barocke in mir will raus!
Fragen an das Leben - Harald Glööcker

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Harald Glööcker

Harald Glööckler, "Prince of Pompöös", kennt seinen eigenen opulenten Kern. Und wenn ihn seine Kunstfigur verwirrt, dann hilft das Vaterunser

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Harald Glööckler: Immer, ich habe eine unglaubliche Power. Ich glaube, dass manche Menschen in ihren Genen mehr mitbekommen. In mir ist so ein opulenter Kern, und dieses Barocke will raus: Alles wird vergoldet, die Frauen werden zu Prinzessinnen, alles wird schön.
 

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Kinder strahlen diese Güte aus. Das wird einem später ausgetrieben, man wird domestiziert. Ich selbst hatte es als Kind nicht leicht, es war ein Horror. Kam ich nach Hause, 
wusste ich nie: Hat mein Vater meine Mutter wieder geschlagen? Liegt sie blutend am Boden, ist sie tot? Alle wussten davon, alle haben weggeschaut, auch der Pfarrer. 
Aber ich musste wahrscheinlich in diesen Schlamassel ­hineinkommen, damit ich überhaupt damit anfange, ­meine Stärke auszuformen. Ich glaube, Gott hat mich mit so vielen Gaben ausgestattet, weil er jemanden braucht, der faszinieren kann. Meine Aufgabe ist es, Menschen ein gutes Gefühl zu geben, sie ins Licht zu führen.

Harald Glööckler

Harald Glööckler, 
bekannt für 
seine pompösen Selbst­inszenierungen, 
wurde 1965 geboren und eröffnete 1987 ­
in Stuttgart seine erste Boutique. 
Neben Mode und Schmuck entwirft er auch Porzellan, ­Tapeten und Teppiche. Im Auftrag 
der Deutschen Bibelgesellschaft 
gestaltete er einen Schuber für die Lutherbibel 2017, 
geschmückt mit 
seinem Konterfei. Kürzlich ­erschien sein Buch "Kirche, öffne dich! Hat die Kirche noch Zukunft?" Glööckler lebt mit 
seinem ­Partner, Dieter 
Schroth, in Kirchheim an der Weinstraße.
Dirk von NayhaußHarald Glööckler

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Früher hatte ich ein großes Problem mit Jesus, wie er da blutend am Kreuz hängt. Und man hat mir immer ­gesagt, der sei für meine Sünden gestorben. Welche Sünden soll ein fünfjähriges, sechsjähriges Kind begangen haben? Ich habe nicht gesagt, der soll sich ans Kreuz nageln ­lassen. Was für eine bekloppte Geschichte ist denn das?! Kam ich aus der Kirche, habe ich mich immer schlecht gefühlt. Meine Verbindung zu Jesus entwickelte sich erst später, als er mir in meinem Garten bei einer ­Meditation er­schienen ist und ich feststellte: Der ist ganz anders! Dieses Bild, das uns vermittelt wird, hat mit ihm gar nichts zu tun. Der Kern der Sache ist doch, dass Jesus uns gesagt hat: Egal, was mit dir passiert, du kannst ­immer neu anfangen, du kannst jeden Moment neu geboren ­werden. Das ist eigentlich die Message. Die bringen sie aber nicht rüber in der Kirche, dort sprechen sie immer nur von Schuld und Sünden. Es gibt Leute, die sagen zu mir: "Ich möchte mit dieser verlogenen Bagage nichts zu tun haben." Und dann schaffe ich es, dass wir doch in eine Diskussion kommen. "Ich bin auch ausgetreten und finde vieles nicht gut", sage ich, "aber ich wünsche mir eine Kirche, die uns auffängt, wenn wir stürzen, die uns hält, wenn wir stolpern."

"Früher fand ich mich nicht schön"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Was für Schuldgefühle? Die kriege ich nicht. Manchmal sage ich etwas, das nicht ganz so charmant ist, aber ich ­mache aus meiner Seele keine Mördergrube. Ich ­sage dann: "Es tut mir leid, aber mich hat das genervt." ­Meistens ­entgegnet der: "Muss Ihnen nicht leidtun, im ­Gegenteil, das war total scheiße von mir." Früher war ich sehr ­impulsiv, damit habe ich Menschen verletzt. Das wollte ich nicht und habe angefangen, mich zu ­kon­trollieren. Es war ein ­langer Weg, aber inzwischen habe ich mich immer im Griff. ­Wofür ich der Kirche sehr dankbar bin, ist das ­Vaterunser. Wenn ich merke, dass ich im Kopf ­schwimme, dann fange ich an, das Vaterunser runterzuleiern, und komme in eine tiefe Ruhe. Ein Gebet, das so viele ­Millionen Menschen beten, hat Energie.

 

Wer oder was hilft in der Krise?

Als ich 13 Jahre alt war, hat mein Vater meine Mutter die Treppe runtergestoßen, am nächsten Tag ist sie ge­storben. Ich musste meiner Mutter noch versprechen, dass ich niemandem etwas erzähle. Was wollen Sie machen als Kind? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das alles genau war, ich kann nicht mehr rein in diesen Film. Da sträubt sich ­etwas in mir. In der Krise muss man sich selbst helfen, das denke ich auch heute. Im Notfall rufe ich eine ­meiner Wahr­sagerinnen an. Es gab schwierige Situationen, da habe ich nicht zuerst mit meinem Anwalt, sondern mit einer Wahrsagerin gesprochen. In der letzten Zeit hatte ich keine Krise. Ich reagiere nicht mehr so emotional.
 

Ist Eitelkeit eine Last oder eine Tugend?
Früher fand ich mich nicht schön. Das ist einer der ­Gründe, warum ich mich ständig verändere. Ich glaube, ich wollte auch Spuren verwischen. Ich könnte zerrüttet sein bei dem, was ich erlebt habe. Ich wollte das alles hinter mir lassen – neues Gesicht, neuer Körper. Das ist legitim, jeder muss gucken, wie er durchs Leben kommt.

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Lesermeinungen

Harald Glööckler wäre für mich leichter zu akzeptieren, wenn er durch einen Wiedereintritt in unsere Kirche ein Signal gesendet bzw. ein Zeichen gesetzt hätte.
So bleibt er leider auch bei guten Gedanken für mich unglaubwürdig.