Arbeiten im Krematorium

Sie arbeitet im Krematorium
Anfänge - Sie arbeitet im Krematorium

Ina Schönenburg

Ute Walkusch ist jetzt Kremations­technikerin – und nicht mehr nur "die Frau vom Chef"

Anfänge - Sie arbeitet im Krematorium

Beruf: Verstorbene einäschern. Der Einstieg war nicht leicht 
für die gelernte Krankenschwester

Ute Walkusch:

Ich stand mit der Frau vor dem Ofen, der Sarg mit ihrem Mann war durch die Öffnung ins Feuer gefahren, die Türen hatten sich zugeschoben. Nur die Teelichter brannten. "Mir fehlte das Ende", sagte die Frau in die Stille hinein. Dass ihr Mann nach der Trauerfeier noch mal abtransportiert worden war, sei ihr seltsam vorgekommen: "Unser Versprechen war, auch den letzten Weg gemeinsam zu gehen." Nun hatte sie Wort gehalten und einen Abschluss gefunden – für sich. Im Krematorium.

Ich habe im Januar die Ausbildung zur Kremationstechnikerin abgeschlossen und begleite regelmäßig Angehörige von Verstorbenen bei der Einäscherung. Oft stehe ich nur im Hintergrund, aber manchmal bitten mich die Angehörigen zu sich. Dann löst sich etwas bei ihnen. Sie fangen an zu reden. Diese Momente geben mir viel.

Was ich nun alles über Ofentechnik und Emissionsschutz weiß!

In der Ausbildung war ich die einzige Frau. Bei der Zeugnisvergabe waren die anderen überrascht: Ich 
­hatte den zweitbesten Abschluss. "Mädchenbonus", hieß es dann auf der Abschlussfeier. Aber ich war einfach ­fleißig gewesen, hatte viel gelernt – Ofentechnik, BWL... Ich wollte ein Zeichen setzen. Die Branche ist doch so männerdominiert.
Seit meiner Ausbildung bin ich im Krematorium nicht mehr nur die "Frau vom Chef". Mein Mann hatte den Betrieb in Brandenburg 2006 übernommen, 2012 folgte ich ihm aus meiner Heimat Schleswig-Holstein. Wenn ­Bestatter technische Fragen hatten, musste ich den Hörer immer an meinen Mann weiterreichen. Jetzt nicht mehr. Was ich nun alles über Emissionsschutz und Anlagen­bedienung weiß!

Und wenn Angehörige fragen: "Ist da wirklich mein Vater drin?", dann erkläre ich ihnen die Abläufe. Dass der Amtsarzt vor der Einäscherung ein zweites Mal die Todesursache prüft. Dass wir nicht – wie einige glauben – im Keller einen Haufen Asche haben, sondern jeder Körper gesondert verbrannt wird und in den gut zwei Stunden Kremation in kleine, poröse Knochenteile zerfällt. Dass wir Sargnägel und künstliche Hüftgelenke aus dem Aschkasten entfernen. Dass aber Zahngold oft mit der Asche verschmilzt und direkt in die Urne gefüllt wird. Das ­erkläre ich ganz behutsam.

Ich kann mit Tod umgehen – wirklich! Aber diese ganzen Särge

Mein Einstieg in die Krematoriumsarbeit war hart. Ich war 30 Jahre Krankenschwester gewesen, hatte zuletzt einen Pflegedienst geleitet. Ich kann mit Tod umgehen – wirklich! Aber diese ganzen Särge, diese Mengen an Verstorbenen... Als Pflegerin hatte ich bei Toten immer Bilder im Kopf: Frau Meier, Herr Schulze – alle waren Menschen, die ich beim Sterben begleitet hatte. Aber im Krematorium sehe ich täglich etliche Verstorbene, zu ­denen ich keine Beziehung habe. Jeder hat seine Nummer.

Ich muss erwähnen: Ich stamme auch aus einer Bestatterfamilie. Auf Familienfesten wird immer gescherzt, Opa habe mich schon als kleines Mädchen in einen leeren Sarg gesetzt, als er nicht wusste, wohin mit mir. Meine Mutter war entsetzt. Opa aber sagte auf Platt: "Ist doch blot ne Holtkist!" So war’s damals. Lebhaft.

Trotzdem brauchte ich ein halbes Jahr, um mich im Krematorium zurechtzufinden. Mein Mann war mein bes­ter Lehrmeister. Ich begriff: Dass jeder Verstorbene seine Nummer hat, verhindert nicht nur Verwechslungen. Es hilft mir, die Balance zwischen Empathie und Distanz zu finden. Wir leben ja auch noch im selben Haus. Unsere Wohnung liegt über den Kühlräumen. Vor allem wenn ich mal allein bin, spüre ich die große Verantwortung. Aber unser Terrier Hinnerk patrouilliert ums Haus, ­während unser Schweizer Sennenhund Willi sich von allen durchknuddeln lässt. Willi ist quasi Therapiehund: Der Kontakt mit ihm löst bei vielen die Anspannung.

Wenn wir die Wohnungstür schließen, dann lassen wir den Alltag hinter uns, dann wird auch mal gefeiert. Und wenn uns alles zu viel wird, setzen wir uns aufs ­Motorrad. Das macht den Kopf frei. Kino, Kultur, ein ­großer Freundeskreis – das ist Ausgleich. Ich lerne gerne 
neue Menschen kennen. Kommt das Gespräch auf die ­Arbeit, bleibe ich manchmal vage. "Kremationstechni­kerin", das sprengt jede Feier. Da gibt’s plötzlich nur noch ein Thema. Stattdessen bin ich dann für einen Abend nur "technische Angestellte" – stimmt ja auch.

Protokoll: Nicholas Brautlecht

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