Der Sündenfall: der mächtigste Mythos der Menschheit

Warum ließen sich Eva und Adam mit einem Apfel verführen?
Warum ließen sich Eva und Adam mit einem Apfel verführen

Lisa Rienermann

"Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde", heißt es im Buch Genesis

Warum ließen sich Eva und Adam mit einem Apfel verführen

Schon die ersten Menschen setzten sich über ein Gebot Gottes hinweg. Danach waren sie klüger, aber wohl nicht glücklicher

Vorgelesen: Religion für Einsteiger - Warum ließen sich Eva und Adam mit einem Apfel verführen?

Ein Mann, mit nichts angetan als einem Feigenblatt, eine Frau, ebenso spärlich bekleidet, da­neben eine Schlange, die ihnen einen Apfel bringt: Diese Geschichte kennt jeder. Sie erzählt von der ersten Sünde der Menschen und ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Den "mächtigsten Mythos der Menschheit" nennt sie Stephen Greenblatt, Literaturprofessor in Harvard, der sich sonst meist mit Shakes­peare befasst. In seinem Buch "Die Geschichte von Adam und Eva" untersucht er Inhalt und Wirkung.

Die Erzählung aus dem ersten Buch der Bibel hat wenig mit Lust und Liebe als vielmehr mit den Fragen zu tun: Wie frei sind Menschen? Dürfen sie gegen Gottes Verbote rebellieren? Es ist ein didaktischer Geniestreich des biblischen Autors, dass er die Glaubensfrage mit viel nackter Haut in Verbindung brachte. Das hat die Fantasie vieler Menschen zu allen Zeiten angeregt, wenn auch in eine etwas falsche Richtung gelenkt.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und in der chrismon-Redaktion leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Zuletzt war er dort Leiter des Ressorts "Theologie und Kirche". In der chrismon-Redaktion in Frankfurt am Main ist er insbesondere verantwortlich für die Rubriken "Standpunkt" (Essay), "Religion für Einsteiger", "Entscheidung", für die Herausgeber-Kolumne "Auf ein Wort" und die Leserbriefe. Besondere Interessengebiete: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp, leitender chrismon-Redakteur Theolgie, Redaktionsportraits Maerz 2017

Wie geht sie wirklich, die Erzählung vom Sündenfall im Paradies, die in der christlichen Kunstgeschichte und der Werbung so viel Platz fand (Buch Genesis/1. Buch Mose, Kapitel ­
2 und 3)? Eine Frau namens Eva und, von ihr angestiftet, ein Mann namens Adam übertreten das einzige Verbot Jahwes: von den Früchten eines besonderen Baumes im Paradies zu essen, des Baumes "der Erkenntnis des ­Guten und Bösen". Gott hatte sein Verbot mit einer Strafandrohung unterstrichen: "An dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben" (Genesis 2,17). Kaum hatten sie von dem Apfel genossen, bemerkten sie, dass sie nackt waren. Sie spürten ihre Blöße, ihre Verletzlichkeit. Das rasch angebrachte Feigenblatt machte sie nur verdächtig. Gott stellte sie zur ­Rede und wies sie aus dem Paradies.

Die eigentliche, folgenreiche Erkenntnis Adams und Evas reicht weiter: Sie merken, dass sie ihren ­eigenen Willen über den Gottes ­stellen können. Sie können sündigen. Der Sündenfall ist für sie ein Akt der Emanzipation, teuer erkauft durch den Verlust des Paradieses, durch schmerzhafte Schwangerschaften und Geburten, die Herrschaft des Mannes über die Frau, mühsame Arbeit auf den Äckern und karge Ernten, schließlich den Tod. Sie handeln sich alle Übel der Welt ein. Und das erklärt auch, wieso von "Äpfeln" die Rede ist, obwohl diese Frucht in der Geschichte vom Sündenfall gar nicht ausdrücklich genannt wird. Das hat mit einer Wortgleichheit in der lateinischen Bibelübersetzung zu tun: Böses und Apfel heißen beide malum.

Es klingt so, als sei Gott auf Adam und Eva eifersüchtig

Den heute von der Aufklärung geprägten Menschen ist es schwer verständlich, wieso Neugier, Selbstverantwortung, Mündigkeit in der Paradiesgeschichte so schlecht angesehen sind. Es klingt so, als sei Gott eifersüchtig (" . . . der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist"). Gott erklärt sogar, er sei froh, dass die Menschen nicht noch zusätzlich vom "Baum des Lebens" gegessen haben, dann wären sie sogar unsterblich. Neidet er es ihnen?

Die Geschichte vom Sündenfall ist kein Lehrtext über Sexualität, über das Verhältnis von Mann und Frau, über Äpfel oder die Gefährlichkeit von Schlangen. Warum ausgerechnet eine Frau die Menschheit, personifiziert durch den Adam, verführte, lässt sich anhand der Bibel nicht beantworten. Es ist auch nicht die Pointe dieser Geschichte. Die ist: Alle Menschen überschreiten Gottes Gebote. Der Mythos vom Sündenfall versucht zu erklären, warum die von Gott so gut erschaffene Welt so viele unerträgliche Seiten ­aufweist: Unterdrückung, Dürren, Hunger, Krankheit, Tod. Sie resultieren demnach letztlich aus dem Eigensinn der Menschen.

Stephen Greenblatt erzählt in ­seinem Erfolgsbuch "Die Geschichte von Adam und Eva" von einer ganz ­eigenen religiösen Rebellion. Beim Sabbatgottesdienst seiner Synagoge galt die Regel, dass alle beim Schlussgebet des Rabbi ihre Blicke senkten. Denn in diesem Augenblick, so hieß es, 
schwebe Gott über den Köpfen. Wer ihn sehe, müsse sterben. Eines Tages nahm Stephen allen Mut zusammen und schaute hoch. Er sah: nichts. Der Blick auf Gott gelang nicht. Es war wie in der Paradiesgeschichte – danach war er klüger, aber nicht glücklicher.

Leseempfehlung

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

In ihrem Artikel Adam und Eva klingt es im vorletzten Abschnitt so, als ob Dürren, Hunger, Krankheit und Tod eine Folge des Sündenfalls sei. Sie schreiben: „Unterdrückung, Dürren, Hunger, Krankheit, Tod (sie) resultieren demnach letztlich aus dem Eigensinn des Menschen“.
Ich hoffe, Sie meinen nicht im Ernst, dass der physische Tod durch die Sünde des Menschen gekommen sei. Die Folge des Sündenfalls ist ein Geistlicher Tod, eine Entfremdung zwischen Gott und den Menschen. Daraus folgt eine Unterdrückung der Geschlechter und die Erfahrung, dass der Tod als Bedrohung erlebt wird.
Physischer Tod, Vergänglichkeit, Schmerz und Leiden ist in einem physischen Universum unvermeidlich. Ohne den physischen Tod gäbe es kein Leben. Paulus drückt es in Röm 8 so aus: Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen durch Gott. Da ist von der Sünde des Menschen nicht die Rede.
Eine (von Gott gesteuerte) Evolution ist ohne Werden und Vergehen nicht möglich. Wahrscheinlich haben sich frühere Generationen das so vorgestellt, dass physischer Tod und die Schmerzen aus dem Sündenfall resultieren. Aber theologisch ist das heute nicht zu halten. Es wäre grotesk, das Sterben von Pflanzen, Tieren und Menschen erst nach dem menschliche Sündenfall anzusiedeln. Das wäre eine unzulässliche Überhöhung menschlicher Sünde.