Jörg Stier über Streuobstwiesen und Schafzucht

Aus der Reihe tanzen
Eine Streuobstwiese in Hohenrode

Kathy Büscher/flickr

Eine Streuobstwiese in Hohenrode

Streuobstwiese Hohenrode

Die Streuobstwiese ist das artenreichste Biotop nördlich der Alpen: Ein Zuhause für rund 5000 Tier- und Pflanzenarten. Auch für die Bischofsmütze.

Wie ist die Streuobstwiese entstanden?

Jörg Stier

Jörg Stier, 
Jahrgang 1959, ist Autor und im 
Arbeitskreis Streuobstwiese ­aktiv. Er hat eine kleine Kelterei 
bei Frankfurt am Main und engagiert sich für ein 
Apfelweinmuseum. Von ihm sind 
unter anderem 
erschienen: "Vom Apfel zum Wein" und "Apfelwein in Geschichten 
und Anekdoten", beide im 
CoCon-Verlag.
PrivatJörg Stier

Jörg Stier: Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren überall die Weinberge zerstört, die Brunnen vergiftet, die Landschaft ein Trümmerfeld. Das war der Anlass für die Herrschenden, sich die Obstgärten in England, Frankreich und Spanien zum Vorbild zu nehmen. Bis dahin war Obstbau in der Regel Weinbau. Vielerorts war es sogar verboten, Apfelbäume außerhalb von Klostergärten zu pflanzen. Die Namen mancher Apfelsorten wie "Pfaffenapfel" oder "Bischofsmütze" erinnern noch daran.

Woher kommt der Name "Streuobstwiese"?

Stier: Anders als bei einer Plantage, wo die Bäume alle in Reih und Glied stehen, sind sie auf der Streuobstwiese "verstreut". Apfelbäume gehören zu den Rosengewächsen. Und bei denen ist der Nachbau auf demselben Flecken Erde unmöglich. Wenn ein alter Baum stirbt, muss man den neuen Baum ein Stück daneben pflanzen. Über die Jahrzehnte tanzen die Bäume so nach und nach alle aus der Reihe.

Sie bezeichnen Streuobstwiesen als ein ­Generationenprojekt. Warum?

Stier: Auf Streuobstwiesen stehen große, hohe "hochstämmige" Bäume. Die braucht es, weil die Streuobstwiese schon immer mehreren Zwecken diente: Unter den Bäumen wuchsen Kräuter, auch das Vieh graste dort, besonders Schafe. Und die sollten ja nicht die Früchte ernten, bevor die Menschen das tun konnten. Diese Bäume aber brauchen nun mal ihre Zeit, bis sie groß werden und voll tragen. Sie werden zwischen 80 und 110 Jahre alt. Wir ernten also von den Bäumen, die unsere Großeltern gepflanzt haben.

"Früher gab es auf unseren Streuobstwiesen rund 2000 Apfel­sorten"

Warum gibt es auf Streuobstwiesen eigentlich keine Monokulturen, sondern immer viele Apfelsorten?

Stier: Das liegt vor allem an der Bestäubung: Bäume einer Apfelsorte benötigen immer die Pollen einer anderen Sorte, sie können sich nicht selbst befruchten. Auf Obstplantagen wird es deswegen von Hand oder maschinell gemacht. Auf der Streuobstwiese funktioniert das mit Insekten, wenn sie eine ent­sprechende Vielfalt vorfinden. Früher gab es auf unseren Streuobstwiesen rund 2000 Apfel­sorten. ­Diese Sortenvielfalt ist der Grund, warum aus diesen Früchten ein guter Apfelsaft oder ­Apfelwein entsteht: Der unterschiedliche ­Gehalt an Säure, Fruchtzucker, Gerbstoffen ergibt in der Mischung ein ausgewogenes und ausgeprägtes Aroma.

 Eine sehr alte Sorte, auch bekannt als "geflammter Kardinal". Sie ist anspruchslos und wiederstandsfähig und eignet sich besonders gut zum Backen und DörrenArchiv

Die Land- und Obstwirtschaft hat sich aber nun mal gewandelt. Warum brauchen wir noch Streuobstwiesen?

Stier: Weil es auf der Streuobstwiese keinen Abfall gibt, nur Ernte: Die Äpfel, die zusätzlich dort wachsenden Früchte und Beeren, das Heu und auch das Holz – alles wird verwertet. Früher verhinderten die Schafherden auf den Streuobstwiesen, dass Büsche wuchsen. Während der Keltersaison holte der Schäfer den Trester an der Apfelpresse ab und verteilte ihn wieder auf der Wiese. Den fraßen dann wieder die Schafe. Das war ein echter Kreislauf.

"Die Schafzüchter hierzulande geben reihenweise auf"

Heute sieht man kaum mehr Schafe auf Streuobstwiesen . . .

Stier: . . . weil die Keltereien in der Nachkriegszeit die Preise für die Äpfel drückten. Sie wollten den Apfelwein möglichst günstig anbieten. Für viele Streuobstwiesenbesitzer hat sich die Bewirtschaftung aber nicht mehr gelohnt. In den sechziger und siebziger Jahren führte die Rodungsprämie der Europäischen Gemeinschaft dann dazu, dass viele Streuobstwiesen zu Ackerland oder Plantagen wurden. Und bis heute werden sie auch noch in Bauland um­gewandelt. Von ehemals 12 bis 15 Millionen Apfelbäumen in Hessen ist nur noch eine ­Million übrig geblieben.

Und was ist mit den Schafen?

Stier: Die Schafzüchter hierzulande können nicht mehr mit denen aus Neuseeland und Australien konkurrieren und geben reihenweise auf. Also muss der Mensch mit Maschinen einspringen, um die Wiesen zu pflegen. Wo das nicht geschieht, verfallen die Streuobst­wiesen. Denn die sind nun mal eine Kulturlandschaft, sie brauchen Pflege. Allerdings gibt es nach wie vor Bedarf für ihre Produkte. Denn glücklicherweise dürfen beispielsweise für den "Hessischen Apfelwein" ausschließlich Äpfel von hessischen Streuobstwiesen ver-wendet werden. Hier existiert eine reiche ­Apfelweinkultur mit langer Tradition. Und die wird auch gerade wieder hip. Mittlerweile gibt es sogar Handyhüllen im Äppelwoi-Design.

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