Pomologe Jens Meyer über die Bestimmung von Apfelsorten

Schneeweiß bis rosenrosa
Apfelsortiment

Lisa Rienermann

"Der Pommersche Schneeapfel heißt so, weil er schneeweißes Fleisch hat"

Apfelsortiment

Kennen Sie den Finkenwerder Herbstprinz? Es gibt Tausende Apfelsorten mit tollen Namen. Der Pomologe Jens Meyer erklärt, warum wir sie erhalten sollten.

Sind neue Apfelsorten resistenter gegen Krankheiten und Schädlinge?

Jens Meyer

Jens Meyer, 
55, in Lübeck 
aufgewachsen, ist Tischlermeister 
und Mitglied der Pomologischen Kommission des Pomologen-
vereins und im 
Erhalternetzwerk Obst­sorten-
vielfalt tätig.
PrivatJens Meyer

Jens Meyer: Im Gegenteil. Moderne Sorten sind oft krebsanfällig und schorfempfindlich. Selbst im Bioanbau werden Äpfel mehrmals mit Schwefel und Kupfer behandelt. Biobauern bauen auch hauptsächlich Supermarkt­sorten an. Dabei wäre mehr Variabilität schlauer. Manche Sorten muss man nie spritzen, sie kriegen auch nie Schorf.

Warum baut die niemand an?

Meyer: Weil ein paar große Supermarktketten bestimmen, was gezüchtet wird. Die wollen Masse und wenig Auswahl.

Wozu braucht man dann die alten Sorten?

Meyer: Für die Zucht neuer Sorten benötigt man genetische Vielfalt. Wir wissen zum Beispiel nicht, welche Auswirkungen der Klimawandel noch auf den Apfelanbau haben wird.

"Im Spätsommer und Herbst sitze ich fast jedes ­Wochenende auf Apfelfesten."

Woher bekommt man alte Sorten?

Meyer: Sorten wie den Finkenwerder Herbstprinzen bekommt man auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen. Bei uns in der Gegend, in Lübeck, haben wir eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft, die fünf Supermärkte betreibt. Ich bin auch Mitglied. Schade, dass es das nicht überall gibt.

Was macht eigentlich ein Pomologe?

Meyer: Im Spätsommer und Herbst sitze ich fast jedes ­Wochenende auf Apfelfesten und bestimme Sorten von Privatleuten, damit sie wissen, was in ihrem Garten wächst. Außerdem prüfen wir für das Erhalternetzwerk Obstsortenvielfalt Äpfel und Birnen auf ihre Sortenechtheit. Dazu sammeln wir Proben der Erhalter, also von Sammlern und Baumschulen ein, und vergleichen die Merkmale der Äpfel mit Beschreibungen in Büchern oder Vergleichspflanzungen.

"Zwischen 30 und 50 Prozent der Lieferungen von Baumschulen sind falsche Sorten."

Manche Sorten sind nicht "echt"?

Meyer: Ja, zwischen 30 und 50 Prozent der Lieferungen von Baumschulen sind eigentlich falsche Sorten.

Zum Beispiel?

Meyer: 20 Jahre lang waren fast alle Bäume, die in Deutschland als Roter Eiserapfel verkauft wurden, eigentlich der ­Blauacher Wädenswil. Das haben Kollegen von mir vor drei, vier ­Jahren herausgefunden. In einem Muttergarten war ein Fehler unterlaufen. Der ist jetzt aber korrigiert.

Wie prüfen Sie das?

Meyer: Ich schaue mir die Schalenstruktur, die Form, die Stiel­größe, die Kelchgrube, das Kernhaus und die Kerne an. Auch Textur und Farbe des Fruchtfleischs können Auskunft geben. Der Pommersche Schneeapfel heißt zum Beispiel so, weil er schneeweißes Fleisch hat. Natürlich probiere ich den Apfel auch, gucke dann im Laptop nach und vergleiche. Ich habe 10 000 Fotos von 700 Apfelsorten.

"Bei Obst muss immer etwas lebend angebaut sein."

Und wenn Sie die Sorte bestimmt haben?

Meyer: Dann wird die Sorte in unserer Datenbank freigegeben und Privatpersonen können Edelreiser, das sind Triebe der Sorten, direkt bei den Erhaltern bestellen.

 Der Finkenwerder Herbstprinz ist ein Zufallsprodukt der Natur, stammt von der Elbe und ist sehr aromatischAlamy Stock Photo/WILDLIFE GmbH

Was wird getan, damit auch in Zukunft möglichst viele Obstsorten zur Verfügung stehen?

Meyer: Die Bundesrepublik hat sich 1992 in Rio dazu ver­pflichtet, Biodiversität zu erhalten. Seit einigen Jahren ist daher die Deutsche Genbank Obst im Aufbau. An einigen Instituten in Deutschland werden daher möglichst viele Sorten angebaut. Saatgut von Gemüse kann man einfrieren und für tausend Jahre im ewigen Eis lagern. Mit Obst geht das nicht. Da muss immer etwas lebend angebaut sein.

"So was darf nicht oft passieren, sonst sind die Sorten für immer weg."

Wo werden die Sorten aufbewahrt?

Meyer: In etwa zehn Sammlungen wie dem Julius-Kühn-Institut 
in Dresden-Pillnitz. Das ist aber nicht genug. Vor ein paar Jahren mussten sie dort den gesamten Birnenbestand ­wegen eines Befalls roden. So was darf nicht oft passieren, sonst sind die Sorten für immer weg.

Und welchen Apfel essen Sie am liebsten?

Meyer: Ende Juli ist der Stark Earliest super, im September der 
Hadelner Rotfranch und im Januar ist der Berlepsch top. Das Tolle am Apfel ist ja, dass jede Jahreszeit ihre Frucht hat.

Infobox

Eine Übersicht, wo Sie alte Apfelsorten kaufen können, finden Sie auf unserer Apfelkarte.

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